03.10.2026 09:15
Mystery-Serie "Die Düsteren" in der ZDF-Mediathek
epd "Wer bin ich? Wer könnte ich sein, wenn ich andere Entscheidungen in meinem Leben getroffen hätte? Welche Abgründe und dunklen Sehnsüchte schlummern in mir? Und wer wäre ich, wenn ich ihnen gefolgt wäre?" - Diese Fragen, schreiben die Drehbuchautoren Arne Nolting und Jan Martin Scharf, hätten am Anfang ihrer Stoffentwicklung für "Die Düsteren" gestanden.
Mit einem Mann am Scheideweg beginnt die Handlung der Mystery-Serie: Als Campingplatzbetreiber Ben (Max Riemelt) nach Hause kommend seine Frau Kathrin (Mona Pirzad) in flagranti mit einem Liebhaber ertappt, rastet er aus und schlägt in unbändigem Zorn beide bewusstlos. Die Kamera blendet ab, der Zuschauer muss das Schlimmste befürchten, doch offenbar hat er die Beherrschung wiedererlangt. Als wenige Filmminuten - in der erzählten Zeit wohl mindestens Monate - später eine junge Frau namens Soma (Lisa-Marie Koroll) auf seinem Insel-Campingplatz eincheckt, stellt er ihr Kathrin freundlich als seine Frau vor und zeigt sich in einer folgenden Szene sogar damit einverstanden, dass der Ex-Liebhaber sie mit Getränken beliefert.
Soma ist die Schlüsselfigur des Sechsteilers. Aufgewachsen als Findelkind, das 2002 in eine Hamburger Babyklappe gelegt wurde, hat sie ihr Leben damit zugebracht, nach ihrer Mutter zu suchen. Der Hinweis einer Privatdetektivin, ein auf Somas Babyfoto erkennbares Logo könnte zu einer Kinderklinik auf der Nordseeinsel Kaltenoog gehören, lässt sie dorthin aufbrechen - gegen ihren Willen begleitet von ihren WG-Freunden Flynt (Ivo Kortlang) und Paula (Melodie Dimina). Schon bei der Überfahrt zeigt sie körperliche Reaktionen. Während einer polizeilichen Verkehrskontrolle fallen plötzlich massenhaft tote Möwen vom Himmel. Als sie ans Meer geht, bildet sich eine Wolke über dem Wasser, das Watt fängt an zu brodeln - und am Ende der Auftaktfolge schält sich ein nackter Mann aus dem Schlick, der exakt so aussieht wie Campingplatzbetreiber Ben.
Abgesehen von solchen Knalleffekten bleibt Regisseurin Lea Becker bei der Inszenierung der übersinnlichen Elemente des Plots zurückhaltend. Wenn Charaktere in Grenzsituationen buchstäblich aus der Haut fahren, erweckt sie den Eindruck einer leichten Bild- und Tonstörung. Wenn Flynt und Paula Zeugen der Meeresöffnung werden, frieren sie ein, erstarren. Vor allem aber setzt Becker auf archetypische Figuren. Es gibt eine mysteriöse alte Kräuterhexe (Corinna Kirchhoff), die dramatische Warnungen ausstößt: "Es ist zu spät. Ich hab versagt. Sie werden kommen. Du bist verloren." Anschließend schneidet sie sich den Hals auf.
Es gibt einen Antiquar, der nur mit elektronischer Sprechhilfe reden kann und Soma mit dem nordfriesischen Mythos von Wiedergängern aus der See vertraut macht. Es gibt einen Leuchtturmwärter, der mit der mysteriösen alten Kräuterhexe verbunden war und mehr wissen könnte, aber nun auf dem Festland lebt. Und es gibt einen knorrigen Inselbullen (Karsten Antonio Mielke) mit einem etwas zugänglicheren jungen Kollegen (Ludger Bökelmann), die beide nicht Teil der Lösung sein dürften.
Während all diese Figuren und Motive eingeführt werden, können zwei Erkenntnisse reifen: Bei Ben aus dem Schlick handelt es sich um eine abgespaltene schlechte Version seiner selbst, die ihre zweite Chance unbedingt nutzen und ihren Platz wieder einnehmen will. Und Soma, der ein Gentest "spiegelverkehrt angeordnete DNA" bescheinigt, kann den Riss zwischen den Dimensionen öffnen. Als sie noch einmal ins Watt geht, tritt das Naturphänomen wieder auf, weitere düstere Doppelgänger erheben sich aus dem Schlamm. Wenig später verschwindet der kleine Sohn der Krankenhaus-Mitarbeiterin Wiebke (Kristin Suckow), obwohl seine Mutter ihn doch eben noch aus der Kita abgeholt hatte.
Ein paar schöne Funken schlägt das Skript aus dem Selbstbehauptungskampf der Doubles. Schließlich müssen sie ihre jeweiligen Originale aus dem Weg schaffen und Erinnerungslücken überspielen. Ben II hat darüber hinaus noch mit der offensiven Abneigung des Familienhundes fertigzuwerden. Gleichzeitig ist seine Frau zwar gelegentlich irritiert, findet ihren Mann aber auch "wacher, entschiedener, mehr da". Hier klingt ein bekanntes Motiv an: Warum nicht Zweifel an der Identität des anderen zurückstellen, wenn sich der Tausch als nicht schlecht erweist? Erst als der Hund verschwindet und Ben II beim Anblick des Getränkelieferanten wieder die Kontrolle verliert, gewinnen die problematischen Aspekte die Oberhand.
Nebeneinander existierende Realitäten, eine Protagonistin nicht von dieser Welt: Natürlich erfordert die im Rahmen der europäischen New8-Initiative realisierte, im belgischen Watt und in den Brüsseler Lites-Unterwasserstudios gedrehte Mystery-Serie eine gewisse Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Wer sie aufbringt, wird im Rahmen des Genres und im Hinblick auf die eingangs gestellten Fragen durchaus inspiriert unterhalten.
Der Ton ist nicht durchgängig düster, sondern gelegentlich auch selbstironisch, die Sprache den Protagonisten entsprechend jung ("voll", "safe", "random"). Für die suchende Heldin wurde ein poetisch-versöhnliches Ende gefunden. Und wie genau der Showdown der Doppelgänger auf Kaltenoog ausgeht, will man vielleicht gar nicht ganz genau wissen.
infobox: "Die Düsteren", sechsteilige Mystery-Thriller-Serie, Regie: Lea Becker, Buch: Arne Nolting, Jan Martin Scharf, Kamera: Karl Kürten, Produktion: Network Movie, Studio Zentral (ZDF-Mediathek, seit 3.10.26, ZDFneo, 21.10.26, 21.45-2.15 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 03.10.2026 11:15
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Mystery, Thriller, Serie, Becker, Nolting, Scharf, Luley
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