"Bestimmte Annahmen der KEF sind nicht eingetroffen" - epd medien

15.10.2026 07:00

Martin Grasmück (56) ist im Juni als Intendant des Saarländischen Rundfunks (SR) wiedergewählt worden. Im Rundfunkrat erhielt er 22 von 24 Stimmen. Der frühere SR-Hörfunkdirektor führt den Sender seit 2021 und bleibt nun voraussichtlich bis 2033 im Amt. Marc Patzwald und Michael Ridder sprachen mit Grasmück über das Streitthema Rundfunkfinanzierung, Kooperationen im Hörfunk und die Zentralisierung in der ARD.

Ein epd-Interview mit SR-Intendant Martin Grasmück

Martin Grasmück ist seit 2021 Intendant des Saarländischen Rundfunks

Ihre am 1. Mai 2027 startende zweite Amtszeit als SR-Intendant steht unter dem Dreiklang "innovativ, zukunftsfest und heimatverbunden". Was bedeutet das genau?

Martin Grasmück: Innovation ist für uns überlebenswichtig. Im Mediensystem passiert zeitgleich unglaublich viel, überall gibt es Umbrüche. Das Publikumsinteresse verschiebt sich auch mehr in Richtung non-lineare Angebote, sodass diese die linearen Angebote in der Nutzung überholen. Der Kipppunkt kommt früher als gedacht. Wir wollen versuchen, vorne mit dabei zu sein und dementsprechend rechtzeitig die Weichen zu stellen. Zukunftsfest heißt wiederum, dass wir wirklich alle Möglichkeiten ausschöpfen. Wir müssen mit dem zur Verfügung stehenden Geld diesen Sender so stabil umbauen, dass er weiter seinen Job im System und seinen Auftrag für die Gesellschaft, für die Saarländerinnen und Saarländer, erfüllen kann. Heimatverbundenheit ist in diesem Zusammenhang die große Stärke des Föderalismus der ARD und insbesondere des Saarländischen Rundfunks. Wir wollen ganz nah bei den Menschen sein, sehen, was sie bewegt, Teil ihrer Geschichte sein.

Sie haben das veränderte Publikumsinteresse erwähnt. In Ihrer ersten Amtszeit ging es auch schon darum, Inhalte primär oder zuerst online auszuspielen. Wollen Sie das weiter ausbauen?

Grundsätzlich müssen wir uns innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen bewegen. Das lineare Angebot hat nach wie vor eine Riesenreichweite. Wir sind sehr erfolgreich im Hörfunk und im linearen Fernsehen. Wichtig ist, dass wir die Menschen dort erreichen, wo sie sind. Das ist stark zunehmend wie bereits erwähnt der non-lineare, digitale Raum. Youtube hat beispielsweise inzwischen eine Reichweite von 71 Prozent. Mit unserer neuen Markenstrategie haben wir Angebote für Instagram, Tiktok oder eben Youtube entwickelt, um die Menschen stärker abzuholen. Wir dürfen sie auf den großen Plattformen insgesamt nicht alleine und sie auch nicht einer dort leider ebenso stattfindenden gezielten Desinformation überlassen. Deshalb ist unsere Herausforderung, eigene starke Plattformen zu entwickeln - auch mit anderen Partnern - und gleichzeitig dorthin zu gehen, wo die Menschen sich ebenfalls informieren oder unterhalten wollen.

Der Föderalismus hilft uns, und wir unterstützen uns gegenseitig.

Thema Heimatverbundenheit: Im Saarland wird der SR von vielen Menschen als der Heimatsender wahrgenommen, ohne dass der Bezug zur ARD eine Rolle spielt. Selbst die AfD findet den SR gut und will ihn erhalten. Wie erklären Sie sich die besondere Stellung im Saarland?

