17.09.2026 08:47
Aus der Geisendörfer-Jury Kindermedien
epd "Handwerklich hanebüchen", "an der Grenze des Zumutbaren", "hastig runtergekurbelt": Gut, dass die Betroffenen nie erfahren werden, welchen Einreichungen diese Urteile galten. Die Begründungen für die Geisendörfer-Preisträger sind öffentlich, die Meriten der knapp unterlegenen Nominierungen werden im Jury-Bericht gewürdigt, über allem anderen liegt der Mantel des Schweigens. So viel sei allerdings gesagt: Der Abstand zwischen den potenziell preiswürdigen Produktionen und den Schlusslichtern ist in den vergangenen Jahren größer geworden. Am Ende der Liste fanden sich diesmal auch einige öffentlich-rechtliche Formate mit klangvollen Namen.
Das mag überraschen, lässt sich aber erklären: Ohne eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags werden die Kalkulationen immer knapper. Für die etablierten Marken wird es daher schwieriger, die gewohnten Qualitätsstandards zu erfüllen. Und weil viel Geld in die Breite investiert werden muss, ist weniger für die Spitze übrig, deshalb gibt es bei ARD und ZDF weniger sogenannte Highlights. Der Spielraum für Experimente wird kleiner, ebenso der Mut zum Risiko und die Bereitschaft, "out of the box" zu denken.
Ausgerechnet RTL hat vorgemacht, zu welch beachtlichen Ergebnissen eine andere Strategie führen kann: Mit den "Neuen Geschichten vom Pumuckl" ist dem Sender, wie es 2024 in der Preisbegründung hieß, "ein kleines Wunder gelungen". Die Jury würdigte damals den vorbildlich gelungenen Versuch, einen Klassiker des Kinderfernsehens behutsam und auf handwerklich höchstem Niveau zu modernisieren. Die Serie bot perfekte Unterhaltung für Kinder und Eltern. Auch die zweite Staffel bewegt sich mit ihrem Spagat zwischen Nostalgie und Innovation handwerklich und darstellerisch auf hohem Niveau. Die Jury konnte allerdings keine neuen Impulse oder inhaltlich besonders preisrelevanten Akzente erkennen. Daher stand recht früh fest, dass der Pumuckl diesmal keinen Preis bekommen würde. Trotzdem landete die zweite Staffel mit dem frechen Kobold auf einem der vorderen Plätze.
Es gibt keine entsprechende Regel, aber es ist der Jury ein Anliegen, die Preise möglichst heterogen zu vergeben, also zum Beispiel eine dokumentarische Sendung und einen Spielfilm oder eine Serie auszuzeichnen und nach Möglichkeit unterschiedliche Sender. Die ersten drei Plätze deckten das Spektrum der Kindermedien perfekt ab: eine ZDF-Zeichentrickserie, eine Sonderausgabe der "Sendung mit der Maus" (WDR) und das "Kakadu"-Hörspiel "Räuberessen" von Deutschlandfunk Kultur.
"Räuberessen" von von Frauke Angel (Buch) und Friederike Wigger (Regie) erzählt von Armut, Überforderung und Scham aus der Perspektive des zehnjährigen Jonne, der viel zu früh Verantwortung für seine Mutter übernehmen muss und daran im Schulalltag fast zerbricht. Dass aus dieser prekären Lage auch die Gefahr entsteht, in falsche Entscheidungen oder sogar Kriminalität abzugleiten, wird mit großer Genauigkeit und ohne jede Effekthascherei erzählt.
Darin liegt die besondere Stärke des Stücks: Es ist thematisch hochrelevant, ohne je in bloße Problemillustration abzurutschen. Das Hörstück ist nicht zuletzt aufgrund der ausnahmslos herausragenden Sprecherleistungen preiswürdig, die Mitwirkenden verleihen den Figuren Tiefe, Widersprüchlichkeit und Glaubwürdigkeit. Es zeigt zudem eindrücklich, wie vorschnelle Urteile den Druck noch verstärken können.
