Aufklärerischer Effekt - epd medien

02.10.2026 08:50

Parallel zur Fernsehserie "Babylon Berlin" hat die ARD eine Hörspielserie aus den Romanen von Volker Kutscher gemacht. Die Bücher dazu stammen vom Autor selbst und unterscheiden sich stark von der TV-Produktion. "Haus Vaterland" ist die vierte und letzte Staffel der Audio-Produktion.

Hörspielserie "Haus Vaterland" bei ARD Sounds

Die Hörspielserie "Haus Vaterland" spielt im Berlin der 1930er Jahre

epd Die Zeugenvernehmungen versprechen ein Albtraum zu werden: 400 Angestellte im "Haus Vaterland" sind potentielle Zeugen des Mordes am Vertreter des "Luisenbrands". Das Stimmengewirr unterscheidet sich jetzt am Morgen von den Vergnügungsgeräuschen, die hier nachts üblich sind. In "Haus Vaterland", einem vier Etagen hohen Gebäude aus Stahl und rotem Sandstein mit Glaskuppel am Potsdamer Platz, können Abend für Abend bis zu 8.000 Gäste bewirtet werden. Hier ist der Traum deutscher Großmannssucht Unterhaltungsspektakel. In wenigen Minuten kann man vom japanischen Teehaus über die Western-Bar bis zu den nachgebauten Rheinterrassen flanieren, über denen abends ein künstliches Gewitter mit Blitz und Donner niedergeht. Im "Haus Vaterland" geht es so traditionell wie kolonialistisch zu.

Volker Kutscher, der Schöpfer der historischen Berlin-Krimis um Gereon Rath, hat mit "Haus Vaterland" einen treffenden Ort für das fünfteilige Hörspiel gewählt. Auf seinen Büchern, die politische Gesellschaftsporträts und Chroniken der allmählichen Machtübernahme der Nationalsozialisten in den 20er und 30er Jahren sind, basiert auch "Babylon Berlin", die Mammutserie der ARD, die mit der fünften Staffel gerade zu Ende geht. Die Serie allerdings hat sich von Anfang an nicht nur Freiheiten in punkto Handlung und Dramaturgie herausgenommen, auch die Hauptfiguren Gereon Rath und Charlotte Ritter haben die Autoren deutlich verändert.

Alternative Geschichtsschreibung

Kutscher sah den Autoren und Regisseuren der Fernsehserie, Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten, die Änderungen lange nicht nur nach, er akzeptierte die Serie auch als Kunstwerk eigenen Rechts. Das hat sich mit der aktuellen Staffel geändert. Im Interview mit der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zeigte er sich verärgert über die seiner Meinung nach unzulässige alternative Geschichtsschreibung im Finale von "Babylon Berlin". Die fünfte Staffel der Fernsehserie umfasst die vier Wochen zwischen Hitlers Ernennung zum Reichskanzler und dem Reichstagsbrand, kurz vor den letzten "freien" Wahlen der Weimarer Demokratie im März 1933. Die Chronologie des Hörspiels ist eine andere: weniger "historische Großwetterlage", aber gerade darum vielleicht anschlussfähiger für unsere Aktualität

Die von der ARD in ihrer Audiothek und in den Kulturradiowellen gesendeten Audiofiktionen stammen von Kutscher selbst, setzen andere historische Akzente, zeigen Gereon Rath vor allem als moralisch unentschlosseneren Charakter als die Serie. Nach "Der nasse Fisch", "Der stumme Tod" und "Goldstein" ist "Haus Vaterland" die vierte Hörspielstaffel. Statt mit Hitlers Ernennung beginnt sie mit Raths Ermittlungen zu dem ermordeten Schnapsvertreter Mitte 1932.

Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein ...

Statt wie in "Babylon Berlin" entlang der historischen Ereignisse zu erzählen, liegt im Hörspiel eine große Stärke in der Zeichnung der Mentalitätsgeschichte, in der Symbolik der Orte und ihrer Geschichte. Charlotte Ritter kehrt aus Paris zurück und begrüßt Berlin mit den Worten: "Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein ...". Die Anspielung auf den Song von Peter Fox ist ein hübscher Anachronismus. Sie freundet sich mit einem schwarzen Westernbar-Kellner an, einem Mann aus einer ehemaligen afrikanischen deutschen Kolonie, der als Soldat für das Reich gekämpft hat und um seinen Sold betrogen wurde. Charlotte, die ehemalige Jurastudentin, will helfen. Im "Haus Vaterland" kommt ein Offizier des Ersten Weltkriegs mit Lesungen seiner Kriegsmemoiren groß heraus.

Das szenische Bauprinzip erinnert an Karl Kraus' apokalyptisches Weltkriegsdrama "Die letzten Tage der Menschheit": Schauplätze und Figuren wechseln, Dialoge sind kurz und charakteristisch. Ganz zum Schluss liest der Berliner Straßenjunge Fritze, der vorübergehend bei Charlotte Ritter (Alice Dwyer) und Gereon Unterschlupf fand, stockend aus einem Dankesbrief über seinen Herzenswunsch, Hitlerjunge zu werden, während auf einer zweiten akustischen Spur der historische Hitler zur Nazi-Erziehung der Jugend redet. Der aufklärerische Effekt der Überlagerung der Stimmen ist grandios.

Kommissar Gereon Rath (Ole Lagerpusch) wird dieser Fall nach Masuren führen, wo er in den Sümpfen fast sein Leben verliert, er wird es mit alten Verbrechen dort zu tun bekommen und mit Kriegsverbrechen durch Deutsche im Ersten Weltkrieg in Frankreich. Der Tote im "Haus Vaterland" wird nur das erste Opfer einer Vergeltungsserie sein. Wer im Hörspiel das Pendant zu "Babylon Berlin" sucht, mag enttäuscht sein. Alle anderen werden am Ende hoffentlich klüger und bestens unterhalten aus Kutschers historischem Berlin auftauchen.

infobox: "Haus Vaterland", fünfteiliges Hörspiel, Regie: Benjamin Quabeck, Buch: Volker Kutscher nach seinen Romanen "Die Akte Vaterland" und "Märzgefallene", Bearbeitung: Thomas Böhm, Benjamin Quabeck, Komposition: Verena Guido (ARD Sounds/WDR, seit 3.9.26, WDR5, 3.10.26, 13.04-18.00 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 02.10.2026 10:50

Heike Hupertz

Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), KWDR, Hörspiel, Kutscher, Quabeck, Böhm, Hupertz

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