Unglücklich im Exil - epd medien

22.09.2026 08:30

Regisseurin Alexandra Bidian macht sich im NDR-Dokumentarfilm "Schon lange kein Frühling. Mein Vater, Rumänien und ich" auf die Suche nach dem Leben ihres Vaters. Am Ende bleibt dieser Vater-Such-Film jedoch ohne Fundstück.

Dokumentarfilm "Schon lange kein Frühling"

Alexandra Bidian auf der Suche nach dem Leben ihres Vaters.

epd Filme, die sich auf die Suche nach dem Vater machen, sind inzwischen ein Genre für sich. Die Herausforderungen sind groß, besonders wenn der Vater nicht mehr am Leben ist. Hat man genug Bilder? Gibt es ausreichend O-Töne? Und das Gleichgewicht zu halten zwischen allzu Privatem und öffentlich Interessantem ist auch keine leichte Aufgabe. Alexandra Bidian hat es trotzdem gewagt. Ihr familiärer Hintergrund ist alles andere als übersichtlich, das ist als Ausgangspunkt erst mal gut.

Bidians Eltern lernen sich während der 1980er Jahre in Hessen kennen. Er stammt aus Rumänien und ist Mitte 50, sie eine Deutsche aus Mainz und nicht mal halb so alt. Sie heiraten und bekommen zwei Töchter, Alexandra ist die jüngere. Als der Vater in hohem Alter stirbt, sind seine Töchter erwachsen und begreifen, dass sie wenig über ihn wissen. Alexandra fängt an, in Briefen, Manuskripten und Akten zu suchen.

Der aufgegebene Traum vom neuen Rumänien

Der Vater war studierter Theologe und Philosoph, und er war Dichter und hat einen großen Schatz an Lyrik hinterlassen. Als junger Mann war er wegen Partisanentätigkeit im Gefängnis, später wegen Regimegegnerschaft in ständiger Gefahr, bis er ins Exil nach Deutschland gehen konnte. Nach dem Sturz des Diktators Nicolae Ceaușescu stürmt Vater Bidian sofort nach Bukarest. Am liebsten möchte er bleiben und bei der Regierungsbildung dabei sein, um ein neues Rumänien aufzubauen. Aber die Rücksicht auf seine Familie hält ihn davon ab.

Dieser Entschluss scheint ihm am Ende nicht gut bekommen zu sein. Denn er fängt an, sich zu verschließen, wird immer stiller und spricht am Ende kaum noch. Eingeschlossen im "Elfenbeinturm", wie die Tochter es ausdrückt, äußert er sich nur noch in Gedichten. Ist da ein Geheimnis verborgen? Alexandra entwirft ihren eigenen Vater-Such-Film im Kopf. Sie bittet ihre Mutter, mit ihr noch einmal nach Rumänien zu reisen und sich gemeinsam auf die Spur des schmerzlich vermissten Toten zu begeben.

Zwischen Aufklärungsarbeit und Trauer

Entstanden ist ein Roadmovie, das weitere kleinere Roadmovies einschließt. Oft montiert Alexandra Bidian die Kindheitserinnerungen per Ferienvideos mit den neuen Aufnahmen aus der aktuellen Reise unmittelbar aneinander - wir erleben eine Tochter auf Vatersuche, optisch gut nachvollziehbar in ihrem Zwiespalt zwischen detektivischer Aufklärungsarbeit und trauerndem Gedenken.

Im Grunde ist dies das Thema des Films: Wie kann ein Kind, das seinen Vater verlor, und zwar genau genommen, schon während er noch lebte, ihn gedenkend und forschend wiedergewinnen? Ist so ein Vater-Such-Film möglich? Und wenn ja, wie funktioniert er? Zuschauend muss man lange warten, bis die ersten Fäden verknüpft werden und man die großen Linien der Biografie des Vaters überblickt. Aber so ging es den Töchtern wohl auch.

Falsche Fährten

Die Mutter, Alexandras Partnerin auf der Reise und bei der Suche nach dem Vater, ist eine schwierige Protagonistin. Sie wehrt sich gegen das Gedenken wie gegen das Nachforschen, bricht gern mal ein Gespräch ab und wirkt überfordert von dem ganzen Projekt. So war es wohl wirklich. Der Film ist sehr ehrlich. Er verbirgt auch falsche Fährten nicht, die er eingeschlagen hat. Als der Verdacht aufkommt, der Vater könnte für den Geheimdienst Securitate im Westen spioniert haben, ist Alexandra tief verunsichert. Aber eine Bestätigung dieses Verdachts geben die Akten des Geheimdienstes nicht her.

Die letzten Sequenzen wirken ernüchternd. Es müsste eigentlich mal ausgesprochen werden: Da war gar kein Geheimnis hinter der Existenz dieses Mannes. Abgesehen natürlich von dem Rätsel, das jeder Mensch zu allen Zeiten für seine Angehörigen und wohl auch für sich selbst bleibt, weil man nie alles wissen kann. Der wunderbar hochgewachsene, schlanke, schöne Vater mit den harmonischen Gesichtszügen war einfach nur er selbst: unglücklich im Exil. Da gab es gar nichts zu entbergen.

Es bleibt die menschliche Rührung

Doch diese Schlussfolgerung zieht der Film nicht explizit. Er hätte sich damit wohl selbst negiert. Am Schluss bleibt die menschliche Rührung, wenn man sich das Dasein und Nicht-mehr-Dasein eines geliebten Menschen vergegenwärtigt. Aber diese Gefühle bleiben bei der Filmemacherin und ihrer widerspenstigen Mutter. Das Publikum erfährt Einzelheiten aus dem Leben einer ungewöhnlichen Familie. Ist das von Interesse für die große Öffentlichkeit? Es wäre so gewesen, hätte der Vater nach der Wende den Schritt zurück nach Rumänien getan und dort Politik gemacht, aber das konnte er eben nicht tun. Und auf diesen belastenden Verzicht hat er mit poetischer Arbeit reagiert, von der wir Kostproben hören.

Aber wie das so ist mit Gedichten, die von einem sehr persönlichen Ton getragen werden: Sie verwehen im Wind des Atems dessen, der sie vorliest. Dieser Vater-Such-Film bleibt deshalb ohne Fundstück, weil der Gesuchte sich selbst in den letzten Jahren (oder gar Jahrzehnten) seines Lebens abhandengekommen war.

infobox: Schon lange kein Frühling. Mein Vater, Rumänien und ich", Dokumentarfilm, Regie und Buch: Alexandra Bidian Kamera: Alexandra Bidian (NDR, 23.9.26 0.00-1.30 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 22.09.2026 10:30

Barbara Sichtermann

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KNDR, Dokumentation, Bidian, Sichtermann

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