Das Phänomen ist auch bei anderen ARD-Sendern im Rest der Republik nicht unbekannt. Hier im Saarland ist es allerdings besonders stark: Wir haben ein vergleichsweise kleines Sendegebiet, und über seine gesamte Geschichte hinweg hat der Saarländische Rundfunk die Identität hier im Land geprägt. In diesem Jahr wird der SR 70 Jahre alt. Das Saarland war das erste Bundesland, das 1957 wiedervereinigt wurde. Dieser Sender hat maßgeblich dazu beigetragen, die Gräben zu schließen, die seinerzeit aufgrund der Saarabstimmung durch die Familien oder Freundeskreise gingen. Die Menschen haben den SR damals schon gehört, und diese Funktion haben wir über die Jahrzehnte fortgeführt. Überall dort, wo der Abstand zum Publikum gering ist, der SR die Themen der Menschen aufgreift und in den Dialog kommt, fühlen sie sich ernst genommen. Das ist ein großer Vorteil.

Dennoch gilt: Wir alle sind die ARD. Die ARD ist ein starker und höchst erfolgreicher Senderverbund. Der Föderalismus hilft uns und wir unterstützen uns gegenseitig. Als Oberbegriff oder Arbeitsgemeinschaft hat die ARD vielleicht nicht immer direkt die Nähe, aber die Menschen identifizieren sich mit ARD-Marken wie der "Tagesschau", dem "Tatort" oder der "Sportschau". Auf Intendantenebene wollen wir die gemeinsamen Angebote wie zum Beispiel die ARD-Mediathek oder ARD Sounds noch stärker nach vorne ins Bewusstsein und in die tägliche Nutzung der Menschen bringen.

Ich habe große Hoffnung, dass Bundesverfassungsgericht die Position des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stärkt.

Der SR hat das Jahr 2025 mit einem Minus verbucht, das überwiegend wegen der Nichtumsetzung der Beitragserhöhung zustande kam. Die Hoffnung ruht jetzt also auf dem Bundesverfassungsgericht. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die anstehende Entscheidung?

Ich habe große Hoffnungen, dass das Bundesverfassungsgericht auch dieses Mal die Position des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stärkt. Das ist eine Hoffnung, die natürlich alle Intendantinnen und Intendanten teilen. Wir sind auch darauf angewiesen. Das System, in dem sich 16 Bundesländer einigen, ist leider an seine Grenzen gekommen. Aber auch falls die Beitragserhöhung kommt, herrscht ein immenser Spardruck. Die Erhöhung würde nicht ansatzweise die Inflationsrate ausgleichen. Und da haben wir noch gar nicht von dem Investitionsbedarf mit Blick auf die Herausforderungen durch die Big-Tech-Plattformen und Künstliche Intelligenz gesprochen. Was deren Investitionsniveau betrifft, sind wir meilenweit hintendran. Es wäre dennoch extrem wichtig, dass wir zumindest auch die von der Finanzkommission KEF verringerte Beitragserhöhung ab dem 1. Januar 2027 erhalten.

Sehen Sie das kritisch, dass die KEF die Beitragserhöhung so stark abgesenkt hat zwischenzeitlich?

Mir steht nicht zu, die Arbeit der KEF zu kritisieren. Wir melden unseren Bedarf an, und die KEF prüft diesen gewissenhaft. Ich kann momentan nur feststellen, dass bestimmte Annahmen, die die KEF für diesen Zwischenbericht getroffen hat, so nicht eingetroffen sind. Wir sehen hier auch beim Saarländischen Rundfunk nicht, dass die Einnahmen so wie angenommen steigen. Aktuell sind wir gerade in der Vorbereitung der Beitragsanmeldung für den nächsten Bericht und müssen abwarten, ob dies dann von der KEF entsprechend berücksichtigt wird. Niemand von uns kann ganz verlässlich in die Zukunft schauen. Das kann auch die Kommission nicht. Man kommt nicht umhin, Annahmen zu treffen. Die Berechnung ist teilweise sogar von der weltpolitischen Lage abhängig, wie sich beispielsweise Zinsen entwickeln. Die KEF sichert die Rundfunkfreiheit - und meine Hoffnung ist, dass dieses System weiterhin Bestand hat, dass es durch die Unabhängigkeit der Kommission am Ende trotzdem möglich ist, den Finanzbedarf des öffentlich-rechtlichen Rundfunks abzudecken.

