05.10.2026 10:26
Dokumentation "Stuttgart 21 - Die Jahrhundertbaustelle"
epd Seinen Hang zu Superlativen für das Projekt Stuttgart 21 hat Günther Oettinger, der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg nicht verloren. Als am 2. Februar 2010 die Bauarbeiten für den neuen Bahnhof begannen, sprach der CDU-Politiker, den die Autoren Helmar Büchel und Michael Fräntzel für ihre Dokumentation "Stuttgart 21 - Die Jahrhundertbaustelle" interviewt haben, von einem "großen Tag für die gesamte Europäische Union". Und noch heute sagt Oettinger: "Der Bahnhof ist Weltklasse."
Der ebenfalls im Film zu Wort kommende Stadtplaner Hannes Rockenbauch glaubt dagegen nicht mehr, dass die Bahn das Milliardenprojekt, das den Umbau des alten Kopfbahnhofs zu einem europäischen Bahnknoten, eine Anbindung an den Flughafen und eine ICE-Strecke nach Ulm umfasst, überhaupt fertigstellen wird.
"Stuttgart 21 - Die Jahrhundertbaustelle" ist die zweite Dokumentation des SWR über das Milliardenprojekt innerhalb von wenigen Monaten. Am 11. Juni zeigte das SWR Fernsehen in der Reihe "SWR Story" die Dokumentation "Stuttgart 21 - verplant, verbaut, verschoben". Der Film lieferte exklusive Recherchen zu Gründen für eine weitere Verzögerung der Fertigstellung, unter anderem wurden 1.000 Kilometer Kabel falsch verlegt. Er nahm einiges von dem vorweg, was die Deutsche Bahn gut zwei Wochen später auf einer Pressekonferenz bekannt geben sollte: Die Kosten werden erneut steigen, auf 14,5 Milliarden Euro, nachdem zu Beginn der Planungen in den 1990er Jahren 2,5 Milliarden angesetzt waren. Und die Einweihung verschiebt sich zum nunmehr neunten Mal. Jetzt ist 2031 anvisiert.
Frieder Kümmerer, einer der beiden Autoren der vom Sender im eigenen Haus produzierten "SWR Story" gehörte zu dem aus fünf Redakteuren bestehenden Team des aktuellen Films, den der SWR an Eco Doc, eine mittelbare Tochter von NDR und ZDF, vergeben hat. In dieser Dokumentation von Helmar Büchel und Michael Fräntzel begründet Günther Oettinger seinen Optimismus mit dem Verweis auf ein anderes Großprojekt: die Elbphilharmonie in Hamburg. Die wurde wegen explodierender Kosten und Verzögerungen lange heftig kritisiert und ist heute ein Aushängeschild der Stadt.
Der Vergleich taugt aber wenig. Zum einen kostete die 2017 fertiggestellte Elbphilharmonie am Ende 877 Millionen Euro - als die Hamburgische Bürgerschaft 2007 für das Projekt stimmte, waren die Kosten auf 241 Millionen geschätzt worden. Zum anderen gab es gegen das Konzertgebäude nie derart fundamentale Bedenken wie gegen das Megaprojekt der Deutschen Bahn. Hannes Rockenbauch, der sich bereits als Teenager in der Protestbewegung gegen das Milliardenprojekt engagierte, hält bereits die Grundidee eines Tiefbahnhofs für "Murks". Es sei nicht klug, "einen Bahnhof zu verbuddeln, denn wenn ich ihn verbuddelt habe, dann kann ich nicht erweitern".
Und Winfried Hermann, im April aus dem Amt des baden-württembergischen Verkehrsministers ausgeschieden, betont: 90 Prozent der Fahrgäste am Stuttgarter Hauptbahnhof nutzten diesen als Ein- und Umsteigebahnhof im Regional- und Nahverkehr, "nur zehn Prozent" seien "durchfahrende Kunden". Da sei es doch abwegig, das Konzept auf die Minderheit auszurichten.
Teuerste Baustelle seit Bestehen der Bundesrepublik
Zunächst entfaltet die Dokumentation einen gewissen Reiz, weil die Filmemacher Befürworter des Projekts immer wieder damit konfrontieren, was die Gegner dagegen vorbringen. Boris Palmer, Gegner des Megaprojekts, behauptet etwa, er habe 2004 seine Bewerbung um das Amt des Oberbürgermeisters in Stuttgart vor der Stichwahl zurückgezogen, nachdem der Amtsinhaber, der CDU-Politiker Wolfgang Schuster, ihm gegenüber Zusagen in Sachen Stuttgart 21 gemacht habe. Schuster reagiert darauf perplex: "Davon weiß ich nichts. Solche Absprachen hat es nie gegeben." Der Konfrontationseffekt nutzt sich aber rasch ab, zumal die Ambitionen der Autoren, das Gesagte einzuordnen, gering sind.
Die absurden Entwicklungen rund um S21 kommentieren Büchel und Fräntzel gelegentlich mit ironischem Musikeinsatz, etwa mit Jack Whites "High Ball Stepper", bekannt aus dem Langnese-Kinospot "Release the beast". Letztlich finden sie für die "teuerste Baustelle seit Bestehen der Bundesrepublik" aber keine angemessene filmische Form. Das Kernproblem: Mit 13 Zeitzeugen und Experten in 60 Minuten ist der Film überladen. Diese Ballung lässt die Dramaturgie eintönig werden. Kurios auch, dass die ARD den Film mit ihrem "History"-Label versehen hat, obwohl das Stuttgarter Megaprojekt immer noch nicht fertiggestellt ist. Das passt zum wenig überzeugenden Gesamtbild.
infobox: "ARD History: Stuttgart 21 - Die Jahrhundertbaustelle", Dokumentation, Regie und Buch: Helmar Büchel, Michael Fräntzel, Kamera: Steffen Bohnert, Felix Korfmann, Axel Thiede, Produktion: Eco Doc (ARD/SWR, 28.9.26, 23.50-0.50 Uhr und in der ARD-Mediathek)
Zuerst veröffentlicht 05.10.2026 12:26 Letzte Änderung: 05.10.2026 13:26
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KSWR, Dokumentation, Büchel, Fräntzel, Martens, NEU
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