29.09.2026 08:30
"ZDFtapes" und die Wiederentdeckung des alten Fernsehens
epd Ob "X Base" oder "701" mit Stefanie Ludwig und Markus Brock, ob "Tabaluga tivi" oder "Dalli Dalli" mit Andreas Türck: Spätestens seit der Einstellung des ZDF-Mitschnittservices Ende letzten Jahres steht es schlecht um die Zugänglichkeit alter ZDF-Fernsehsendungen. Wer längst eingestellte Sendungen sehen möchte, steht meist vor verschlossenen Türen. "ZDFtapes" ist ein neues Angebot, das redaktionell ausgewählte Archivschätze des ZDF wieder auf die Bildschirme bringt: in Form eines Reaction-Formats auf der Streamingplattform Twitch.
Der Schritt mag verwundern: Twitch ist als Plattform für live übertragene Videospiel-Streams bekannt geworden, inzwischen aber auch Bühne für allerlei zwanglose Plauder-Streams. Darin zeigen sich die Streamer gern auch dabei, wie sie auf aktuelle Videos aus dem Netz reagieren und sie kommentieren. "ZDFtapes" macht sich diese Form der Auseinandersetzung mit Bewegtbildinhalten zunutze. Host Milo Pochylski reagiert jeden Dienstag ab 17 Uhr auf Ausschnitte und ganze Folgen alter ZDF-Sendungen.
13 Folgen sind geplant, jede Woche steht die mehr als dreistündige Sendung unter einem anderen Motto. Ein wöchentlich wechselnder Gast-Creator ergänzt das Format, das, so das ZDF, "neue Berührungspunkte mit unseren Inhalten" schafft. Es "lädt insbesondere jüngere Nutzerinnen und Nutzer dazu ein, sie gemeinsam zu entdecken, zu diskutieren und aus heutiger Perspektive neu zu erleben". Ein junges Publikum soll also durch virtuelle Watchpartys altes Fernsehen wiederentdecken - und davon hat das ZDF viel zu bieten.
"ZDFtapes" gesellt sich zu einer immer größer werdenden Anzahl an öffentlich-rechtlichen Formaten auf Twitch hinzu. Vor allem die ARD zeigt auf der Plattform viel Präsenz und experimentiert mit zahlreichen Sendungen wie der interaktiven Talkshow "Mixtalk" oder Eventprogrammierungen etwa zu Landtagswahlen. Mit "ARD React" ist dort auch ein wöchentliches Reaction-Format im Programm, in dem neue Formate aus der ARD-Mediathek kommentiert werden.
Auch das ZDF experimentiert auf Twitch mit Begleitstreams zu seinen TV-Shows, kürzlich etwa mit einer sechsstündigen Begleitung zur Live-Ausgabe von "Der Quiz-Champion". Dass in "ZDFtapes" nicht auf aktuelle Produktionen, sondern auf jahrzehntealtes Material reagiert wird, ist eine bemerkenswerte Ausnahme im Reaction-Wust des Internets.
Doch inwiefern derartige Reactions überhaupt einen Mehrwert bieten, ist umstritten. Streamer werden mitunter dafür kritisiert, Reactions zu produzieren, weil sie "zu faul" sind, originäre Inhalte zu erschaffen. Hinzu kommen Vorwürfe wegen Urheberrechtsverletzungen und der Eindruck aufmerksamkeitsökonomischer Unfairness.
So steht nun auch das ZDF bei seinen Reactions in "ZDFtapes" vor gewissen rechtlichen Hürden. Die gezeigten TV-Ausschnitte, die mehrheitlich in den 1990er Jahren entstanden sind, werden zwar innerhalb des Twitch-Livestreams gezeigt, meist aber nicht im Anschluss auf Abruf zur Verfügung gestellt. Stattdessen veröffentlicht das ZDF die "ZDFtapes"-Streams manchmal in einer stark gekürzten Fassung, in der der die Sendungen und Ausschnitte aus dem Senderarchiv zuweilen ganz fehlen.
Das liege an rechtlichen Einschränkungen unterschiedlicher Natur, erklärt das ZDF auf Anfrage: "Teilweise sind es örtliche Beschränkungen (bestimmtes Material kann nur in Deutschland gezeigt werden) oder die Verträge lassen nur eine lineare Ausstrahlung zu und erlauben keine nachträgliche Online-Auswertung", erläutert der Sender.