Bemerkenswert ist auch, dass Angel keine einfachen Lösungen anbietet, sondern zum Nachdenken und Gespräch herausfordert. Nach Ansicht der Jury war dies "ein ausgesprochen starker Preiskandidat, bei dem Themenwahl und künstlerische Umsetzung in seltener Weise zusammenfinden". Das liebevoll inszenierte Hörspiel überzeugt auch durch seinen ungeschminkten Realismus. Mutig ist vor allem der Schluss: Jonne möchte freiwillig in ein Kinderheim. Diese Lösung widerspricht komplett den Erzählkonventionen im Kinderprogramm, wirkt aber sinnvoll und pragmatisch.
Buch und Regie verzichten auf einen Erzähler und eine Einführung. Roter Faden ist Jonnes Gespräch mit einer Mitarbeiterin des Jugendamts, der er sein Schicksal schildert. Das könnte jüngere Mitglieder der Zielgruppe des vor 30 Jahren gestarteten Kinderprogramms von Deutschlandradio möglicherweise überfordern. Die Botschaft der Geschichte richtet sich letztlich an die Erwachsenen: Das mit viel Empathie und großem Respekt vor den Figuren gestaltete Hörspiel macht deutlich, wie wichtig es ist, sensibler für die Signale der Kinder zu werden, um ihre Not zu erkennen und sie zu unterstützen. Repräsentantin einer entsprechenden Unfähigkeit ist Jonnes ignorante Lehrerin, die einzige etwas überzeichnete Figur. Die überforderte Mutter des Jungen hingegen weckt mit ihrer in die Realitätsflucht führenden Hoffnungslosigkeit vor allem Mitgefühl.
Noch besser als "Räuberessen" waren nach Ansicht der Jury jedoch die beiden Fernsehbeiträge. "Die Geschichte von Felix Nussbaum", eine Sonderausgabe der "Sendung mit der Maus" anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, erzählt die Lebensgeschichte des 1944 in Auschwitz ermordeten jüdischen Malers. Das Special beginnt mit den sogenannten Stolpersteinen, ein klug gewählter Auftakt, um Kindern die Geschichte hinter Nussbaums Gedenktafel zu erzählen.
Am Ende schließt sich der Kreis, wenn Kinder bei einem Schulprojekt Stolpersteine putzen. Mit diesem Schluss vermittelt die Sendung ihre von der Jury so interpretierte Botschaft: "Jeder kann heute Verantwortung übernehmen und etwas gegen Antisemitismus tun." Auch deshalb ist diese Ausgabe etwas Besonderes. Sie pflegt die Erinnerungskultur in einer Zeit, da Teile der Gesellschaft das Kapitel Nationalsozialismus am liebsten ausblenden würden, und würdigt einen weniger bekannten Künstler.
Die Sendung leistet, was anspruchsvolle historische Vermittlung für Kinder können muss: Renate Bleichenbach und Clemens Gersch schildern das Leben von Nussbaum respektvoll, verständlich und zugleich mit großer erzählerischer Kraft. Höhepunkt ist die Rekonstruktion des verschollenen Drehbuchs für einen nie realisierten Animationsfilm durch Studio Lutterbeck. Dank "Pit und Peggs Traumreise" wird der Künstler auch als schöpferische Persönlichkeit greifbar.
Regisseur und Produzent Matthias Bruhn, im letzten Jahr gemeinsam mit Ralf Kukula für "Fritzi und Sophie" geehrt, wollte der Vision Nussbaums sichtlich so nahe wie möglich kommen. Der Trickfilm orientiert sich daher am Animationsstil der 1930er Jahre und verwendet Farben, die der Maler auch in seinen Gemälden benutzt hat.
