In der Momentokratie - epd medien

13.10.2026 07:00

Die vierteilige Dokumentation "Inside CDU", die seit Mitte September in der ZDF-Mediathek steht, hat vor allem in den sozialen Netzwerken viel Aufsehen erregt. Unter anderem wegen einer Szene, in der der CDU-Politiker Philipp Amthor stolz den neuen Strandkorb vorführt, den er sich für sein Büro im Kanzleramt gekauft hat. Der Dokumentarfilmer und frühere Fernsehkritiker Torsten Körner kritisiert nicht nur die Überreaktionen auf diese Szene, sondern auch die Machart der Dokumentation, die vor allem auf die Erregung von Aufmerksamkeit setzt.

Überlegungen zur Dokumentation "Inside CDU"

Für die Dokumentation "Inside CDU" haben die Autoren mehrere CDU-Politiker über Wochen und Monate begleitet, unter anderem Philipp Amthor (zweiter von links), Carsten Linnemann (zweiter von rechts) und Sven Schulze (rechts)

epd Spannend wäre es, wenn sich die Union auf eine dritte Staffel von "Inside CDU" einlassen würde. Das aber darf nach dem verheerenden Echo auf die zweite Staffel zumindest bezweifelt werden. Verheerend in erster Linie für die Union, denn das ZDF dürfte frohlocken. Die Aufmerksamkeit war gewaltig, Philipp Amthors Strandkorb, der inzwischen wieder nach Meckkenburg-Vorpommern gebracht wurde, nistete tagelang im Bewusstsein der Republik, die Abrufzahlen in der Mediathek waren nicht überragend, aber gut und der Sender selbst machte die Doku in verschiedenen Formaten zur Nachricht. Die Medien kreieren Ereignisse, die sie dann als Ereignisse verkaufen, die in den Medien als Ereignisse Aufsehen erregen.

Bemerkenswert sind die Kollateralschäden der vierteiligen Dokumentation. Sicher entgegen der Absicht trägt sie weiter zur Destabilisierung der Koalition bei, schürt insgesamt den Groll gegen die Politik, insbesondere die CDU und sie infantilisiert die politische Öffentlichkeit.

Permanente Erregungsinszenierung

Möglich ist aber auch, dass das alles kaum stimmt, weil die Lage schon viel dramatischer ist, als hier und jetzt angenommen. Anfang der 2000er Jahre publizierte der Politikwissenschaftler Thomas Meyer seine Studie "Mediokratie - Die Kolonisierung der Politik durch die Medien" und beinahe zeitgleich lief Herlinde Koelbls aufschlussreicher Dokumentarfilm "Die Meute - Macht und Ohnmacht der Medien" (2001). Hier wie dort wurde erzählt, wie sich die Medien in den Politikbetrieb fraßen, wie sie selbst Politik machten, wie sich die politischen Akteure in Hinblick auf die Medien entwarfen und ihre Politik so gestalteten, dass Reichweitenvorteile in Machtmöglichkeiten eingetauscht wurden. Reichweite wurde Macht, Macht ist Reichweite.

Seither ist viel geschehen. Die Digitalisierung der Sphären Politik und Medien hat beide noch enger miteinander verflochten und das Regime des Moments, die Momentokratie, verlangt permanente Erregungsinszenierung. Nach dieser Maßgabe ist auch "Inside CDU" gearbeitet. Auch die zweite Staffel ist spannend gemacht, die Bilder sind atmosphärisch gelungen, oftmals sehr sensitiv, präzise zupackend. Die Serie suggeriert zumindest, dass das "Inside" kein leeres Versprechen ist, sondern wirklich eingelöst wurde.

Politik als Machtspiel

Doch hier beginnen die Probleme, denn das "Inside" ist einerseits oberflächlich, anderseits müsste man es eher mit "egozentrisch" übersetzen. Die Union, so wirkt es hier, ist in sich selbst eingesperrt, das "Inside" ist ein Haus ohne Türen und Fenster.

Beide Staffeln reduzieren die Politik auf ein Machtspiel, auf ein Duell der Union mit der AfD. Es scheint so, folgt man der Dramaturgie, als habe die Union nur ein Thema zu bearbeiten, nämlich die Populisten von der Macht fernzuhalten. Auch die Politiker, Philipp Amthor, Carsten Linnemann, Friedrich Merz, Sven Schulze oder Christiane Schenderlein wirken wie Getriebene, die kein anderes Ziel kennen, als ihr Mandat abzusichern.

