Nur ein paar schwarze Schafe? - epd medien

08.10.2026 07:54

In "Tatort Jugendfußball" berichten Betroffene über Missbrauch beim Sport. Ihre manchmal erschütternden Aussagen bilden das Herzstück der Reportage von Marie Bröckling und Ex-Fußballprofi Jonas Hummels.

ZDF-Reportage "Tatort Jugendfußball"

Der frühere Profi-Fußballer Jonas Hummels hat für die Reportage "Tatort Jugendfußball" mit zahlreichen Fußballern über Missbrauchserfahrungen gesprochen

epd Anders als bei Filmen, Serien und Dokumentationen üblich hat das ZDF diese Reportage wegen des "sensiblen Themas" nicht zu Vorschauzwecken vorab in den Vorführraum gestellt, sondern nur auf Anfrage Journalisten zugänglich gemacht. Der wahre Grund dürfte ein anderer sein: Vermutlich wollte man nicht riskieren, dass die Ausstrahlung durch eine Unterlassungsklage verhindert wird. Denn das Thema ist sensibel und brisant: Es geht um den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in Fußballvereinen.

Es wäre blauäugig zu glauben, dass es ausgerechnet in der hierzulande beliebtesten Sportart keine kriminellen Übergriffe gibt. In der Reportage, die in Zusammenarbeit zwischen "Sportstudio" und der investigativen Redaktion "Die Spur" entstanden ist, betrachten Marie Bröckling und Jonas Hummels den Fußball isoliert. Es gibt keinen Bezug zum Rest der Sportwelt, von Hinweisen auf institutionalisiertem Missbrauch in anderen gesellschaftlichen Bereichen ganz zu schweigen. Mit knapp 30 Minuten ist das Format auch zu kurz, um das Thema wirklich umfassend zu bearbeiten. Der Mädchenfußball wird seltsamerweise völlig ignoriert.

Erschütternde Erzählungen

Ein weiteres Manko, das allerdings für viele Sendungen dieser Art gilt, sind die Bilder. Abgesehen von einem Schattenspiel-Intermezzo haben die Autoren keine befriedigende Lösung gefunden: Während der ehemalige Profi Jonas Hummels aus dem Off von den Recherche-Ergebnissen berichtet, zeigen die Bilder verwaiste Fußballplätze, das Gelände des Frankfurter DFB-Campus oder ihn selbst am Smartphone. Trotzdem ist "Tatort Jugendfußball" wichtig, weil viele erwachsene Männer unterschiedlichen Alters, einige mit stockender Stimme, über ihre Erlebnisse in jungen Jahren sprechen. Manches mag harmlos klingen, aber einige der Erzählungen sind zutiefst erschütternd. Diese Aussagen sind das Herzstück der Sendung.

Hummels hat für seine Recherche angeblich "mit mehreren hundert Menschen aus der Branche" gesprochen. Die Reportage beginnt in Unterhaching, wo der jüngere Bruder von Weltmeister Mats bis 2016 gespielt hat, erst in der Jugend, dann bis 2016 als Profi in der dritten Liga. Seither ist er unter anderem Experte und Kommentator beim Sport-Streamingdienst DAZN. Jonas Hummels ist das Gesicht des Films. Fußball, erzählt er, sei lange Zeit ein zentraler Teil seines Lebens gewesen, "aber dann habe ich erfahren, was den Jungs und Männern, die wir interviewt haben, passiert ist, und wie der Fußball darauf reagiert".

Der Fußball an sich ...

Die Formulierung "der Fußball" ist etwas unglücklich gewählt, selbst wenn letztlich auch Verbands- und Vereinsstrukturen eine Rolle spielen; das zeigt sich spätestens bei Hummels' Gespräch mit einer DFB-Funktionärin, die keinen Hehl daraus macht, dass sie, hätte sie freie Bahn, vermutlich anders agieren würde. Hier liegt eine weitere Schwäche: Die Reportage endet zwar mit dem Appell eines Missbrauchsopfers an betroffene Jugendliche, den Mund aufzumachen, aber Lösungsvorschläge für strukturelle Herausforderungen wie den fehlenden Informationsaustausch zwischen den 27 Regionalverbänden des Deutschen Fußball-Bunds bietet sie nicht.

Auch deshalb ist das handwerklich unrund wirkende Interview mit Vizepräsidentin Silke Sinning unbefriedigend: Der DFB ist der größte Sportverband der Welt und schmückt sich gern mit seinem Engagement gegen Rassismus, aber bei Missbrauch passiert viel zu wenig. Einen Grund dafür nennt Hummels zu Beginn: In der Branche sei die Rede von "Einzelfällen" und "schwarzen Schafen". Der Fußball an sich, heißt es, habe damit gar nichts zu tun.

Wir alle dachten, das gehört dazu.

Hummels selbst hat nie Übergriffe erlebt, Mitspieler in der Jugend allerdings schon: Sie berichten von einem Berater, der auf dem Vereinsgelände ein eigenes Büro hatte und für die Jungs wie ein Ersatzvater gewesen sei. Heute finden sie es selbst absurd, dass sie seine als medizinische Untersuchungen getarnten Übergriffe, die der Mann in einer schriftlichen Stellungnahme dementiert, nicht als solche erkannt hätten. Auch Hummels wusste davon und sagt: "Wir alle dachten, das gehört dazu."

Der Film geht der eingangs gestellten Frage, warum Fälle wie dieser so lange unentdeckt blieben, zwar nicht nach, aber die Beispiele legen nahe, dass es sich nicht um so etwas wie eine "Omertà" handelt: Eine Mutter hat erst durch einen Anruf der Kriminalpolizei erfahren, dass ihr Sohn Monate zuvor Opfer eines Missbrauchs geworden war. Bei dem später zu einer Bewährungsstrafe verurteilten Täter, Jugendtrainer bei Union Berlin, hatte sie ein "gutes Gefühl": der Mann sei höflich und nett gewesen.

infobox: "Die Spur: Tatort Jugendfußball", Regie und Buch: Marie Bröckling, Jonas Hummels, Kamera: Willem Konrad, Sebastian Klatt, Produktion: Tell me why (ZDF, 7.10.26, 22.45-23.15 Uhr und in der ZDF-Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 08.10.2026 09:54 Letzte Änderung: 08.10.2026 09:57

Tilmann Gangloff

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Bröckling, Hummels, Gangloff, NEU

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