Er meint es ernst - epd medien

23.09.2026 08:32

Matthias Brandt und Désirée Nosbusch spielen in "Eine Nacht in Bangkok" ein Ehepaar, das sich vor zehn Jahren getrennt hat und seither in heftiger Abneigung verbunden ist. Doch als ihre gemeinsame Tochter verhaftet wird, nähern sich die beiden wieder an.

ARD-Drama "Eine Nacht in Bangkok"

Hektor (Matthias Brandt, links, hinten) und Katharina (Désirée Nosbusch) machen sich Sorgen um ihre gemeinsame Tochter Lilith

epd Am Anfang fliegen die giftigen Pointen wie in einer Screwball-Comedy hin und her, so funkensprühend ist die Abneigung des geschiedenen Ex-Paars Hektor (Matthias Brandt) und Katharina (Désirée Nosbusch). Als sie sich im Warteraum der Justizvollzugsanstalt Rostock zum ersten Mal seit zehn Jahren wiedersehen, weil beide eine Nachricht bekommen haben, dass ihre gemeinsame Tochter dort in Untersuchungshaft sitzt, verzichten sie auf eine Begrüßung. "Als würde das alles nicht schon reichen", sagt Katharina beim Anblick ihres Ex-Manns. "So sollten wir unserer Tochter nicht gegenübertreten", findet er. "Was willst'n haben, Küsschen?", gibt sie schnippisch zurück.

Einig sind sich der trinkende Pastor und die rauchende Yogastudio-Betreiberin, jeweils längst anderweitig liiert, immerhin darin, zunächst die Geschichte ihrer Tochter Lilith (Clara Vogt) zu glauben: Sie habe lediglich eine Tasche mit Schmuck im Wald gefunden und nicht sofort ins Fundbüro gebracht, erklärt die Mittzwanzigerin beim streng beaufsichtigten Besuchstermin, der Vorwurf mehrfachen Einbruchs sei ein grotesker Justizirrtum. Hektor will für die anstehende Haftprüfung statt der Pflichtverteidigerin eine befreundete Anwältin engagieren, Lydia (Kim Riedle), "die Beste", wie er sagt. "Wir bleiben bis zum Termin hier", beruhigt er Lilith. "Sprich du nur für dich, ja?", fährt Katharina ihn an. "Ich bleibe bis zum Termin hier", korrigiert er. "Ich bleib auch hier", sagt dann sie.

Der "Tag der Schande"

Erst nachdem sie unabhängig voneinander im selben Billighotel eingecheckt haben und Hektor die Erkenntnis "Es geht auch um uns, wenn’s um Lilith geht" formuliert hat, dämmert ihnen, dass sie in diesem Stil nicht weitermachen können - und dass sie in Wahrheit wenig über ihre Tochter wissen. Nun biegt "Eine Nacht in Bangkok" sanft vom komödiantischen Pfad Richtung Drama ab, bereitet den Boden für Aufarbeitung, Zusammenraufen. Die Dialoge büßen dabei aber nicht an Schärfe ein, bleiben durchgängig eine Stärke des Films, der beim diesjährigen Filmfest München mit dem Bernd Burgemeister Fernsehpreis ausgezeichnet wurde.

Mit feinen Zwischentönen leuchtet Drehbuchautor Sathyan Ramesh den Hintergrund und die gemeinsame Vergangenheit der Figuren aus. Offenbar hatte Katharina Hektor einst mehrfach betrogen, woraufhin dieser sie von der Kanzel herab denunzierte. Nun entschuldigt er sich für seine Predigt und den "Tag der Schande". Während Katharina mit ihrem neuen Mann (Aleksandar Jovanović) keinen Sex mehr hat, hat Hektor ein Problem mit den Annäherungsversuchen des kleinen Sohns seiner neuen Partnerin (Bettina Lamprecht).

Wir sind Scheiß-Eltern.

Beim gemeinsamen Recherche-Besuch in Liliths WG, wo sie auf den verpeilten Mitbewohner Robert (Danilo Kamperidis) treffen, finden die Eltern Überraschendes heraus: etwa, dass Lilith ihr Psychologiestudium abgebrochen hat und auf teure Designerklamotten steht. Zunehmend zeichnet sich ab, dass die polizeilichen Anschuldigungen gegen sie doch zutreffen könnten. "Wir sind Scheiß-Eltern", stellt Katharina fest. Nach etwa 45 Filmminuten kann Hektor immerhin schon wieder seinen Kopf auf ihre Schulter legen. Kitschig wird es trotzdem nicht. Ein Höhepunkt der Wiederannäherung ist eine Tanzszene, in der sich zugleich die leichte Titel-Irritation auflöst: Da tanzen die beiden in der spießigen Hoteldisco entrückt zum 1980er-Jahre-Hit "One Night in Bangkok".

So sehr sich über den wiederholten Einsatz nostalgisch-emotionalisierender Songs streiten ließe - es erklingen unter anderem "Nah Neh Nah" von Vaya Con Dios und Paul Simons "50 Ways To Leave Your Lover" -, so besonders sind die Einstellungen, die Kameramann Martin Farkas für die Geschichte findet: etwa Katharinas rotes Cabrio vor dem brutalistisch-tristen Gebäude der JVA. Oder Katharina und Hektor in mildem Licht beim Spaziergang durch den nahen Gespensterwald an der Steilküste. Oder Katharina, Hektor und Lydia bei einer eskalierenden Unterredung im Hafen, bei der Matthias Brandt so windschief dasteht, dass es fast nach einem 45-Grad-Winkel aussieht.

Ein Ausnahme-Mime

Überhaupt, Matthias Brandt: Der Ausnahme-Mime ist einmal mehr großartig als keineswegs heldenhafter, aber zur Selbstreflexion fähiger Mann, der glaubhaft Sätze hervorbringen kann wie: "Ich bin vor der Zeit ermüdet. Aber ich meine es immer ernst." Der die Frage "Sagst du jetzt nichts, weil du nichts Falsches sagen willst?" einfach mit "Ja" beantworten und das so stehen lassen kann.

In Désirée Nosbusch hat er eine ebenbürtige Spielpartnerin an der Seite, und Regie-Routinier Rainer Kaufmann kommt das Verdienst zu, all diese Komponenten zu einem bemerkenswert frischen, ehrlichen Erwachsenenfilm zusammengefügt zu haben.

infobox: "Eine Nacht in Bangkok", Drama, Regie: Rainer Kaufmann, Buch: Sathyan Ramesh, Kamera: Martin Farkas, Produktion: Bavaria Fiction (ARD/NDR, 23.9.26 20.15-21.45 Uhr und in der ARD-Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 23.09.2026 10:32 Letzte Änderung: 24.09.2026 10:58

Peter Luley

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KNDR, Fernsehfilm, Drama, Kaufmann, Ramesh, Luley, NEU

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