Was in dieser atemlosen Atemlosigkeit der Inhalt von Politik sein könnte, dass es einen anderen Inhalt als die Atemlosigkeit selbst geben könnte, wird einfach negiert. Weil die Dokumentation auf Parameter wie Thrill, Cliffhanger, Personalisierung, Emotionalisierung, Tempo und Erregungssteigerung setzt, schrumpft die Politik als Sphäre zur reinen Aktion, so als sei sie nur eine weitere serielle Spielfläche, erfunden nur, um das Publikum zu unterhalten. So kommt es zu einem paradoxen Effekt: Die Politiker, die unentwegt ins Machen kommen wollen (Linnemann: "Einfach mal machen"), werden fortwährend in den Moment-Käfig gesperrt, sie sind gefesselte Entfessler, die eher als Entertainer denn als Gestalter der kollektiven Daseinsvorsorge überzeugen.

Maliziöse Kommentare

Die Journalisten, die entlang des Weges das Treiben der Politik kommentieren (Mariam Lau, Melanie Ammann oder Robin Alexander) agieren mal maliziös, sardonisch oder ironisch lächelnd und schießen (so wirkt es) lustvoll ihre Pfeile in die Flanken der waidwunden Partei. So werden die fachkundigen Beobachter, zu atemlosen Stichwortgebern einer allgemeinen Schmerzenslandschaft. Die CDU ist ein einziges Gemälde im Stil von Edvard Munch: Oh, mein Gott!

Übrigens ist die CDU als Partei und Institution überhaupt nicht dafür zu tadeln, dass sie sich den Kameras geöffnet hat. Es ist ein legitimer Versuch, Wähler zu erreichen, überhaupt noch eine narrative Brücke in die Gesellschaft herzustellen, denn die Doku erzählt sehr eindrucksvoll, wie entkoppelt Politik und Gesellschaft mittlerweile vor sich hinleben und wie politikverdrossen viele Bürger (vor allem im Osten) mittlerweile sind. Hier gelingen der Doku-Serie staffelübergreifend die besten Momente, wenn sie zeigt, wie sich Politiker abmühen, überhaupt noch Kommunikation herzustellen, Angebote zu machen, Zustimmung einzuholen.

Es gibt nahezu keine Inhalte

Doch diese authentischen und beim Zuschauen wirklich schmerzhaften Momente werden durch die eindimensionale Charakterisierung der Wahlkämpfer konterkariert, die immer nur für sich selbst, aber nie für Themen oder Bürger zu kämpfen scheinen. In diesem zweifelsohne unterhaltsamen Machtspiel gibt es nahezu keine Inhalte, keine anderen Motive als Machterhalt. Da fehlt es an einer Vertiefung der Porträts, in denen der Gestaltungswille der politischen Klasse, ihre thematische Expertise, ihre persönlichen Anliegen und politischen Wünsche aufscheinen.

Genauso flach wirken dann die politischen Kommentatoren, deren analytische Kraft nur häppchenweise eingespeist wird. Die Häppchen müssen "knallen", kleine Patronen, hübsche Knallkörperchen sein, die den "Helden" das Leben noch schwerer machen. Was den Expertenstatements und den Politikerstatements weitgehend fehlt, ist die reflexive Selbstbeobachtung, das gedankliche Innehalten und das Infragestellen von journalistischen und politischen Routinen.

Der Zuschauer muss gefesselt werden.

Alle müssen immer auf dicke Hose machen, Dringlichkeit, Alarm und Überlebenskampf inszenieren, so als ginge es in erster Linie nicht darum, Menschen für Probleme zu interessieren, sondern Menschen als Einschaltquotengaranten einsammeln zu können. Im Zeitalter der Streamingdienste und ihren öffentlich-rechtlichen Nachahmern muss der Zuschauer eher gefesselt als entfesselt werden, er muss dranbleiben und nicht drin sein, er soll überwältigt und nicht zum Bewältigen befähigt werden.

Doch politische Bildung, an der ARD und ZDF arbeiten sollten, setzt voraus, dass man den Zuschauerinnen Perspektivenvielfalt anbietet, sie auch vor die Dilemmata der politischen Klasse stellt, dass man begleitende Reflexion stimuliert und nicht alles möglichst schwellenfrei zubereitet. Auch das Einwickeln des Zuschauers in eine Form von souveränem Thrill kann eine Form von Paternalismus sein, wenn die Politik den Genreregeln von Thrillern, Melodramen und Familienserien untergeordnet wird.

Die Alternative wäre nun nicht, betont "langweilig" zu erzählen, sondern bestimmte Aspekte des Wahlkampfes, der Politikerporträts und jene des Wahlvolks zu vertiefen. Man muss dabei erzählerisch nicht auf der Stelle treten, man kann aber auf der Stelle den ein oder anderen Tanzschritt nach vorne, hinten, gestern und morgen wagen.

Ein alternatives Parlament

Was Dokumentationen wie "Die Meute" von Koelbl, aber auch Lutz Hachmeisters "Sozialdemokraten - Achtzehn Monate unter Genossen" (2011) auszeichnete, war, dass sie es beide schafften, die Protagonisten und Protagonistinnen zu Nachdenklichkeit anzustiften und dem Zuschauer rivalisierende Standpunkte zur "Diskussion" zu stellen.