Sind die gezeigten Sendungen also nicht ohnehin im Streaming-Portal des ZDF abrufbar, bietet das ZDF oftmals keine Möglichkeit an, die Archivschätze nachzusehen. Somit gibt es auch keine Möglichkeit, die im Stream gezeigten Sendungen auch ohne ständiges Kommentieren, Pausieren und Spulen anzuschauen - weder im Streaming-Portal noch auf den linearen Fernsehsendern des ZDF.
Dies offenbart, worin sich "ZDFtapes" von vielen anderen Reaction-Streams im Internet unterscheidet: Das Ausgangsmaterial ist (meist) nicht öffentlich verfügbar; der Reaction-Stream ist somit der einzige Weg, das Ausgangsmaterial überhaupt zu sehen. Das ist ungewohnt, frustrierend und bedauerlich, denn das ZDF bemüht sich ebenso wenig wie die ARD darum, alte Archivschätze dauerhaft in den Mediatheken verfügbar zu machen.
Dabei zeigen Host Milo (29) aka Aria Addams und seine wechselnden Gäste unübersehbar, wie viel Reiz in der Wiederholung alten Fernsehens auch ohne einrahmende Kontextualisierung steckt: Beim Anschauen des Materials reagieren Milo und seine Gäste immer wieder sehr amüsiert, irritiert oder erstaunt und schwanken bei ihren spontanen Urteilen zum Gezeigten stark zwischen höchstem Lob ("Fernsehen damals war noch peak") und starker Ablehnung ("Ich habe noch nie so eine Scheißsendung gesehen"). Zweifelsfrei bewegt das Archivmaterial sowohl die Streamer vor der Kamera als auch das im Livechat mitdiskutierende Publikum und regt zum Reflektieren eigener Fernseherinnerungen, aber auch damaliger gesellschaftlicher Konventionen an.
Gleichzeitig offenbart sich aber auch eine erstaunlich niedrige Schwelle für das Empfinden von Fremdscham, in der Zielgruppe bestens als cringe bekannt. Die in alten Fernsehberichten, Shows und TV-Interviews geschilderten Themen und die Art und Weise ihrer Darbietung irritieren Milo und seine Gäste mehr als nur einmal derart, dass Sendungsteile bewusst vorgespult werden. In Momenten wie diesen machen die Reagierenden zwar von den Möglichkeiten digitaler Wiedergaben Gebrauch, entziehen ihrem Publikum aber auch die einzige Möglichkeit, das Archivmaterial weiter zu sichten, was besonders dann schade ist, wenn in den mehrstündigen Streams ein überraschend großer Anteil der Sendezeit für das gemeinsame Spielen themenverwandter Videospiele genutzt wird.
So bleibt der Eindruck, dass die Herangehensweise der Reagierenden den gezeigten Raritäten nicht gerecht wird. Damit unterscheidet sich "ZDFtapes" deutlich vom ZDF-Format "Welke & Pastewka - Wiedersehen macht Freude!". Darin nämlich wird bei aller Kuriosität der gezeigten Ausschnitte eine ernsthafte Begeisterung für Fernsehgeschichte deutlich spürbar. Bei "ZDFtapes" dagegen steht das schnelle affektive und andauernde Reagieren und Beurteilen im Fokus. Eine beim Host bereitliegende Programmzeitschrift mit Informationen zu den gezeigten Sendungen birgt immerhin eine Möglichkeit für die Reagierenden, mehr Kontext zum Archivmaterial zu erhalten und zu teilen.
So begrüßenswert es ist, dass das ZDF seine Archivschätze gerade auch einem jungen Publikum zugänglich machen will, so fraglich ist es, ob das Twitch-übliche Dauerfeuer aus Reaktionen wirklich dazu geeignet ist, aus dem Material mehr als nur Cringe-Momente herauszuholen. Hier könnte sich "ZDFtapes" vieles von "Alpha-retro" auf ARD alpha abschauen. Leider steht auch diese verbliebene Sendefläche für Wiederholungen Ende des Jahres vor dem Aus.
infobox: "ZDFtapes" mit Milo, Produktion: Instinct3 (Twitch, seit 25.8.26, jeweils dienstags ab 17.00 Uhr)
Copyright: Foto: fernsehserien.de
Darstellung: Autorenbox
Text: Lukas Respondek ist Fernsehkritiker und Redakteur bei fernsehserien.de und TV Wunschliste.
Zuerst veröffentlicht 29.09.2026 10:30 Letzte Änderung: 29.09.2026 10:46
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Geschichte, Programm, Archive, Twitch, Respondek, NEU
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