Ein Bollwerk gegen den Egoismus - epd medien

01.10.2026 10:54

Ist das Kultur oder kann das weg? Die Autorin und Regisseurin Gesche Piening setzt sich in ihrem Hörspiel "Reflektier mal die Ästhetik deines Auftritts, Alter!" für brückenschlagende Kulturtechniken in einer polarisierten Gesellschaft ein.

Hörspiel "Reflektier mal die Ästhetik deines Auftritts, Alter!"

Das Hörspiel "Reflektier mal die Ästhetik deines Auftritts ..." mutet seinem Publikum einiges zu

epd Gesche Piening legt in ihren Hörspielen den Finger in die Wunde. Ob sie sich mit Privatinsolvenzen auseinandersetzt wie in "bin pleite ohne mich", ob sie nach dem Umgang von Kindern und Jugendlichen mit Verlust und Trauer fragt wie in "Tod - was soll das?" oder die zwanghafte Selbstdarstellung anzweifelt, die von jedem gefordert wird, wie in "Wes Alltag Antwort gäb": In ihren engagierten Arbeiten zeichnet sie brisante, das Bewusstsein schärfende Porträts unserer Gegenwartsgesellschaft. Und hat damit auch ein ums andere Mal Preise gewonnen. In ihrem jüngsten Hörspiel "Reflektier mal die Ästhetik deines Auftritts, Alter" nimmt sich die Münchner Autorin, Regisseurin und Schauspielerin das Thema der künstlerischen Vielfalt vor, die sie akut bedroht sieht durch die virulenten Verteilungskämpfe in Zeiten knapper Kassen.

Pienings kulturdiagnostischer Scharfblick verschont keinen. Viele können und sollen sich angesprochen fühlen. Die Politik, die die Kunst- und Kulturförderung infrage stellt, um Populisten hinterherzuhecheln: "Soll ich als Politiker statt eines Kindergartens einen Blühstreifen oder ein Kunstprojekt finanzieren?" Die Sendeanstalten, die das Kulturprogramm zusammenstreichen: "Da hat halt mal wieder jemand mit viel Macht entschieden, dass das jetzt alle hören wollen … Ununterbrochen, auf jedem Kanal, mehr und mehr das Gleiche." Das Publikum, das den Kulturauftrag in Krisenzeiten darin sieht, seine "Stimmung aufzuhellen, denn ich brauche verlässlichen Trost". Die Kulturkritik, die ihrem Auftrag immer weniger nachkommt: "Ist das PR oder eine Rezension?" Zuletzt die Künstler und Künstlerinnen selbst, weil sie in einer Art vorauseilendem Gehorsam niemandem mehr etwas zumuten wollen: "Das Publikum sollte man an die Hand nehmen und zu seinem Glück führen."

Kakophonie an Stimmen

Das rasant geschnittene Hörspiel, das nicht von ungefähr mit schrillem Geklingel einsetzt und mit einem wilden musikalischen Genre-Mix als akustische Untermalung fortfährt, konfrontiert mit einer Kakophonie an Stimmen. Sie gehören Schauspielern und Schauspielerinnen, David Zimmerschied, Sylvana Krappatsch, Sebastian Brandes und anderen, mit denen Piening oft zusammenarbeitet. Dabei ist jeder der mal betont gelangweilt, mal gehetzt gesprochenen Sätze ein Wirkungstreffer.

Dies umso mehr, als bestimmte Aussagen, einem Gedankenkarussell ähnlich, wiederholt werden, bis sie sich richtiggehend eingebrannt haben. Kulturkämpferischer Populismus, Verhärtung des öffentlichen und privaten Diskurses und die Destruktion, die gegen das System als Ganzes ist, sind solche Schlagworte.

Moralisch, aber nicht moralisierend

Die SWR-Produktion will nicht nur wachrütteln, sondern "eine kulturelle Zumutung" sein, wie es im Untertitel heißt. Pienings Ziel ist es, Ignoranz und Egoismus, Mutlosigkeit und Opportunismus überwinden zu helfen. Das ist moralisch, aber nicht moralisierend, da sie sich selbst und das Milieu, in dem sie sich bewegt, nicht von der Kritik ausnimmt.

Nicht selten erwischt einen die eine oder andere Aussage, der ein oder andere Gedankengang kalt. Die Stoßrichtung des seine wütende Dringlichkeit zu keiner Zeit verleugnenden Hörspiels ist unmissverständlich, wenn es heißt: "Kunst, Kultur und Medien könnten ein Bollwerk gegen den Egoismus sein." Nicht konstruktiv zu kooperieren hingegen hieße, dass die Falschen - Namen werden nicht genannt - die Oberhand gewinnen.

infobox: "Reflektier mal die Ästhetik deines Auftritts, Alter!", Hörspiel, Regie und Buch: Gesche Piening, Komposition: David Pätsch (ARD Sounds/SWR, seit 27.9.26, SWR Kultur, 27.9.26, 18.20-19.20 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 01.10.2026 12:54

Florian Welle

Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), KSWR, Hörspiel, Piening, Welle

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