Der Preis des Schweigens - epd medien

07.10.2026 08:28

Im Fernsehfilm "Elodie" versucht die Übersetzerin Elodie herauszufinden, warum sie immer wieder von rätselhaften Alpträumen heimgesucht wird. Sie erfährt, dass sie als kleines Kind zu einer Pflegemutter gegeben wurde.

NDR-Fernsehfilm "Elodie" mit Karoline Schuch

Elodie (Karoline Schuch, links) besucht ihre frühere Pflegemutter, Frau Wontroba (Eva Mattes)

epd Elodie Kayserling (Karoline Schuch) ist Simultanübersetzerin in Brüssel. Ihr Beruf ist es, Verständigung zu ermöglichen. Im Privaten ist sie verschlossen. Die Ehe mit ihr, sagt ihr Mann Mehdi (Jean Alois Belbachir) einmal, sei gewesen, als gehe man an der Seite einer einsamen Soldatin dahin. Der gemeinsame Sohn malt ihr mit Filzstift ein Herz auf die Hand. Ein Herz, dessen Linie sich nicht schließt, sondern sich den Arm hinaufschlängelt und abrupt endet. Mehdi will sich trennen, Elodie scheint das nicht zu berühren.

Sie trägt die von ihrem Kind auf ihre Haut gemalte Zeichnung wie eine Schutzschildtätowierung. Karoline Schuch spielt Elodie, die sich auf die Suche nach ihrer Vergangenheit macht, mit feinen Nuancen und differenzierter allmählicher Öffnung. Erst spricht sie selten, vorsichtig, immer bereit zum Rückzug. Als ihr nach und nach die Ungeheuerlichkeit ihrer Geschichte nach der Geburt deutlich wird, öffnet sich ihr Panzer. Bis sie in einem furiosen emotionalen Ausbruch ihr Leid herausschreit.

Idylle und Gefahr

Elodie reist allein zum 65. Geburtstag ihrer Mutter Barbara (Sibylle Canonica). Nach Hause, in die Vergangenheit. Ihr ist unwohl. Die Lüneburger Heide blüht, aber Tür an Tür mit der Natur existiert ein riesiges Truppenübungsgebiet, biegen plötzlich Panzer auf die Landstraße. Idyll und Gefahr, pastorale Szenerie und Kriegsmaschinerie sind in diesem Film von Nicole Weegmann und Esther Bernstorff auf beeindruckende Weise verwebt. Die Kamera von Falko Lachmund erzählt außerordentlich dicht: Das idyllische Landhaus mit Bienenstöcken und blühendem Bauerngarten, Barbaras Domäne. Barbara singt, imkert und beeindruckt die Freunde. Ihr Mann Jochen (Michael Wittenborn) ist selten anwesend, ein viel beschäftigter Manager in der Rüstungsindustrie.

Elodies Bruder Ben (Jan Krauter) scheint für die Harmonie im Familiengefüge zuständig, hängt am "Normalen" und kann nicht akzeptieren, dass eins seiner Kinder seine Geschlechtsidentität hinterfragt. Elodie dagegen hat trotz ihrer Schweigsamkeit etwas Kratzbürstiges, Widerständiges, das ständig die Kritik der Mutter herausfordert. Gemengelage einer Familienaufstellung.

Kein Schwarz oder Weiß

Schließlich findet Elodie heraus, dass sie sechs Wochen nach ihrer Geburt bei Frau Wontroba (Eva Mattes), einer Kinderfrau, abgegeben und erst nach drei Monaten wieder abgeholt wurde. Barbara hatte eine Wochenbettdepression. Frau Wontroba misshandelte Kinder, aber sie liebte sie auch abgöttisch, war überfordert und manchmal grausam. Der Vater verteidigt die damalige Handlung: "So psychologisch haben wir damals nicht gedacht." Es waren andere Zeiten. Diskussionsverweigerung und Schweigen als Bewältigungsstrategie.Dass Schweigen seinen Preis hat für Einzelne, für Gruppen, für Nationen und ihre Geschichtsschreibung, zeigen uns Film- und Fernsehproduktionen immer wieder.

Hier ist nichts Schwarz oder Weiß. Mattes' Schauspielkunst zeigt ihre Figur geheimnisvoll, abgründig und nachvollziehbar zugleich. Das schambehaftete Thema der Mutter, die ihr Kind nicht lieben kann, oder nicht so, wie der Muttermythos es vorsieht, wird respektvoll erzählt. Zugleich werden Elodies Leid und das Unrecht, das ihr widerfahren ist, nicht relativiert. Auch Frau Wontroba hat Würde und ist doch eine Art Monster. Zur Realität Elodies gehört all das, sie muss es wissen, um sich zu heilen.

Weegmann und Bernstorff ist in der Zusammenarbeit wieder ein Film gelungen, der Familiengeschichte mit Gesellschaftsthemen schlüssig verwebt, der schauspielerisch und dramaturgisch herausragt. "Elodie" bewegt Probleme Erwachsener mit frühkindlicher Traumatisierung auf sehr eindrückliche, konkrete Weise. Der Film eröffnet Räume und kann als Türöffner für familiäre Diskussionen wirken.

infobox: "Elodie", Fernsehfilm, Regie: Nicole Weegmann, Buch: Esther Bernstorff, Kamera: Falko Lachmund, Produktion: 2Pilots-Filmproduction (ARD/NDR, 7.10.26, 20.15 -21.45 Uhr und in der ARD-Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 07.10.2026 10:28

Heike Hupertz

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KNDR, Fernsehfilm, Weegmann, Bernstorff, Hupertz

zur Startseite von epd medien