Glänzend improvisiert - epd medien

06.10.2026 07:10

In der Comedy-Serie "Nine to Five" bekommen die Angestellten im "Bürgeramt Berlin-Tiergarten-Mitte-West" eine neue Chefin: Die will Karriere machen, und das bedeutet für die Abteilung mehr Arbeit und Ärger. Die Figuren sind inspiriert von Tülin Sezgins Comedy-Programm "Conny from the Block".

Comedy-Serie "Nine to Five"

Amtsleiter Schulenberg (Jan Henrik Stahlberg, Mitte) erinnert Ronja (Friederike Kempter) daran, dass sie eine Kündigung aussprechen muss

epd So viel vorweg: Auch wenn die neue Mockumentary "Nine to Five" an einem sehr konkret benannten Ort spielt, nämlich dem "Bürgeramt Berlin-Tiergarten-Mitte-West", einem Realitätscheck hielte die Serie kaum stand. Bestimmte Beobachtungen sind zwar durchaus realitätsnah, etwa der schöne Satz "Dafür bin ich nicht zuständig", aber weder gibt es ein Berliner Bürgeramt dieses Namens, noch entspricht etliches, was in diesem fiktiven Amt so passiert, dem realen Alltag in Berliner Bürgerämtern.

Aber die Serie "Nine to Five - Das Amt" will auch gar nicht realistisch sein, sondern vor allem gute Unterhaltung. Und wenn man etwas Geduld mitbringt, geht das auch auf. Zwar wähnt man sich zu Beginn der ersten Folge in einem "Stromberg"-Abklatsch, nur mit einem weiblichem Stromberg, nämlich Friederike Kempter als Ronja Keller, aber wer dranbleibt, erlebt eine eigenständige und überaus unterhaltsame Weiterentwicklung des originalen "Office"-Formats.

Keine Akte - kein Problem.

Also Vorhang auf und willkommen im Mikrokosmos des fiktiven Bürgeramts, wo sich lauter interessante Charaktere tummeln: Allen voran Conny (Lisa Hrdina), liebenswürdig und naiv, die den Laden zusammenhält und für die das Amt Hauptlebensinhalt ist. Ferner die robuste Personalrätin Gisela (Petra Hartung) und Melissa (Anna Herrmann), hübsch und geschickt darin, Arbeit zu vermeiden. Dann wären da noch die gefühlig-sentimentale Dienstälteste Doris (Kathrin Angerer), die ihre verbleibende Dienstzeit lieber mit Zigarettenpausen und Klatsch verbringt, Orkan (Yasin El Harrouk) mit viel Herz und wenig Selbstbewusstsein sowie Orkans heimliches Love Interest Dilara (Roxana Samadi), jung und begabt, die versucht, im Abteilungschaos nicht durchzudrehen. Last not least ist da Jan (Fridolin Sandmeyer), der so tut, als hätte er mit all dem nichts zu tun, und lästige Anträge schon mal direkt in den Schredder befördert: "Keine Akte - kein Problem."

Der Alltag der Abteilung zwischen Bürgeranfragen, Anträgen und Beschwerden wird jedoch jäh gestört, als Chef Georg Schulenberg (Jan Henrik Stahlberg) eine neue Fachbereichsleiterin einstellen will, eben Ronja Keller, die nicht müde wird zu betonen, dass sie "aus der Privatwirtschaft" kommt. Ihre Probezeit absolviert sie direkt in der Abteilung.

Spielfreude und Schlagfertigkeit

Keine Frage, Friederike Kempter beherrscht den Stromberg-Sprech perfekt: Die Selbstüberhöhung, das Stammeln, die schrägen Metaphern und Vergleiche, die todsicher erwischten Fettnäpfchen - alles da. Aber vor allem bezieht die neue Serie ihren Reiz daraus, dass alle Dialoge und auch etliche Szenen improvisiert sind. Und weil alle Schauspielerinnen und Schauspieler mit so großer Spielfreude, Schlagfertigkeit und Einfallsreichtum am Werk sind und ihren Figuren so präzise Gestalt und Charakter verleihen, entfaltet die Impro-Comedy spätestens ab Folge zwei ihre eigene Dynamik und Sogwirkung - nicht zuletzt wegen vieler überraschender Wendungen.

Sollte das Figurentableau dem einen oder anderen bekannt vorkommen, ist das kein Zufall: Es ist inspiriert von Tülin Sezgins höchst erfolgreichem Social-Media-Auftritt und Bühnenprogramm "Conny from the Block". Tülin Sezgin, früher selbst Beamtin im Bezirksamt Neukölln, jetzt Comedienne und Autorin, spielt die patente Kantinenchefin Hanni. Und die Kantine (oder Küche) ist ja, wie man weiß, immer das Herz eines Betriebs. Das zeigt sich vor allem in Folge sieben ("Connys Geburtstag"), einem Höhepunkt der Serie: Connys Geburtstag ist das jährliche und einzige Feier-Highlight für die Belegschaft, aus dem man die unsympathische Möchtegern-Chefin gern raushalten möchte, zumal die an diesem Tag wie das heulende Elend im Büro erscheint. Wenn das Ensemble zeigt, wie man eine so alkoholgeschwängerte wie fröhliche Geburtstagsparty mit der würdevollen Beerdigung eines Katers (von Ronja) zusammenbringt, ist das ein darstellerisches Improvisationsglanzstück.

Den Schluss der letzten Folge kann man auch als Cliffhanger verstehen - jedenfalls wünschte man sich nach diesen acht gelungenen Folgen durchaus eine Fortsetzung.

infobox: "Nine to Five - Das Amt", achtteilige Comedy-Serie, Regie: Leonard Fuchs, Buch: Maurice Sinner, Ellen Holthaus, Miriam Suad Bühler, Timon Karl Kaleyta, Kamera: Philipp Henke, Produktion: Pyjama Pictures (ZDF-Mediathek, seit 2.10.26, ZDFneo, ab 27.10.26 jeweils dienstags, 21.45-22.40 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 06.10.2026 09:10

Ulrike Steglich

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Comedy, Impro, Fuchs, Sinner, Holthaus, Bühler, Kaleyta, Steglich

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