Gespenstisch gegenwärtig - epd medien

28.09.2026 08:10

Der schlecht gelaunte irische Dichter Samuel Beckett bereiste 1936 und 1937 mehrere Monate lang Deutschland, um die Sprache zu lernen und um Kunstmuseen zu besuchen. Seine Tagebucheintragungen aus dieser Zeit sind als Hörspiel voller gespenstischer Gegenwärtigkeit.

Hörspiel nach den "German Diaries" von Samuel Beckett

Unterschrift von Samuel Beckett auf der Gästeliste der Moritzburg

epd Wie redeten damals eigentlich alle? Hamburger Zimmerwirtinnen und Dresdner Schneider, Berliner Kunstsammlerinnen und Münchner Kellner, als Deutschland Nazi-Deutschland geworden war und Alltag und Kulturlandschaft sich verändert hatten? Was aß und laberte man in Kneipen, was kostete ein Bier, welche Ausstellungen und Filme liefen, welche Farbe hatte das Wasser der Elbe im Abendlicht? Als 30-Jähriger machte sich der damals noch unbekannte irische Dichter Samuel Beckett im Oktober 1936 auf den Weg ins Deutsche Reich und blieb sechs Monate. Er besuchte Museen, Theater, Kneipen und Kunstmäzeninnen und Kunsthistoriker, und er hatte dabei meist ziemlich schlechte Laune. Geld ließ er sich von seiner Mutter überweisen, sein Roman "Murphy" hatte noch immer keinen Verlag, und er fragte sich ernsthaft, was aus ihm werden soll.

Warum tut er sich das an? Er hat wegen seiner Jugendliebe ein Faible für die deutsche Sprache, zugleich zweifelt er an den Möglichkeiten von Sprache überhaupt: Kann Bildende Kunst vielleicht etwas, das Worte nicht können? Vor allem auf die von den Nazis verfemten Brücke-Maler hat er es abgesehen; als Ausländer mit Empfehlungsschreiben kann er sie sich in Depots und bei Sammlern noch zeigen lassen.

Scheinbar banale Begegnungen

Der Dichter reist nicht als rasender Reporter durchs Land. Er sucht keine Bestätigung für irgendeine These. Er registriert, nimmt auf, legt ab. Nur für sich selbst schreibt er genau auf, welche Straßen er entlanggeht, wie viel Geld er abhebt, wen er trifft und welche Gespräche er führt, und seien es nur kurze, scheinbar banale Begegnungen. Als verfüge er über zusätzliche Antennen, nimmt dieser Mann alles auf (auch viel Moselwein und deutsches Bier), unruhig und doch von ständiger Schlappheit gequält, die er sich zum Vorwurf macht.

Im August wurden Becketts "German Diaries" erstmals vollständig bei Suhrkamp veröffentlicht, mehr als 1.300 Seiten, zweisprachig im Original und in deutscher Übersetzung - eine literaturhistorische und eine zeitgeschichtliche Sensation. Die Übersetzerin Gaby Hartel und der Musiker Zeitblom haben aus dem gewaltigen Konvolut ein vierteiliges Hörspiel extrahiert. Eine stimmige Symbiose: Weder die Literaturexpertin noch der Komponist legen es auf Sensation, Naturalismus oder Überwältigung an. Der Eindruck, man sehe Beckett auf seiner Tour von Hamburg über Berlin, Halle und Bamberg nach München über die Schulter, stellt sich dadurch umso mehr ein.

Amüsanter Monolog

Unterlegt mit einer unaufdringlichen Klangspur, in der sich neben abgedämpft-unverständlichem Goebbels-Gebell und fernen sphärischen Elektrosounds immer wieder eine geisterhaft rufende, synthetische Streicher-Terz leitmotivisch hervortut und sich manchmal Tinnitus-Töne über das Gehörte schieben, spricht der Schauspieler Sabin Tambrea den Text als anfangs sehr nüchternen, durch Becketts spöttische und wortspielerische Sottisen amüsanten und immer berührenderen Monolog.

Hartel geht frei mit dem Original um an manchen Stellen, wägt aber die Gewichtung der Themen sehr genau ab. Die zahlreichen Notizen Becketts etwa zu Verdauungsvorgängen und Krankheiten wie Herpes hätten Gelegenheit geboten, zugunsten der Komik Beckett vorwiegend als hypochondrischen Schrat darzustellen. Doch Hartel fügt diese Passagen nur sparsam in die Gesamtkomposition ein, etwa wenn Beckett über eine Bekannte sagt: "Sie tadelt meinen Pessimismus. Sagt, die neue Lebensanschauung sei ihre Erlösung. Eine feste Einheit aus Leben, Fühlen und Wollen. Denken: verpönt. Sagt mit Nachdruck, ich solle den Abstand aufgeben und mich in den Abgrund stürzen. Ich gehe pissen." Den letzten Satz hat er zwar geschrieben, aber an anderer Stelle.

Noch so ein mieser Tag.

Ein Melancholiker ist er, dem buchstäblich vieles gleich ist und oft eine Zumutung. "Noch so ein mieser Tag", notiert er, schreibt vom "grauenhaften" deutschen Essen über ständiges "Heil-Hitler"-Gebrülle bis zum ständig wortgleich vorgetragenen "SS-Evangelium" von Kellnern oder Museumswärtern. Ermüdend auch das Kino: "Schlechter Ufa-Film, all die abgestandenen Tricks von Einstellung und Schnitt."

Doch es gibt auch Menschen und Geselligkeiten, bei denen er sich wohlfühlt. Und immer wieder Kunst, die beglückt, wie Caspar David Friedrich, den er sarkastisch "Ka-De-Ef" nennt - das steht für ihn nicht für "Kraft durch Freude", sondern für den Maler. Dank Empfehlungsschreiben gewährt man ihm Zugang zu den verfemten Malern des Expressionismus, deponiert in Kellern oder in Privatgemächern. Er ringt mit der Sprache, sehnt sich nach Thomas Mann. Der ist verboten. Er lässt sich von einem traurigen Buchhändler Hermann Hesses "Demian" empfehlen und interessiert sich für Seumes "Spaziergang nach Syrakus". Und nimmt sich mit demselben grimmigen Interesse komplizierte deutsche Rebsorten- und Weinlagen-Bezeichnungen vor, mit dem er auch die "ziemliche Niete" Wilhelm Furtwängler in Grund und Boden stampft.

Tambreas Sprechweise wechselt zwischen nüchternem Registrieren, leisem Abscheu und tastendem, müdem innerem Monolog, das kommt mit Kopfhörern besonders gut zur Geltung. Als wären es zwei Instanzen, die sprächen, oder als denke und beobachte Beckett in Stereo, hat man die Stimme mal links, mal rechts im Ohr. Äußerungen und Innerliches könnte man diese Rhythmisierung nennen. Erstaunlich gut auf ein heutiges, Social-Media-Postings-gewöhntes Publikum eingestellt, entwickelt diese Reise vor dem Hintergrund, dass wir wissen, was dann kam, bei aller Lakonie einen Sog, der gespenstischer und gegenwärtiger kaum sein könnte.

infobox: "German Diaries", vierteiliges Hörspiel nach Samuel Beckett, Regie und Bearbeitung: Gaby Hartel, Komposition: Zeitblom (Deutschlandfunk, 12.9.26 und 19.9.26, jeweils 20.05-22.00 Uhr, in der DLF App und bei ARD Sounds)



Zuerst veröffentlicht 28.09.2026 10:10

Cosima Lutz

Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), KDLF, Hörspiel, Beckett, Hartel, Zeitblom, Lutz

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