Vampire in Berlin - epd medien

21.09.2026 08:41

Philipp Kadelbachs urbane Dystopie "City of Blood" ist eine der aufwendigsten deutschen Serienproduktionen der letzten Jahre. Sie steckt voller Hommagen an berühmte Genrekultfilme und überzeugt durch schauspielerische Expressivität.

Philipp Kadelbachs Serie "City of Blood" bei Disney+

Lars Eidinger spielt Zeno Gennardi

epd Ein Beamter der Zollfahndung stoppt auf einer ländlichen, staubigen Straße einen suspekten Lastwagen, aus dem Blut tropft. Neben dem in Schussweste gekleideten Mann sitzt ein aufmerksamer Schäferhund. In einer Totalen läuft der Beamte auf den Lastzug zu ... Eine so deutliche Reminiszenz an "Mad Max 2 - Der Vollstrecker" (1982) mit einem deutschen Beamten ist nicht einfach umzusetzen. Solches Pastiche ist das Prinzip einer der aufwendigsten deutschen Serienproduktionen der letzten Jahre: Philipp Kadelbachs "City of Blood".

"City of Blood" nimmt den Vampirmythos aus der Nacht und setzt ihn in ein hell flirrendes, von der Sonne überhitztes Berlin. Das Schlüsselmotiv der von Kadelbach und Elena Lyubarskaya entwickelten Serie ist der Dome, eine klimatisierte, begrünte Zone für die Privilegierten, deren Technologie zugleich den Vampiren das Leben im Sonnenlicht ermöglicht. Was politisch als Antwort auf die Klimakatastrophe angepriesen wird, erweist sich als Instrument einer Ordnung, in der Schutz und Ausbeutung unauflöslich ineinandergreifen. Blut ist Nahrung, Ware und Währung. Der menschliche Körper wird zur Ressource - und damit wird der Vampir vom übernatürlichen Schreckenswesen zum Modell einer Gesellschaft, in der Leben nach seinem ökonomischen Nutzen beurteilt wird.

Hitze, Armut, politische Instabilität

Die achtteilige Serie löst sich dafür weitgehend von ihrer Comicvorlage "Berlinoir" von Reinhard Kleist und Tobias O. Meißner und überträgt den Vampir in eine nahe Zukunft, die weniger futuristisch und "noir" als beschleunigt gegenwärtig wirkt. Berlin ist von Hitze, Armut und politischer Instabilität geprägt. Der Dome wirkt in dieser Umgebung wie die konsequente Architektur sozialer Ungleichheit: draußen sammelt sich der Staub auf improvisierten Kühlsystemen, drinnen herrscht Grün, Sauberkeit und kontrolliertes Klima.

Produktionsdesigner Matthias Müsse und Kameramann Philip Peschlow übersetzen diesen Gegensatz in eine Bildwelt, die ihre Wirkung gerade aus ihrer physischen Konkretheit bezieht. City of Blood will zeigen, wie eine Gegenwart aussehen könnte, deren Krisen sich weiter verschärft haben - und die Schauplätze dafür hat Berlin definitiv zu bieten.

Illegaler Bluthandel

Die eigentliche Spannung gewinnt "City of Blood" dort, wo die Fronten zwischen Mensch und Vampir verwischen. Johan Moderson, der Architekt des Domes, verfolgt die Idee einer Koexistenz. Doch sein Versuch, diese durch politische Macht abzusichern, führt geradewegs in jene Herrschaftslogik, die er zu überwinden vorgibt. Der Dome wird zum Wahlversprechen, sein Zugang zur politischen Währung.

Oliver Lawal (David Schütter), der als populistischer Außenseiter beginnt, macht sich diese Dynamik zunutze und verwandelt soziale Entfremdung in politisches Kapital.