Nebenbei fördert die Sendung die Medienkompetenz, indem sie den Prozess der Entstehung des Films von den ersten Illustrationen bis hin zur Produktion von Musik und Geräuschen dokumentiert. Die Gestaltung mit ihren "Projektionen" von Gemälden und Fotografien auf die Fassaden oder in den Himmel sowie die optische Kombination von Gegenwart und Vergangenheit sind ebenfalls überaus gelungen: Die Moderatorin schaut zum Zugfenster raus und blickt in die Vergangenheit. Sehr sympathisch ist auch die Idee, die Zeichentrickfiguren vorwitzig in die Moderationsebene fahren zu lassen.
Entscheidend für die Preisvergabe war die Einbettung des Kurzfilms in den hervorragend konzipierten und handwerklich perfekt umgesetzten Rahmen: Bekanntes Archivmaterial wird klug montiert, ohne belehrend zu wirken. Die Anbindung an die Stolpersteine als reale Orte im Alltag macht Historie konkret und schult so den Blick für Verantwortung und Erinnerung. Tonfall und Vermittlung sind kindgerecht, ohne die historischen Verbrechen zu verharmlosen oder unnötig zu schockieren; ein Musterbeispiel gelungener Geschichtsvermittlung für Grundschulkinder. Einziger Kritikpunkt: Clarissa Corrêa da Silva führt mit etwas zu viel Betroffenheitsmimik durch die Sendung.
Uneingeschränkt war dagegen die Begeisterung für die herzerwärmende und international bereits vielfach ausgezeichnete ZDF-Zeichentrickserie "Lenas Hof" von Elena Walf (Buch und Regie) und Koautor Simon Thummet. Die knapp sechs Minuten kurzen Episoden entfalten eine bemerkenswerte thematische Dichte. Die Handlungen tragen sich größtenteils auf dem Bauernhof der Titelheldin zu, aber die eigentlichen Hauptfiguren sind die Tiere, die sich dort tummeln. Da Lena ein großes Herz hat, führt zwar meist sie die Konflikte zu einem guten Ende, aber auch die anderen kleinen und großen Mitglieder der Hofgemeinschaft bekommen ausgiebig Gelegenheit, um Verantwortung zu übernehmen, Freundschaften zu pflegen und Solidarität zu zeigen.
Viele Folgen leben vom Spannungsverhältnis zwischen individuellen Bedürfnissen und dem Wohl aller. Was inhaltlich leicht didaktisch wirken könnte, wird hier jedoch mit großer Freude, Originalität und erzählerischer Leichtigkeit umgesetzt - und das ganz ohne Dialog.
Erwachsene können sich über die augenzwinkernde Kritik an Tauschlogik und Kapitalismus erfreuen, aber für Kinder sind diese Botschaften gleichfalls gut verständlich. Überaus angetan war die Jury auch von der eigenwilligen Animation durch die Firma Studio Film Bilder. "Lenas Hof", lobte die Jury, "bedient sich einer originellen Bildsprache voller Asymmetrie, verzerrten Größenverhältnissen und jenseits von Schönheitsidealen". Der Stil erinnere an Kinderzeichnungen. Der sorgsame Einsatz klassischer Musik verleihe dem Format einen ganz eigenen Tonfall: "Eine außergewöhnlich stimmige, lustige und zugleich kluge Serie, die ihre Themen mit großer Selbstverständlichkeit vermittelt."
DLF Kultur war nach einer ersten Punktevergabe mit gleich drei Podcasts unter den ersten sieben Produktionen vertreten. Ein Hörstück über Anne Frank (Buch: Regina Voss, Regie: Ilka Lorenzen) konnte allerdings nur bedingt überzeugen: "Ein wichtiges Thema, aber durch die Umsetzung wurde viel verschenkt von der Wucht und der Bedeutung, die es hätte haben können", urteilte ein Jury-Mitglied. Die Beschreibung der Konzentrationslager wurde als geradezu verharmlosend empfunden. Dass mit Ausnahme von Annes Vater die gesamte Familie ermordet worden ist, wird nicht erwähnt, von ihr selbst heißt es lapidar "sie starb".
