13.10.2026 08:10
NDR-Dokumentation "Fluss"
epd Das Wasser der Elbe plätschert leise, es gurgelt und rauscht, stürzt ohrenbetäubend in die Tiefe, gleitet sanft murmelnd dahin. Dieser Sound wird begleitet von der geräuschvollen Arbeit der Maschinen im Wasserkraftwerk, in den Beton-, Sandstein-, Stahl- und Kieswerken entlang des Ufers, im Schiffshebewerk, im Containerhafen. Die Kompositionen von Vladyslav Sendecki nehmen den Rhythmus und die Melodien der Elbe, der Natur und der von Menschen geschaffenen Umgebung auf: Es ist viel Musik im Dokumentarfilm "Fluss" von Timo Großpietsch, dem dritten und letzten Teil seiner filmischen Trilogie nach "Stadt" (2015) und "Land" (2021).
Nach einer kurzen Kinoauswertung im Sommer versendet der NDR seine Eigenproduktion im linearen Fernsehen auf die üblich lieblose Weise, nämlich nachts. Auch "Stadt" und "Land" werden noch einmal ausgestrahlt, am 20. und 27. Oktober. Bleibt zu hoffen, dass die Trilogie nicht im digitalen Überfluss der Mediatheken und Streamingdienste untergeht.
"Fluss" ist eine unterhaltsame, anregende Landschaftsbetrachtung der etwas anderen Art, wortlos und ganz auf die Wirkung des Zusammenspiels von Bildern, Originalton und musikalischer Interpretation vertrauend, ohne jede reiseführerhafte Ambition und ohne den aufgekratzt-plappernden Gestus der zahlreichen Reisedokus, die bei stets gutem Wetter die Heimat und ihre Menschen besingen. Aber auch ohne die ausufernde Art, wie sie etwa Volker Koepps Landschaftsfilmen eigen ist, zuletzt in dessen mehr als dreistündigem Dokumentarfilm "Chronos - Fluss der Zeit" entlang der Memel.
Großpietsch beschränkt sich auf kompakte 83 Minuten, um die 1094 Flusskilometer der Elbe zurückzulegen, und hält sich auch an die Dramaturgie, die der Flusslauf vorgibt. Beginnend also im Quellgebiet im Riesengebirge, wo eine Reisegruppe neugierig in ein kleines, rundes, von Beton eingefasstes Loch in der Erde blickt - den bescheidenen Ursprung des Flusses, der sein Wasser bis in die Nordsee trägt.
Auf der Reise dazwischen konzentriert sich der Autor auf Orte jenseits der touristischen Besucherströme und erfasst die Elbe vornehmlich als Lebensader der Industriegesellschaft. Weder die barocke Pracht Dresdens noch der Magdeburger Dom oder die Hamburger Elbphilharmonie tauchen im Bild auf. In den Großstädten schwebt die Drohnenkamera gemächlich über den Fluss, die Bauwerke rechts und links selbstbewusst ignorierend. Man blickt herab auf die Wasserfläche, auf Brücken, Straßen und Menschen in Ameisengröße.
Lieber suchte Großpietsch Orte mit der Kamera auf, die üblicherweise nicht zu besichtigen sind. Er führt das Publikum ins Innere von Talsperren, liefert eindrucksvolle Bilder von den gewaltigen Schaufeln der Kieswerke, vom spektakulären Auf und Ab im Schiffshebewerk und den alltäglichen, apokalyptisch anmutenden Explosionen im Stahlwerk Riesa. Auch die Brennstäbe im ehemaligen Atomkraftwerk Brunsbüttel, das nun rückgebaut wird, werden vom Elbwasser gekühlt. Die idyllischen Bilder von den beiden Anglern, die sich in ihrem Boot ein stilles Plätzchen suchen, sind eher die Ausnahme.
Menschen sind in dieser Fluss-Industrielandschaft aufgrund der Automation nur noch vereinzelt anzutreffen. Während Großpietsch in "Stadt" zahlreiche Hamburgerinnen und Hamburger in Großaufnahme ins Bild rückte, ähnelt "Fluss" eher dem zweiten Film seiner Trilogie. Auch in "Land" dokumentierte der Autor in langen, ruhigen Einstellungen die Produktionsprozesse der modernen Landwirtschaft.
"Fluss" hat aber im Gegensatz zu den beiden Vorgänger-Filmen eine zusätzliche Ebene, die zu historischer Reflexion einlädt. Großpietsch fügt zahlreiche Archivbilder aus den vergangenen 100 Jahren ein, vom Bau der Staustufe im tschechischen Usti nad Labem im Jahr 1927 bis zu den unspektakulären Bildern einer Frau, die 2017 in der Elbe schwimmt - was noch wenige Jahre zuvor aufgrund der Verschmutzung eher nicht ratsam gewesen wäre. Dass die Elbe mal Grenzfluss zwischen den beiden Teilen Deutschlands war, daran erinnern Aufnahmen aus dem Jahr 1962, als sich ost- und westdeutsche Grenzer durch Ferngläser misstrauisch beäugten und mit gewagten Manövern in Patrouillenbooten gegenseitig provozierten.
Gleichzeitig erweist sich der Film angesichts der hier dokumentierten Bedeutung als Wirtschaftsfaktor als hochaktuell, auch wenn das extreme Niedrigwasser des Hitzesommers 2026 nicht mehr erfasst und thematisiert werden konnte. Und wenn die Bundeswehr probt, wie Panzer ans andere Ufer gebracht werden können, braucht es auch keinen Kommentar aus dem Off, um an den wieder erwachten Ost-West-Konflikt erinnert zu werden.
Nach den Bildern von der Bundeswehr-Übung zeigt Großpietsch einen Archivausschnitt aus dem Jahr 1989. Ein älterer Mann steht am Ufer und ruft durch seine zum Trichter geformten Hände eine zeitlose Mahnung über die Elbe: "Ihr Völker der Erde, dies sei euer Gebot: Bewahret den Frieden, bewahret das Brot." Man hätte nur gerne gewusst, wer der Herr war und in wessen Auftrag er unterwegs war.
infobox: "Fluss", Dokumentation, Regie, Buch und Kamera: Timo Großpietsch, Musik: Vladyslav Sendecki (ARD-Mediathek/NDR seit 13.10.26, NDR, 14.10.26, 0.00-1.20 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 13.10.2026 10:10
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KNDR, Dokumentation, Großpietsch, Gehringer
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