Wir müssen den Wandel aus der vorhandenen Liquidität stemmen.

In der jüngsten SR-Rundfunkratssitzung hat die Verwaltungsratsvorsitzende Elke Ferner die Hoffnung ausgedrückt, dass das Bundesverfassungsgericht eine Entscheidung trifft, die einen längeren Horizont skizziert. Damit man nach der nächsten Entscheidung nicht gleich wieder vor derselben Situation steht, weil die Länder sich erneut nicht auf eine Beitragserhöhung einigen können. Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass es in die Richtung gehen könnte?

Die Hoffnung, dass das System weiterhin funktioniert, muss man immer haben. Realistisch betrachtet sind wir aber in extrem schwierigen Zeiten. Das spüren wir in der gesamten ARD. Eines darf man nicht vergessen: Wir müssen den Wandel aus der vorhandenen Liquidität stemmen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk überbrückt finanzielle Dellen in der Regel nicht durch Kredite, Programm kann schon gar nicht über Kredit finanziert werden. Das ist ein großer Unterschied, zum Beispiel auch zur Politik. Deshalb benötigen die Anstalten ein gewisses Volumen an Rücklagen. Wenn wir aber das Vertrauen nicht mehr haben, dass zumindest bestimmte Effekte wie zum Beispiel die Inflation ansatzweise ausgeglichen werden, dann ist es sehr schwierig, sich längerfristig finanziell durch Investitionen zu binden. Das ist die Situation, in der wir gerade stecken.

Wie reagieren Sie in Ihrem Haus auf diese schwierige Lage?

Beim Saarländischen Rundfunk haben wir uns durch den Strategie- und Maßnahmenplan, den wir 2024 verabschiedet haben, für die laufende Beitragsperiode zusätzlichen Spielraum verschafft. Aber man sieht es an der Abrechnung des vergangenen Jahres, dass ziemlich genau die ursprüngliche Beitragserhöhung - sie hätte dem SR 4,5 Millionen Euro mehr an Einnahmen gebracht - uns gefehlt hat, trotz aller Sparbemühungen. Wir werden aber jetzt auch nicht nachlassen, weiter unsere Strukturen zu optimieren. Unter anderem aus diesem Grund läuft bei uns gerade ein umfassender Orga-Reformprozess.

ch persönlich wäre derzeit froh, wenn über den Index die Inflation ausgeglichen werden könnte.

Sie und die ARD stecken da noch in einer größeren Zwickmühle. Es ist vollkommen legitim, wenn Sie klagen, weil der Beitrag nicht erhöht wird. Allerdings ist das ja kein Prinzip, das längerfristig so funktionieren kann. Die KEF beschließt was, die Länder folgen dem nicht, weil eben nicht alle mitmachen, Sie klagen, und Karlsruhe setzt den Beitrag hoch. Das nützt ja eher dem rechten Rand, der dann das Narrativ bedient, dass die Parlamente nichts mehr zu sagen haben.

Das ist in der Tat so, aber nicht von der ARD oder vom SR verursacht. Wir müssen uns in dem rechtlichen Rahmen bewegen, der uns vorgegeben ist. Mein Wunsch wäre, dass gesehen wird, gerade in diesen Zeiten, welche wichtige Funktionen der öffentlich-rechtliche Rundfunk für den Zusammenhalt in der Gesellschaft und die Demokratie hat. Welche wichtige Funktion guter Qualitätsjournalismus hat, den nicht nur wir produzieren. Schauen Sie aber auch in Richtung des privaten Rundfunks oder in Richtung der Verleger: Es sind alle massiv unter Druck, weil sich das Mediensystem so schnell wandelt. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk tragen die Intendantinnen und Intendanten die Verantwortung. Um dieser gerecht zu werden haben wir uns am Ende einstimmig dazu entschlossen, das Bundesverfassungsgericht zu bitten, die Beitragsfrage zu klären.