Die "Kakadu"-Reportage "Levi und Yamur - Eine besondere Freundschaft" (Buch: Fabiana Blasco, Regie: Dörte Fiedler) erzählt sehr selbstverständlich von einer Freundschaft unter erschwerten Bedingungen: Aufgrund eines Gen-Defekts hat Levi erhebliche Sprachschwierigkeiten. Die Kommunikation zwischen den beiden Kindern steht zwar im Zentrum, jedoch nicht die Behinderung. Auf diese Weise führt der Beitrag gelebte Inklusion vor, ohne dies ständig ausbuchstabieren zu müssen: "Levis Beeinträchtigung erscheint nicht als Defizit, sondern als Teil eines Miteinanders, auf das beide Jungen ganz selbstverständlich eingestellt sind", sagte ein Jury-Mitglied.
Die kurzen Einordnungen von Moderator Tim Wiese bleiben zurückhaltend und lassen den Kindern genügend Raum. Als Hörformat funktioniert die Sendung sehr gut. Weil nichts ausgestellt wird, konzentriert sich alles auf Sprache, Zuhören und Beziehung.
Das Spektrum der beschriebenen DLF-Sendungen zeigt die große Bandbreite bei den Podcasts für Kinder. Die Jury war sehr erfreut, dass sich viele Einreichungen mit relevanten Themen befassten, selbst wenn die Ergebnisse dann am Qualitätsanspruch scheiterten. Ein Beispiel für viele ist der allzu didaktisch konzipierte 45 Minuten kurze ZDF-Fernsehfilm "Sprengstoff" (Buch: Sebastian Grusnick, Thomas Möller, Regie: Linus Liyas). Der Film verknüpft die Themenkomplexe "80 Jahre Kriegsende" und "Migration", kam aber nicht mal in Sichtweite der Preisträger. Die Charaktere waren zu klischeehaft, die Entwicklung von der Feindschaft zur Freundschaft zwischen einem deutschen Mädchen und einem afghanischen Junge, die ihre gegenseitigen Vorurteile überwinden, ging viel zu schnell. Die Inszenierung wurde als dilettantisch empfunden.
Bei einigen fiktionalen Stoffen zeigte sich ein typisches Manko, das immer dann auftritt, wenn ein Projekt themengeleitet ist und rund um diesen Anspruch eine Handlung konstruiert wird: da bleiben dramaturgische Schwächen selten aus.
Nur unter "Ferner liefen" konnten sich diesmal die Beiträge aus der ARD-Reihe "Schau in meine Welt" platzieren. Differenziert diskutiert wurde der RBB-Ableger "#träume", weil es zwischen den eingereichten Folgen erhebliche Qualitätsunterschiede gab. Auf wenig Gegenliebe stieß das Format "Weitererzählt". Hier gehen Autorinnen und Autoren der Frage nach, was aus den Kindern geworden ist, die sie vor einigen Jahren vorgestellt haben. Eigentlich eine reizvolle Idee, aber die früheren Kinder sind mittlerweile junge Erwachsene und ihre Lebensumstände haben nichts mehr mit denen der Zielgruppe gemeinsam.
infobox: Der Robert Geisendörfer Preis ist der Medienpreis der Evangelischen Kirche für Hörfunk, Fernsehen und Onlineformate. In der Kategorie "Kindermedien" des Robert Geisendörfer Preises werden seit 2004 Sendungen ausgezeichnet, die laut Statut "das individuelle und soziale Verantwortungsbewusstsein stärken", "zur gegenseitigen Achtung der Geschlechter und zum guten Miteinander von Einzelnen, Gruppen und Völkern beitragen" sowie "einen Beitrag zur Überwindung von Gewalt leisten". Die Preise sind mit jeweils 5.000 Euro dotiert.
Copyright: Foto: privat
Darstellung: Autorenbox
Text: Tilman Gangloff ist freier Journalist und war Mitglied der Jury "Kindermedien".
Zuerst veröffentlicht 17.09.2026 10:47 Letzte Änderung: 17.09.2026 10:50
Schlagworte: Medien, Auszeichnungen, Kinder, Geisendörfer Preis, Jury Bericht, Gangloff, NEU
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