09.10.2026 07:20
Mystery-Serie "House of Yang"
epd Wenige Tage nachdem das ZDF die Doppelgänger-Saga "Die Düsteren" in die Mediathek gestellt hat, hat auch die ARD eine sechsteilige Mystery-Produktion an den Start gebracht: "House of Yang", 2024 als Sieger aus dem SWR-Ideenwettbewerb "Tief im Südwesten" hervorgegangen und im Februar dieses Jahres mit drei Folgen auf der Berlinale präsent. Handelt "Die Düsteren" von einem Riss zwischen den Dimensionen, der sich im Meer vor einer fiktiven Nordseeinsel auftut, so steht hier ein Horrorhaus im Schwarzwald im Mittelpunkt, in dem auf drei Zeitebenen - 1949, 1999 und in der Gegenwart - Mädchen spurlos verschwinden. Mit Laufzeiten zwischen 20 und 30 Minuten sind die Episoden von "House of Yang" deutlich kürzer als die der ZDF-Serie, dem Sendungsbewusstsein tut dies aber keinen Abbruch.
"Warnung: Rassismus" wird zu Beginn der ersten beiden Episoden links oben eingeblendet. Der Hinweis wäre nicht nötig gewesen: wenn in der Auftaktfolge auf der 1999er-Zeitebene ein deutscher Junge die deutsch-chinesischen Schwestern Jessie (Clara Jaschob) und Isabel (Xue Lili Pautze) mit "Fidschi" und "Fidschi zwei" anredet, spricht das eigentlich für sich. Jessies Eltern sind für einen Theaterbesuch außer Haus, deshalb wollten Teenie Jessie und ihre Großcousine Tabea (Emilia Packard) ins Kino gehen. Doch nun hat Tabea diesen Jungen, Benni (Yoran Leicher) mitgebracht, der erst mal einen Joint dreht und dann Versteckspielen im Dunkeln vorschlägt. Als die kleine Isabel ihre größere Schwester bei einem Kuss mit Benni beobachtet, flüchtet sie ins Bügelzimmer. Wenig später verschmilzt dessen Tür mit der Wand. Der Raum dahinter bleibt genauso unauffindbar wie das Mädchen selbst.
Diese erste Vergangenheitsebene verquickt die als Creatorin, Autorin und Showrunnerin ausgewiesene Stefanie Ren in fliegenden Wechseln mit der Gegenwart. In der kehrt die erwachsene Jessie (Elisa Hofmann) mit ihrer Tochter Mila (Purnima Grätz) zu dem seit 25 Jahren leer stehenden Anwesen zurück, weil sie es nach dem Tod des Vaters geerbt hat und nun einem Makler zum möglichst schnellen Verkauf übergeben will.
Aber damit nicht genug: "Es ist schon mal passiert" lautet der Titel der zweiten Folge. Das bezieht sich darauf, dass 1949 Jessies Mutter Yang (Linda Chang), bereits bekannt aus der 1999er-Ebene, als kleines Kind hilfesuchend mit Mutter und Schwester in das von dem Geschwisterpaar Elsa (Emma Bading) und Wolfgang (Vladimir Burlakov) bewohnte Haus kam. Auch damals stand ein verbotener Kuss vor einem unerklärlichen Verschwinden: Als sich zwischen Yangs Mutter Daiyu (Andrea Guo) und der schwangeren Elsa eine lesbische Liebesbeziehung entwickelt und Yangs Schwester Xia Zeugin ihrer Zärtlichkeiten wird, geht auch sie verloren.
Ähnlich wie im gefeierten Kinofilm "In die Sonne schauen" verschwimmen in "House of Yang" die Zeitebenen, was vom Zuschauer höchste Konzentration verlangt: Wer taucht in welcher Epoche in welchem Alter auf? Bei Elsa hilft ein charakteristischer Fleck an der Schläfe, den sie auch als Oma (Ursula Werner) noch aufweist, bei der Identifikation. Dem Pressedossier wurde trotzdem sicherheitshalber ein Stammbaum beigefügt.
So anspruchsvoll verrätselt die Dramaturgie daherkommt, so diffus bleibt allerdings der innere Zusammenhang der Geschichte. Soll tatsächlich vor allem ein über Generationen erlebter Alltagsrassismus thematisiert werden, der zum vererbten Trauma wurde? Dazu passt nicht, dass in der Gegenwartsebene Tabea (Antonia Bill) und Benni (Max Woelky), inzwischen Krankenpflegerin und Polizist, die einzigen verbliebenen Freunde Jessies sind, die ihr zur Seite stehen. Und warum Küsse als Auslöser des Verschwindens zweier Mädchen? Womöglich als märchenhaftes Motiv? Das würde mit dem Brunnen korrespondieren, der sich als Verbindung zwischen den Räumen und Zeiten erweist.
Oder geht es doch um Frauenrollen, um weibliche Empathie und Solidarität? Die Erzählperspektive ist jedenfalls konsequent weiblich, und von Wolfgang, einer der wenigen prägenden männlichen Figuren, geht Gewalt aus. Allerdings schenken sich die Frauen auch untereinander wenig. Verweist der Titel außer auf Jessies Mutter auch noch auf das Yin-und-Yang-Prinzip? Und wenn ja, mit welcher Intention? Soll das imposante Spukhaus, in dem nach 25 Jahren Leerstand immer noch TV-Bildschirme flimmern, als Symbol für die Unbehaustheit seiner Bewohner stehen? Gern hätte man auch mehr darüber erfahren, unter welchen Umständen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine chinesische Migrantin mit zwei kleinen Töchtern in den Schwarzwald kam.
Der Plot gibt auf diese Fragen keine eindeutige Antwort. Letzten Endes muss sich die erwachsene Jessie der Gegenwart entscheiden, ob sie ihre Schwester oder ihre Tochter in dem Haus zurücklässt, und der Geist von Mutter Yang gibt ihr noch einen guten Rat: "Mach es besser als ich und bleib bei den Lebenden!" Aber vielleicht ist da doch noch ein Hinweis versteckt. Kurz vor Schluss nimmt die Kamera noch einmal Jessies coole Baseball-Jacke in den Blick: "No Risk / No Story" ist auf der einen Seite aufgedruckt, auf der anderen steht: "Whatever". Nicht auszuschließen, dass das auch mancher Zuschauer denkt.
infobox: "House of Yang", sechsteilige Mystery-Serie, Regie: Mia Spengler, Buch: Stefanie Ren, Kamera: Zamarin Wahdat, Produktion: Wood Water Films (ARD-Mediathek/SWR, seit 9.10.26, ARD, 9.10.26 23.55-2.28 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 09.10.2026 09:20
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KSWR, Mystery, Serie, Spengler, Ren, Luley
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