11.10.2026 08:05
Dokumentation "Woran wir glauben" bei Arte
epd Für die dreiteilige Dokumentation "Woran wir glauben" sind die drei Autoren Jobst Knigge, Christina Trebbi und Susanne Utzt in indische Ashrams gereist, zu Neo-Druiden in die Bretagne, an die ukrainische Front und zu einer Seenotretterin im Mittelmeer. Katholische Ordensfrauen kommen vor, ebenso wie Angehörige des indigenen Volkes der Wixárika in Mexiko, für die die Natur ein heiliges Gefüge ist. Die Vielfalt ist eine Stärke der Reihe, die in drei Folgen unterteilt ist: "Die Natur des Menschen", "Götter, Geister und Gurus" und "Eine bessere Welt".
Nach Ansicht des französischen Evolutionspsychologen Pascal Boyer sind die zentralen Themen der Religionen "Unglück und Leid". Religion verschwinde daher nicht, sagt Boyer, New Age und andere Glaubensformen "explodieren" heute geradezu. Die Politikwissenschaftlerin Anne Lancien beschreibt eine Neuordnung des Religiösen: Menschen suchten Sinn nicht mehr nur bei einer Institution, sondern stellten sich einen "Bastelglauben" aus verschiedenen Quellen zusammen. Als Beispiel nennt sie eine halb ironische Fan-Kirche für den argentinischen "Fußballgott" Diego Maradona. In der Bretagne begegnet der Film Neo-Druiden. Einer von ihnen sagt: "Für mich sind Bäume religiöse Wesen."
Die Begegnungen sind faszinierend. Doch wie typisch sind sie? Die Reihe legt einen Zusammenhang zwischen dem Mitgliederschwund der Kirchen und neuen Formen von Spiritualität nahe, prüft aber nicht, wie verbreitet diese tatsächlich sind. Für Deutschland spricht die sechste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung gegen die Vorstellung, kirchliche Religiosität werde durch kirchenferne Religiosität ersetzt: 56 Prozent der Befragten werden als säkular eingeordnet, sechs Prozent als alternativ religiös. Kirchenaustritte führen überwiegend in die Konfessionslosigkeit, nicht in andere Religionsgemeinschaften.
Auch ein Blick auf weltweite Zahlen zeigt zumindest keinen allgemeinen Wechsel zu neuen Religionsgemeinschaften. Nach einer 2025 veröffentlichten Untersuchung des Pew Research Center mit Sitz in Washington stieg der Anteil der Menschen ohne Religionszugehörigkeit zwischen 2010 und 2020 von 23,3 auf 24,2 Prozent. Das sagt allerdings nicht, ob und wie viele von ihnen sich dennoch als spirituell verstehen. Die Daten widerlegen die Sinnsuche nicht, sie mahnen nur zur Vorsicht, wenn einzelne Gruppen als Zeichen eines allgemeinen Trends erscheinen.
Das Herz des Menschen ist geschaffen für die Ewigkeit.
Am stärksten ist die Reihe dort, wo sie große Fragen an konkreten Lebensgeschichten zeigt. Die Seenotretterin Isa Nohr fragt: "Wenn es einen Gott geben sollte, warum ist dann die Welt, wie sie ist?" Für sie ist das ein Grund, selbst gegen Unrecht anzugehen. Der ukrainische orthodoxe Militärgeistliche Dionisii erlebt den Glauben dagegen als Kraftquelle in der Krise: "In den Schützengräben gibt es keine Ungläubigen."
Schwester Laure, eine Augustinerin aus der Bretagne, ist überzeugt: "Das Herz des Menschen ist geschaffen für die Ewigkeit, für etwas Größeres." Unmittelbar erlebbar wird Glaube in den Gospelgottesdiensten von New Orleans. Der direkte Draht zu den Geistern ist für die Angehörigen der Wixárika in Mexiko eine Selbstverständlichkeit. "Unser Glaube besteht darin, mit der Erde zu sprechen, direkt, ohne Vermittler", betont Nedeisa Gonzales. So zeigt die Reihe nicht nur, woran Menschen glauben, sondern auch, wie unterschiedlich sie ihren Glauben in der Praxis leben.
Auffällig viel Raum erhält Sadhguru, der indische Yogalehrer und Gründer der Isha Foundation. Sein Youtube-Kanal zählt mehr als zwölf Millionen Abonnenten. Er spricht eingängig über Lebensführung und hat scheinbar für fast jedes Problem eine Antwort. Manche Botschaften in der Dokumentation klingen allerdings banal, etwa "Man kann nur nach innen suchen" oder "Das Leben ist ein einziges großes Happening" - zudem verknüpft er sie bisweilen mit pseudowissenschaftlich anmutenden Behauptungen.
Mehr Erkenntnis bieten oft die Stimmen, die Widersprüche zulassen und die Ambivalenz des Glaubens erklären. "Gott ist kompliziert", sagt die Stanford-Anthropologin Tanya Marie Luhrmann. Man glaube zum Beispiel nicht "aus Dummheit an Magie", sondern weil Glaube eine Art sei, die Welt zu verstehen. Der jüdische Philosoph Dov Elbaum sieht in der spirituellen Suche eine Sehnsucht nach Verbundenheit: "Wir spüren, dass einst alles eins war." Der Philosoph und Podcaster Alex O’Connor (CosmicSkeptic) bezweifelt dagegen, dass die Suche nach Sinn eine Besonderheit unserer Zeit ist: "Sinnkrise ist die menschliche Existenz." Zugleich schreibt er der Gottesvorstellung eine tröstende Funktion zu.
"Woran wir glauben" blickt weit über die schrumpfenden Kirchen hinaus. Die Reihe macht verständlich, warum Menschen in Ritualen, Gemeinschaft und Glauben Halt finden. Sie liefert jedoch eher ein Mosaik eindrucksvoller Einzelfälle als eine Analyse des religiösen Wandels und mitunter drängen sich zu viele Stimmen in zu wenig Zeit. Auch die Frage, wann die Sehnsucht nach Halt gefährlich werden kann, bleibt weitgehend unbeantwortet.
infobox: "Woran wir glauben", dreiteilige Dokumentation, Regie und Buch: Jobst Knigge, Cristina Trebbi, Susanne Utzt, Kamera: Benjamin Fares, Marcus Heep, Craig Herd, Shadev Kelvadi u. a., Produktion: Spiegel TV (Arte/ZDF, 3.10.26, 21.40-0.25, Arte-Mediathek bis 20.12.26)
Zuerst veröffentlicht 11.10.2026 10:05
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Dokumentation, Knigge, Trebbi, Utzt, Cezanne
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