Warnung vor KI-"Raubzug" zur Frankfurter Buchmesse - epd medien

06.10.2026 13:13

Vor Eröffnung der Frankfurter Buchmesse haben Branchenvertreter vor einer Entmündigung durch Tech-Konzerne gewarnt. Die Freiheit des Denkens sei in Gefahr.

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, Historikerin Jill Lepore und Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, am Dienstag in Frankfurt (v.l.n.r.)

Frankfurt a.M. (epd). Künstliche Intelligenz (KI) begeht nach den Worten des Vorstehers des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, einen "doppelten Raubzug an unseren Büchern und an unserer Denkfähigkeit". Die unzureichend regulierte KI treffe auf eine schlechtere Lesekompetenz bei Schülerinnen und Schülern, sagte Guggolz am Dienstag in Frankfurt am Main vor Beginn der Frankfurter Buchmesse.

Das Training der KI-Systeme beruhe auf Urheberrechtsverletzungen, kritisierte der Börsenvereins-Vorsteher. Der urheberrechtliche Raub gipfele darin, "dass unser Büchermarkt von KI-Schrott überschwemmt wird". Bücher würden ohne menschliches Zutun produziert, die die Leserschaft "teils sogar gefährlich in die Irre führen". Diese Gefahr wachse dadurch, dass nach der neuesten Pisa-Studie ein Drittel der 15-Jährigen Texte nicht mehr verstehe. "Wer nicht mehr sinnentnehmend lesen kann, kann eine KI-Antwort überhaupt nicht mehr überprüfen", sagte Guggolz. Eine ganze Generation lerne gerade, konfektionierte Antworten als Wahrheiten zu konsumieren, anstatt offene Fragen zu stellen und nach eigenen Antworten zu suchen.

Verlust der Selbstbestimmung befürchtet

"Wir sind dabei, unsere Selbstbestimmung zu verlieren", so Guggolz. Die Politik müsse der Leseförderung und der Vermittlung von Medienkompetenz an der Schule Vorrang geben. Es sollte täglich eine Leseviertelstunde in den Unterricht eingefügt und Medienkompetenz als Pflichtfach eingeführt werden.

Gegen das missbräuchliche Training der KI-Systeme brauche es ein schnelles Eingreifen der Politik, forderte Guggolz. Sie müsse den Tech-Konzernen eindeutige Regeln vorschreiben, etwa zur Transparenz ihrer Daten, und den Urhebern wirksame Instrumente zur Durchsetzung ihrer Rechte an die Hand geben.

Scheidender Messedirektor in Sorge um den Buchmarkt

Die US-Historikerin und Autorin Jill Lepore sprach von einem "kritischen Augenblick der Geschichte". Die Summe des Wissens sei von Maschinen verschluckt worden, diese sollten nun die Arbeit des Schreibens und Lesens und Denkens übernehmen. Ihre Entwicklung bedrohe die Literatur, die Freiheit der Gedanken, die Demokratie und die Menschheit selbst, sagte Lepore.

Eine KI, die Erzeugnisse hervorbringe, ohne den Urheberschutz zu beachten, greife die "Grundfeste" des Buchmarkts an, sagte der Direktor der Buchmesse, Juergen Boos. Das kritische Denken werde nicht verboten, aber "ein digitales Spektakel" lenke vom Denken ab. Zudem setzten Regierungen in vielen Ländern Autorinnen, Journalisten und Verlage unter Druck. "Viele wägen ab, was sie sagen und veröffentlichen." Die Frankfurter Buchmesse gebe Raum für offene Gespräche und kritisches Denken. Die diesjährige 78. Buchmesse ist die letzte des 65-jährigen Direktors vor dessen Eintritt in den Ruhestand.

lmw



Zuerst veröffentlicht 06.10.2026 15:13

Schlagworte: Literatur, Buchmesse, #sagsmir, ZF

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