Im Zentrum dieser politischen Konstruktion steht das Verhältnis der Schwestern Bea und Phoebe. Lea Drinda und Soma Pysall geben dem großen Gesellschaftsentwurf eine intime Form. Bea lebt geschützt, ist aber körperlich abhängig von einer Transplantation, Phoebe kennt die Stadt von ihrer prekären Seite, ist in den illegalen Bluthandel geraten. Ihre unterschiedlichen Vorstellungen von Recht, Schuld und Überleben sind ebenso Charaktergegensätze wie auch Resultate verschiedener sozialer Wirklichkeiten.

Der Vampir bleibt

Hier findet die Serie zu ihrem präzisesten Gedanken, denn - wie schon Bertolt Brecht treffend formulierte - Moral ist abhängig von den Bedingungen, unter denen ein Mensch leben muss. Was aus privilegierter Distanz wie eine eindeutige Entscheidung erscheint, kann unter existenziellem Druck eine andere Bedeutung annehmen.

Ähnlich wie die Frankfurt-Noir-Serie "Love Sucks" entziehen sich die Vampire hier dem vertrauten moralischen Schema. Franz Hartwig spielt Johan Moderson, der seine Unsterblichkeit politisch verwalten möchte. Der von Lars Eidinger gespielte Zeno Gennardi trägt sein Alter als familiäre Abhängigkeit mit sich, und Jenny Schily verkörpert Szen, deren historische Erfahrung die gewöhnliche Vorstellung von Zeit verändert. Die Unsterblichkeit ist nicht mehr ein erotisches Versprechen, sondern ein Problem der Anpassung: Die Welt verändert sich, der Vampir bleibt. Die Klimakrise wird zu einer Krise der eigenen Existenz.

Familiendrama und Klimadystopie

Regisseur Kadelbach vermeidet weitgehend die romantische und gothic-geprägte Bildsprache des klassischen Vampirfilms und rückt seine Serie in Richtung urbaner Dystopien. In früheren Epochen verkörperte der Vampir Krankheit, Sexualität, Fremdheit oder gesellschaftliche Todesängste, hier aber steht er für die Frage, wer in einer von Krisen geprägten Gesellschaft über Ressourcen verfügt - und wer selbst zur Ressource wird.

"City of Blood" verbindet ungewöhnlich viele Genres: Familiendrama, Politthriller, Klimadystopie und Vampirerzählung. Die Verbindung von Genre und politischer Gegenwart verleiht der Serie ihren eigentlichen Resonanzraum: Der Dome ist zugleich Zuflucht und Herrschaftsinstrument, Wahlen sind zugleich demokratischer Akt und Mechanismus der Machtverschiebung. Menschen und Vampire werden durch ein System verbunden, in dem jeder Schutz einen Preis hat und jedes Versprechen auf Sicherheit neue Abhängigkeiten erzeugt.

Der Himmel über Berlin ist in "City of Blood" künstlich, der Blutkreislauf der Stadt wird politisch organisiert. Die Dystopie liegt nicht darin, dass Vampire existieren, sie liegt in der Vorstellung, dass eine Gesellschaft ihre eigenen Verhältnisse so lange als alternativlos hinnimmt, bis sie selbst unter einer Kuppel gefangen ist. Das ist detailreich inszeniert, voller Hommagen an berühmte Genrekultfilme, physisch brutal und schauspielerisch expressiv. Es bleibt abzuwarten, ob dieses avancierte Konzept die Herzen des deutschen Genrepublikums erobert.

infobox: "City of Blood", achtteilige Thrillerserie, Regie: Philipp Kadelbach, Buch: Philipp Kadelbach, Elena Lyubarskaya, Kim Zimmermann, Daniela Baumgärtl, Martin Behnke, Nicki Bloom, Tillmann Roth, Kamera: Philip Peschlow, Produktion: Amusement Park Film (Disney+, seit 16.9.26)



Zuerst veröffentlicht 21.09.2026 10:41

Marcus Stiglegger

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Streaming, Kritik, Kritik.(Streaming), KDisney+, Serie, Kadelbach, Lyubarskaya, Stiglegger

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