Es gab vor etwa zehn Jahren Bundesländer, die diese Situation vorausgesehen und gesagt haben: Machen wir ein Indexmodell, dann haben wir das Verfahren mit der erforderlichen Zustimmung aller 16 Landesparlamente nicht mehr. War es ein Fehler, dass das nicht umgesetzt wurde?

Das ist eine schwierige, auch rechtliche Frage, weil ein Indexmodell ein Stück weit auch die KEF beeinflussen würde. Ich persönlich wäre derzeit natürlich froh, wenn über den Index die Inflation ausgeglichen werden könnte. Aber ich habe auch großen Respekt vor der Unabhängigkeit der KEF. Und wenn die Rolle der KEF auch so weit respektiert werden würde von wirklich allen Bundesländern - in den meisten inklusive Saarland ist dies ja nach wie vor der Fall -, dann bräuchte man nicht über das Indexmodell zu diskutieren. Wir hätten momentan eine bessere Situation, wenn solch ein Modell umgesetzt worden wäre. Aber ob es rechtlich tatsächlich diese Unabhängigkeit, die Bestands- und Entwicklungsgarantie des öffentlich-rechtlichen Rundfunks am Ende dauerhaft abdeckt, die auch das Verfassungsgericht immer wieder betont hat, das ist eine andere Frage.

Wir benötigen nicht extra einen neuen Gebäudetrakt.

Wenn wir noch kurz beim Thema Finanzen und Wechsel bleiben: Sie haben dieses schöne Schloss-Gebäude des SR hier auf dem Halberg. Es gibt den Plan, dass es verkauft werden soll. Wie ist der aktuelle Stand?

Der Gebäudeverkauf gehört zum Strategie- und Maßnahmenplan, es ist übrigens eine Aufforderung der KEF, dass sämtliche ARD-Anstalten noch einmal ihre Immobilienstrategie überprüfen. Das habe ich sehr frühzeitig auf den Weg gebracht. Wir haben hier beim Saarländischen Rundfunk die Desk-Sharing-Quote von 0,7, die die KEF vorgibt, umgesetzt und unseren Platzbedarf entsprechend neu berechnet. Zusätzlich haben wir in diesem historischen Gebäude, das ich persönlich sehr liebe, jedoch einen Investitionsbedarf in sehr erheblicher Millionenhöhe, den der SR so auch nicht mehr guten Gewissens stemmen kann.

Wie läuft so ein Verkauf genau ab?

Wir haben ein Gutachten in Auftrag gegeben, damit wir eine Basis haben, um einen Veräußerungsprozess zu starten. Das wird demnächst losgehen, wir haben das Land informiert. Der SR kann das Gebäude nicht ohne Zustimmung seiner Gremien, des Landes und sogar des Landtags veräußern. Es ist ein Gebäude, das sehr eng mit der Geschichte des Saarlandes verbunden ist. Wir hoffen, dass sich ein Käufer oder eine Käuferin findet, eine Institution, die auch dieser Verantwortung gerecht werden könnte. Momentan sind neben der Intendanz noch das Justitiariat und die Gremien hier untergebracht. Dass wir im kommenden Jahr in die Gebäude beim Hörfunk umziehen und auch dort bereits vorhandene Räumlichkeiten nutzen, ist gesetzt. Wir benötigen nicht extra einen neuen Gebäudetrakt, vielmehr rücken alle etwas näher zusammen.

