Ein guter Anfang - epd medien

10.10.2026 09:16

In der neuen Krimi-Reihe "Frankfurt Mord" will das ZDF von den unterschiedlichen Milieus in Frankfurt erzählen. Im Mittelpunkt steht die Kommissarin Sarah Frankfurter (Marie-Lou Sellem), eine erfahrene Ermittlerin, die auch mit der jüdischen Gemeinde in Frankfurt verbunden ist.

Neue ZDF-Krimi-Reihe "Frankfurt Mord"

Sarah Frankfurter (Marie-Lou Sellem, links) und Milli Schneider (Leona Grundig) verhören den Mann der ermordeten Juristin

epd Manche sagen, dass Frankfurt am Main keine Großstadt ist, sondern eine Ansammlung von Dörfern, "hibb de Bach" und "dribb de Bach", verbunden durch zahlreiche filmreife Brücken über den Main. Wie die Deutschherrnbrücke, an deren rechter Seite beim Kameradrohnenanflug aus Offenbach sich pittoresk in Stahl und Glas das Hochhaus der Europäischen Zentralbank erhebt. Dies ist die Eröffnungsszene von "Frankfurt Mord".

Manche halten Frankfurt für totgefilmt. Von der Finanzserie "Bad Banks" bis zum HR-Film "Dead Man Working" mit Wolfram Koch als Investmentbanker, vom Frankfurter "Tatort" bis zur jüngsten Ausgabe von Lars Beckers "Die Polizistin": Stahl und Glas auf der einen Seite, das Drogenelend im Bahnhofsviertel auf der anderen, sind den Fernsehbildern aus der Mainmetropole eingeschrieben. Dabei sind die Dörfer, aus denen Frankfurt besteht, von Seckbach bis Sachsenhausen, von Bockenheim bis Bornheim, viel interessanter, da milieukulturell unterschiedlich geprägt.

Äpfel in Honig getunkt

Die HR-Serie "Die Zweiflers" stellte aktuelles deutsches jüdisches Alltagsleben in Frankfurt in den Mittelpunkt und zeigte, wie gut sich hier Facetten, Figuren, Fragen und Probleme jüdischer Menschen erzählen lassen. "Frankfurt Mord" schließt daran an, in seiner humoristischen Farbe ist es wiederum mit "München Mord" verwandt. Nebenbei oder in der Hauptsache porträtiert die neue ZDF-Krimi-Reihe eine jüdische Kommissarin und ihre teils konservative, teils progressive Mischpoke.

Zur Seite gestellt sind ihr zwei interessante Kollegen, sie arbeiten zudem in einem Präsidium, in dem Diversität beiläufig und nicht als staunenswertes Ereignis gelebt wird. Das gipfelt zum Ende der ersten Folge "Ein neues Leben" in der ironisch gemeinten Frage, ob man nun jedes Neujahrsfest jeder einzelnen Kultur und Religion als Betriebsfeier organisieren müsse. Erst einmal Äpfel in Honig tunken für ein "süßes Jahr" zu Rosch Haschana, das jüdische Neujahrsfest, das in diesem Jahr vom 11. bis 13. September dauerte und den Beginn des Jahres 5787 markierte.

Gibt es Unterschiede zwischen Kultur und Religion?

"Frankfurt Mord" will einiges, und manches gelingt auf Anhieb. Die Balance zwischen der Beiläufigkeit, mit der die jüdischen (und anderen) Figuren ihr Leben leben und dem Aufklärungsmodus muss die Serie insgesamt noch finden, doch ein guter Anfang ist gemacht. Auch das Ermittler-Trio bringt jeweils eigene Qualitäten ein. Von den bisweilen überstrapazierten Motivkontrasten (wenige Stadtansichten kommen ohne die Gleichzeitigkeit von Bankentürmen und Mittelaltergebäuden aus) wird man sich hoffentlich noch lösen. Das größte Manko ist der Kriminalfall selbst beziehungsweise das Thema der gesellschaftlich umstrittenen Embryonen- beziehungsweise Eizellspende.

Überfrachtend ist zum Beispiel der gut gemeinte Hinweis der Kollegin Milli Schneider (Leona Grundig), dass Kommissarin Sarah Frankfurter (Marie-Lou Sellem) als Jüdin bei diesem Thema doch sicher empfindlich sei, wegen die Euthanasieverbrechen. Aber wie halten es "die" Juden denn mit diesem Thema? Und gibt es Unterschiede zwischen Kultur und Religion? Sarah Frankfurter verweist knapp auf die Bejahung von Wissenschaft und Fortschritt, doch die Szene wirkt wie ein Fremdkörper im Erzählfluss. Fragen wie die, ab wann Leben im jüdischen Glauben existiert oder wie die Haltung zu künstlicher Befruchtung allgemein ist, werden nicht behandelt, aber sie hätten auch kaum in einen ZDF-Samstagabendkrimi gepasst.

Eine heimliche Affäre

Die Krimi-Erzählung ist im Übrigen ZDF-Routine. Die Tote, eine Juristin, war auf Social Media als Aktivistin für die Abschaffung des Embryonenschutzgesetzes tätig und wurde von Hatern wie Holger Manthey (Peter Schneider) verfolgt. Sie und ihr Mann Nils Geissner (Franz Hartwig) hatten es zuvor jahrelang erfolglos mit In-Vitro-Behandlungen versucht, die Ehe stand vor dem Aus. Die Tote hatte eine heimliche Affäre in Bockenheim mit einem Mann, der ausgerechnet im Kinderbuchverlag der Eheleute arbeitete.

Neben der Villa der Geissners auf dem Riedberg lebt eine dem Neu-Witwer übermäßig zugetane Alleinerziehende, deren Sohn aus einer Kinderwunschbehandlung stammt, und in der Befruchtungsklinik scheint auch nicht alles mit rechten Dingen zuzugehen. Der Ermittlungsstrang ist vorhersehbar, die Geschichte nicht von den Figuren, sondern von den Problemen her erzählt. Schade.

Mit dem Zweifel leben

Anderes macht Lust auf mehr, etwa die Dynamik zwischen Sarah Frankfurter und ihrem 20 Jahre jüngeren One-Night-Stand, der sich als neuer Kollege Jakob Loose (Johannes Hegemann) entpuppt. Sie hält ihn auf Abstand, er ist bei allem Respekt neugierig auf sie. Interessant sind auch die Einblicke in die progressive Gemeinde, in der Sarahs Tochter Rakhel (Victoria Nikolaevskaja) gerade Rabbinerin wird, oder der jüdische Frauenkreis um Tante Esther (Inge Maux), selbst der Nebenstrang um Sarahs Ex-Mann (Wolfram Koch), der sich nach 25 Jahren Ehe als schwul outete und von ihr trennte.

Jüdischsein, sagt man, heiße mit dem Zweifel leben oder "mit einer Frage ins Bett gehen und mit einer anderen wieder aufwachen". Eine prima Voraussetzung für eine Kommissarin. Jetzt müssen nur noch die Fälle besser werden. Und mit Jakob Loose klappt es auch noch.

infobox: "Frankfurt Mord - Ein neues Leben", Krimi, Regie: Franziska Margarete Hoenisch, Buch: Elena Lyubarskaya, Tanja Bubbel, Nils Willbrandt, Kamera: Stefanie Reinhard, Produktion: Olga Film (ZDF-Mediathek, seit 3.10.26, ZDF, 10.10.26, 20.15-21.45 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 10.10.2026 11:16

Heike Hupertz

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Krimi, Frankfurt Mord, Hoenisch, Lyubarskaya, Bubbel, Willbrandt, Hupertz

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