Komplexer Erzählkosmos - epd medien

25.09.2026 08:10

Die Dramaserie "4 Blocks" über die Drogengeschäfte des Neuköllner Hamady-Clans machte vor neun Jahren Furore. Das Prequel "4 Blocks Zero" erzählt nun mit großer erzählerischer Wucht, wie die Familie in den 90er Jahren in die Kriminalität abdriftete.

Gangsterserie "4 Blocks Zero" bei HBO Max

Ibrahim (Tariq Al-Saies, M.) gerät nach der Ankunft in Berlin in eine gefährliche Konfrontation

epd Der Mann, der in einem Berliner Hotel einen Auftragsmord begehen soll, wirkt angespannt. Er ist gerade aus dem Libanon angereist und hat Kampferfahrung aus dem dortigen Bürgerkrieg. Aber jemanden zu töten, einfach so, in einem anderen Land, ist dann doch schwieriger als gedacht. Vor allem, wenn plötzlich zwei Personen im Hotelzimmer sind.

Ein Strippenzieher aus Beirut hat den Mann nach Deutschland geschickt. Wer die Gangsterserie "4 Blocks" gesehen hat, die von 2017 bis 2019 in drei Staffeln bei TNT Serie Furore machte, erinnert sich an den skrupellosen Oberboss, dem wir im Prequel "4 Blocks Zero" - einem Prestige-Projekt des seit Kurzem auch in Deutschland aktiven Warner-Streamingdienstes HBO Max - in seiner deutlich jüngeren Variante wiederbegegnen. Wir haben Mitte der 90er Jahre.

Harter Ton

Bei dem Kampf im Hotel, mit dem Serie schon in der ersten Folge einen überaus harten Ton anschlägt, kommen schließlich zwei Drogendealer zu Tode. Der Mörder heißt Ibrahim und ist mit der Hamady-Familie verbunden, die einige Jahre zuvor aus dem Libanon flüchtete und in Berlin-Neukölln geduldet unterkam. Die Hamadys möchten sich unbedingt in der neuen Heimat integrieren. Vater Malik (Rami Fadel Khalaf) ist ein friedlich wirkender Mensch, der inkognito in einem Restaurant als Koch tätig ist, weil er ohne Aufenthaltsgenehmigung nicht regulär arbeiten darf. Die vier Kinder gehen zur Schule, der älteste Sohn Ali hilft seinem Bruder Abbas beim Englisch-Test.

Doch plötzlich steht Schwager Ibrahim (Tariq Al-Saies) vor der Tür - und von diesem Moment an ändert sich alles für die Hamadys, die wir in "4 Blocks" als mächtigen Drogenclan unter der Führung von Maliks Sohn Ali alias Toni (gespielt von Kida Khodr Ramadan) kennengelernt haben. "4 Blocks Zero" erzählt nun, wie diese Familie in die gewalttätige Berliner Unterwelt abdriftete. Auf geradezu klassische Weise tragisch ist insbesondere die Figur des Malik, die keinen ursprünglichen Willen zum Bösen hat. Michael Corleone aus "Der Pate" lässt grüßen.

Düstere Bildsprache

Von Beginn an merkt man an der düsteren Bildsprache und am dräuenden Score, dass man sich in der Welt von "4 Blocks" befindet. Das aus acht Folgen bestehende Prequel besticht durch eine effiziente Spannungsdramaturgie, zu der sowohl die detaillierte Charakterarbeit bei den Protagonisten als auch die zahlreichen Wendungen des Plots beitragen. Dem neuen Drehbuchteam um Headautor Bernd Lange gelingt es, die Vergangenheit der bekannten Figuren plausibel auszuleuchten und gleichzeitig neue einzuführen. Als Figur aus einer Gegenwelt erscheint etwa Rolf Kerner, der von Mark Waschke gespielte Vater von Alis Freund Vince. Kerner gehört zu den wenigen, die Alis Cleverness erkennen.

Ibrahim taucht in der Mutterserie nur kurz auf. In "4 Blocks Zero" ist er der Dreh- und Angelpunkt der Erzählung, indem er die zunächst getrennten Welten des brutalen Kokainhandels und des anfangs friedvollen Familienlebens sukzessive zusammenführt. Tariq Al-Saies liefert eine meisterliche Darstellung dieser Figur, deren Bedrohlichkeit nicht so sehr durch permanente physische Aggression, sondern durch eine eigenwillige Mischung aus Intelligenz, Charme und Kälte entsteht. Nie ist wirklich vorherzusehen, wie Ibrahim in einer kritischen Situation reagiert.

Exzellentes Casting

Die Regisseure Özgür Yildirim - er inszenierte bereits Teile von "4 Blocks" - und Hüseyin Tabak haben den komplexen Erzählkosmos im Griff und meistern Tempo- und Stimmungswechsel souverän. Die zuweilen opernhaft übersteigerten Action-Elemente der Mutterserie sind deutlich zurückgenommen. Dass "4 Blocks Zero" eine solche Wucht entfaltet, ist auch dem exzellenten Casting von Iris Baumüller zu verdanken. Mühelos glaubt man, die Menschen aus der Mutterserie hier in ihren Jugendjahren zu sehen, das verstärkt die emotionale Intensität.

"4 Blocks Zero" funktioniert nicht nur als Gangster-Genrestück. Die Serie erzählt auch etwas über die jüngere deutsche Vergangenheit der Kohl-Jahre, in der die Bundesregierung dem Mantra folgte, Deutschland sei "kein Einwanderungsland". Viele Menschen, die damals hierher flüchteten, wurden zerrieben zwischen politischer Fehleinschätzung, Behördensturheit und latenter bis offener Fremdenfeindlichkeit in der Bevölkerung. Diese Gemengelage förderte die Bildung krimineller Parallelgesellschaften.

Das hebelt jedoch nicht die individuelle moralische Verantwortung aus, wie die vielschichtige Serie eindrucksvoll zeigt. Aufstieg und Fall der Hamadys als Drogenclan folgen auch aus einer Summe fataler Einzelentscheidungen.

infobox: "4 Blocks Zero", achtteilige Gangsterserie, Regie: Özgür Yildirim, Hüseyin Tabak, Buch: Bernd Lange (Headautor), Bahar Bektaş, Natalie Zoghbi, Hassan Akkouch, Kamera: Matthias Bolliger, Max Preiss, Produktion: W&B Television (HBO Max, seit 25.9.26 jeden Freitag eine neue Folge)



Zuerst veröffentlicht 25.09.2026 10:10 Letzte Änderung: 25.09.2026 10:45

Michael Ridder

Schlagworte: Medien, Kritik, K.(Streaming), KHBOMax, Yildirim, Tabak, Lange, Ridder, rid, NEU

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