Nachts auf dem Zehner - epd medien

30.09.2026 09:31

"Blackbird" erzählt die Geschichte des 16-jährigen Morten, der Ende der 1970er Jahre in der hessischen Provinz aufwächst. Der Film zeichnet das Erwachsenwerden als Balanceakt zwischen Liebe, Hoffnung, Schmerz und Verlust. Was hilft? Viel Musik.

ARD-Fernsehfilm "Blackbird" nach dem Roman von Matthias Brandt

Morten "Motte" (Timothy Scannell) auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

epd "Blackbird" ist ein "Coming-of-Age"-Film, der alle Ansprüche an dieses Genre erfüllt: Das Teenager-Alter ist nichts für Feiglinge, da gibt es jede Menge Schmerz, Verlust, Frust, Missverständnisse und Ratlosigkeit. Nicht auch etwas Gutes? Nun ja, man wird erwachsen und begreift nach und nach, dass es immer so weitergehen wird. Und dann ist da noch die Liebe. Die kommt jedoch auch nicht einfach so, und wenn sie kommt, kriegt man das nicht immer mit. Der Mensch ist irgendwie auf die falsche Spur gesetzt worden und so ruckelt und zuckelt er vor sich hin. Das Einzige, was ihm bleibt und was dieser Film auch sehr schön herausspielt, ist der Humor.

Erzählt wird die Geschichte des 16-jährigen Morten (der Name ist, wie wir lernen, die dänische Version von "Martin"). Genannt wird der Knabe aber immer nur Motte. Timothy Scannel spielt ihn mit großer Hingabe: Motte ist schüchtern, auch ein bisschen langsam, gleichwohl besitzt er die (unbegründete) Lebensfreude der Jugend, saust auf seinem Mountainbike umher und möchte die wunderschöne Jacqueline ins Kino einladen.

Leben in der Musik

Wir befinden uns Ende der 1970er Jahre in einer nicht näher bezeichneten Kleinstadt im Hessischen. Die Jugend lebt in ihrer Musik. Lernen zwei sich kennen, fragen sie: "Was hörst du?", weil nichts so gut Auskunft gibt über Geist und Seele eines Menschen wie die besonders geliebte Musik. So ist denn auch die Eröffnung eines Plattenladens, wo es die neuesten Scheiben von David Bowie, Iggy Pop, Lou Reed, The Clash, und natürlich der Beatles zu kaufen gibt, die Sensation im Ort. Alle jungen Leute laufen hin mit hoch schlagendem Herzen und zu wenig Geld.

Motte versucht, mit der Scheidung seiner Eltern fertig zu werden, indem er den Auszug seines Vaters und die Bitten der Mutter um ein Gespräch ignoriert. Erleichtert wird ihm das durch die enge Freundschaft mit Bogi (Albert Lichtenstern), seinem Alter Ego, der jedoch bald nach dem Auftakt des Films wegen eines schwer aussprechbaren geheimnisvollen Leidens ins Krankenhaus muss. Er hat das Non-Hodgkin-Lymphom, niemand kennt das, aber es ist tödlich.

Der Film erzählt auch die Leidensgeschichte Bogis - sozusagen aus den Augenwinkeln Mottes, der nicht weiß, was er am Krankenbett sagen soll und deshalb immer seltener kommt. Und so schlägt sein Gewissen. Er schafft es, Jacqueline (Jenny Hoffmann) ins Kino auszuführen, doch die bringt ihrerseits ihren Freund mit. Das war es dann. Die Eltern sind nicht mehr, was sie mal waren, der Freund liegt im Sterben, und die Angebetete entpuppt sich als Bitch. Was bleibt ihm noch?

Bademeister Elvis als Retter

Für den Film hat sich Drehbuchator David Ungureit entschlossen, der Geschichte einen Rahmen mitzugeben: Der alternde Morten von heute, gespielt von Bjarne Mädel, kommentiert die Ereignisse und stellt so eine manchmal augenzwinkernde Distanz zu all den bösen Wachstumsschmerzen und deprimierenden Schicksalsschlägen her. Allerdings ist der erzählerische Grundton ernst, das zeigt schon der Ort, von dem aus Bjarne Mädel spricht: Der erwachsene Morten sitzt auf dem Zehn-Meter-Turm eines stillgelegten Schwimmbades, von dem einst der junge Motte in den Tod springen wollte. Gerettet wurde er von Bademeister Elvis.

Auch während der Katastrophen des Jahres 1979 tritt ein begütigender Engel mit Namen Steffi (Holle Kirck) auf und hilft dem Helden beim Überleben. Dieses Mädchen war mit Motte in derselben Grundschulklasse, er hat sie ganz vergessen, sie aber erinnert sich und sucht seine Nähe. Steffi macht eine Ausbildung zur Schornsteinfegerin, er darf sie am Arm berühren, das bringt Glück. In diesem Fall tatsächlich. Motte wird gerettet. Bogi nicht, die Krankheit ist stärker. Als er seinen Freund verloren hat, spricht Motte eine Weile nicht mehr.

Balanceakt mit Abstürzen

Die schauspielerischen Leistungen der Jugendlichen sind hocherfreulich anzuschauen. Die Musik tut, was sie tun muss und was auch nur sie tun kann: Sie leitet zurück in eine Zeit, in der es noch keine Handys und keine Computer gab und in der das Verbindende unter Jugendlichen keine Plattformen waren, sondern Klänge, die durch die Luft schwebten und in dieser ausschwingenden Rock-Ära zugleich voller Protest und voller Wehmut waren.

Regie und Montage finden zu einem weichen, ruhigen Erzählfluss, der in einem angenehmen Gegensatz zur Dramatik des Erzählten steht. Dieser Film ist ein Porträt einer Jugend, die den Revoluzzer-Habitus der Generation zuvor aufgegeben hat und nach einem eigenen Ausdruck sucht. Er zeigt, dass das Coming-of-Age auch im Einzelfall ein Balanceakt ist, bei dem es selten ohne Abstürze und manchmal übel ausgeht. Es sei denn, man hat eine Glücksbringerin an der Seite. Der Titel "Blackbird" zitiert einen Beatles-Song, verweist aber auch auf die bezaubernde kleine Auszubildende im Schornsteinfeger-Habit.

infobox: "Blackbird", Fernsehfilm, Regie: Max Zähle, Buch: David Ungureit, nach dem gleichnamigen Roman von Matthias Brandt, Kamera: Frank Küpper, Produktion: Port Au Prince Films, Tatami Films (ARD/HR 30.9.26, 20.15-21.45 Uhr und in der ARD-Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 30.09.2026 11:31

Barbara Sichtermann

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KHR, Fernsehfilm, Zähle, Ungureit, Brandt, Sichtermann

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