Sieht man sich heute, 15 Jahre später, Hachmeisters SPD-Dokumentation an, fällt natürlich die Betulichkeit auf, die visuelle Sprödigkeit und die mitunter fast kontemplative Versenkung in die "Seele" oder Identität der SPD. Da wird lang und breit im Angesicht der Kameras nachgedacht (auch bei Koelbl), man klopft sich sprechend selbst beim Denken ab, verteidigt Standpunkte, etwa die Agenda 2010 oder man fordert Zukunftswege für die Partei der sozialen Gerechtigkeit. Es wird gestritten und bei Hachmeister und Koelbl werden die O-Töne so montiert, dass Rede und Gegenrede so etwas wie ein alternatives Parlament bilden, wo man den Stand der Dinge, die eigene Profession und zukünftige Identitätswege erörtert.

Erregungsstimuli werden geschaffen

In beiden Dokumentationen wird zwar die wechselseitige Kolonisierung der beiden Systeme erörtert, aber noch besteht man auf systemischen Eigenlogiken, man liefert sich nicht gänzlich einander aus. Beide Dokumentationen zeigen ihre Zeitgebundenheit, heute wird man kaum noch Zuschauer finden, die die Geduld für diese beiden intensiven Langzeitbeobachtungen aufbringen, dennoch kann das Gegenteil nicht richtig oder die Königstugend der öffentlich-rechtlichen Sender sein. Gerade politische Formate müssten den Zuschauer ertüchtigen, in das politische Nachdenken einzusteigen, reflexive Werkzeuge anbieten und narrative Gegenmittel zur Totalbeschleunigung des öffentlichen Diskurses zur Verfügung zu stellen.

Doch die Rezeption von "Inside CDU" lässt befürchten, dass man in Zukunft eher nicht auf die Entdramatisierung von Konflikten setzt, sondern selbst Erregungsstimuli schafft, weil man weiß, dass man dann Wahrnehmungswellen in den sozialen Netzwerken und den angeschlossenen alten Medienapparaten (Zeitungen, lineares Fernsehen, Radio) schafft. Ist es wirklich Aufgabe solcher Dokumentationen Spottressourcen auszugraben, politische Selbstbeschädigungspotenziale ans Licht zu bringen? Wo bleibt jenseits der Personalisierung und vermeintlichen Demaskierung ein Löffelchen Substanz, eine inhaltliche Recherche?

"Inside CDU" ist gut gemachtes, hervorragend gefilmtes und montiertes Polittainment. Was daran schmerzt, ist die einspruchslose Zurichtung der Geschichte nach Maßgabe der Eskalationslogiken der Aufmerksamkeitsökonomie. Noch schmerzhafter ist aber, dass die Realität sich selbst nach diesen Logiken auszurichten scheint und wir, die Zuschauer und die Gesellschaft, gar nicht mehr das diskursiv und operativ bearbeiten, was wirklich bearbeitet gehörte. Insofern ist "Inside CDU" ein trostlos gelungenes Stück Fernsehen, das auf der Höhe der Zeit von der erregungsgetriebenen Flachheit der Zeit erzählt. Der Moment ist erobert, die Zukunft verspielt.

infobox: "Inside CDU", vierteilige Dokumentation, Regie und Buch: Steffen Haug, Denise Jacobs, Kamera: Felix Korfmann, Produktion: Elbmotion Filmproduktion (ZDF-Mediathek, seit 22.9.26, ZDF, 30.9.26, 0.45-3.15); "Machtbeben: CDU im Abstiegskampf", Dokumentation, Regie und Buch: Nico Schmolke, Steffen Haug, Denise Jacobs, Kamera: Felix Kofmann (ZDF, 22.9.26, 20.15-21.00 Uhr und in der ZDF-Mediathek). Nach Angaben des ZDF hatten die vier Folgen von "Inside CDU" im ZDF-Streaming-Portal bis zum 9. Oktober im Schnitt 303.000 Sichtungen. Die meisten Abrufe hatte die erste Folge, "Rehbraun": 317.000. Bei der linearen Ausstrahlung von "Inside CDU" in der Nacht vom 30. September auf den 1. Oktober hatten die vier Folgen im Schnitt jeweils 419.000 Zuschauer, der durchschnittliche Marktanteil lag bei 12,1 Prozent. Die erste Folge, "Rehbraun", erreichte mit 652.000 Zuschauern und 14,1 Prozent Marktanteil den besten Wert. Die Dokumentation "Machtbeben: CDU im Abstiegskampf" hatte am 22. September nach Angaben des ZDF im Schnitt 1,68 Millionen Zuschauer, der Marktanteil lag bei 7,8 Prozent.



Zuerst veröffentlicht 13.10.2026 09:00 Letzte Änderung: 13.10.2026 09:26

Torsten Körner

Schlagworte: Medien, Fernsehen, CDU, ZDF, Dokumentation, Körner, NEU

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