Manchmal hilft es auch, wenn man sieht, dass man nicht allein ist mit den Problemen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist in ganz Europa sehr unter Druck. Vor der Verleihung des Deutsch-Französischen Journalistenpreises haben Sie gemeinsam mit der Präsidentin von France Télévisions, Delphine Ernotte Cunci, eine Erklärung abgegeben. Wie ist es dazu gekommen?

Da ich Vorstandsvorsitzender des Deutsch-Französischen Journalistenpreises bin und in diesem Jahr France Télévisions Co-Gastgeber war, ist die Idee als gemeinsames Signal im Vorfeld der Preisverleihung entstanden. Die Probleme und Diskussionen in Deutschland und Frankreich sind teilweise dieselben: die auskömmliche Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und das Erstarken der rechten Kräfte im politischen System. Die Rundfunkfreiheit gerät immer mehr in Gefahr. Es muss natürlich gewährleistet sein, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in beiden Ländern unabhängig seine Arbeit machen kann. Und es ist wichtig, dass wir in Europa auch darauf achten, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Qualitätsmedien insgesamt gestärkt werden.

Wie kann man sich da gegenseitig europäisch unterstützen?

Wir arbeiten auf vielen Ebenen zusammen, beispielsweise bei Arte. Die Arte-Gesellschafterversammlung, deren Mitglied ich bin, trifft sich alle paar Wochen in Straßburg. Es ist wichtig, den Austausch zu pflegen und zusammen Projekte zu entwickeln. Man muss den Dialog auf allen Ebenen voranbringen, voneinander lernen und manchmal hilft es auch, wenn man sieht, dass man nicht allein ist mit den Problemen.

Kommen wir noch mal auf die ARD. Die ist ja in einem großen Reformprozess, teils von innen angestoßen, teils von außen durch neue Vorgaben im Reformstaatsvertrag. Wir haben Florian Hager interviewt, vor gut anderthalb Jahren, als er neu im Amt des ARD-Vorsitzenden war. Er sagte, er will einen tiefgreifenden Umbau anleiern in diesen zwei Jahren. Jetzt ist die Zeit schon fast wieder vorbei. Was hat der Hager-Vorsitz aus Ihrer Sicht in besonderer Weise vorangebracht?

Ich glaube, dass wir auf ganz vielen Ebenen ein gutes Stück vorangekommen sind. Wir haben sehr intensiv an der Strategie der ARD gearbeitet und wollen auch alles, was wir in Zukunft tun, daran ausrichten. Das hilft uns, wie ich jetzt schon spüre, bei allen ARD-Sitzungen. So schwierig gerade auch die Situation ist, in der wir stecken - wir gehen viele Themen an, wie eine gemeinsame Tech-Unit oder Shared-Service-Projekte. Und Florian Hager, aber auch zuvor schon Kai Gniffke, sind hervorragende Moderatoren, die es immer wieder schaffen, diesen Senderverbund zu einem gemeinsamen Ziel, zu gemeinsamen zukunftsweisenden Verabredungen zu bringen.

Es ist richtig, dass man die zentrale Unit in Berlin stärkt und Kontinuität reinbringt.

Ein Bestandteil dieser Reform ist auch eine stärkere Zentralisierung. Demnächst startet das neue ARD-Vorsitzbüro, das das Generalsekretariat ablöst. Kai Gniffke hat mal gesagt, wenn er Vorsitzender ist, möchte er eigentlich seinen Kommunikator im Haus haben und nicht mit irgendjemandem in Berlin abstimmen, was er sagen soll. Jetzt müssen das die nächsten Vorsitzenden so machen. Gut oder schlecht?

Das ist insgesamt die richtige Entscheidung. Auch vor dem Hintergrund, dass jetzt wirklich alle Anstalten einen Vorsitz übernehmen sollen. Sowohl SR-Unternehmenssprecher Peter Meyer als auch ich haben schon mal hier zusammen mit dem damaligen Intendanten Fritz Raff im ARD-Vorsitzteam gearbeitet, 2007 und 2008. Wir haben also auch die praktische Erfahrung und wissen, was es heißt, wenn man das mit einem sehr kleinen Team aufbauen muss. Aber die Situation hat sich seitdem extrem gewandelt. Allein was auf Social Media anfällt, was an Community Management geleistet werden muss, auch die Geschwindigkeit, in der man reagieren muss - alles hat noch mehr Fahrt aufgenommen. Die Themen werden insgesamt vielfältiger und noch komplexer. Und dies jetzt erneut in einer vergleichsweise kleinen Anstalt wie dem Saarländischen Rundfunk zu stemmen, ohne dafür massiv Personal aufzustocken, das wäre eigentlich fast unmöglich. Aus diesem Grund ist es richtig, dass man die zentrale Unit in Berlin stärkt und eine Kontinuität reinbringt.

Sie hätten also kein Problem mit der Kommunikations-Absprache mit Berlin?

Ich verstehe auch Kai Gniffke. Es wird immer so sein, dass man die spezielle Expertise, die man in der jeweiligen Rundfunkanstalt hat, mitbringt. Ich glaube, das ist kein Widerspruch, sondern man organisiert sich zusammen mit dem Team. Man legt fest, wer nimmt welche Rolle ein. Da kann es in den Vorsitzzeiten an der einen oder anderen Stelle auch mal andere Akzente geben. Aber die Grundversorgung, damit so ein wechselnder Vorsitz funktioniert - das ist der richtige Weg, und damit sind wir auch insgesamt wirtschaftlich effektiver unterwegs. Das haben wir alle gemeinsam so beschlossen.

Mit Radio Bremen übernimmt jetzt eine der beiden kleinen Anstalten den Vorsitz im Januar. Kann denn eine sogenannte kleine Anstalt in einer Vorsitzzeit auch besondere Impulse geben, die andere vielleicht nicht geben können?

Egal, welche Anstalt es macht: Es werden immer die besonderen Stärken und auch die besonderen Erfahrungen eine Rolle spielen. Im Falle von kleinen Anstalten wie dem SR oder Radio Bremen ist es so, dass die Prozesse, die wir in der Vergangenheit durchgeführt haben, uns helfen, bestimmte Themen nach vorne zu bringen. Sowohl Radio Bremen als auch der SR haben zum Beispiel eine hohe Erfahrung, was Kooperationen anbelangt. Sowohl beim Thema Programm aber auch beim Thema Verwaltung laufen viele gemeinsame gut funktionierende Projekte. SWR und SR haben etwa als erste ihre Archive zusammengelegt und konnten dadurch auch Personal sozialverträglich abbauen. Solche Expertise bringt jede Anstalt ein und wird auch Radio Bremen einbringen.

Mir war es wichtig, dass der SR eine sehr aktive Rolle spielt.

Kooperationen sind ein gutes Stichwort. Da sind jetzt viele gefragt, auch beim Radio. Sie sind zusammen mit SWR und HR da vorangeschritten. Sieben Monate, bevor der Gesetzgeber das vorgeschrieben hat, hatten Sie die gemeinsame Jugendwelle - pardon, die Welle für junge Menschen - auf dem Draht. Sie persönlich sind ja nicht mehr ganz die Zielgruppe. Aber wie sind die ersten Erfahrungen mit dem neuen Dasding?

Die sind super - und ich höre das Programm auch weiterhin selbst. Als Programmbereichsleiter war ich früher auch für Unserding zuständig, wie es damals noch hieß, und meine Radiovergangenheit lasse ich nicht hinter mir. Nun bin ich total froh über diese Zusammenarbeit, und ich sehe auch hier wieder die Stärken des Systems, dass man sich etwa erfolgreich zu dritt zusammenschließen kann. Natürlich war das viel Arbeit, und es gab am Anfang auch viele Fragezeichen, auch im Team, auch bei uns in der Geschäftsleitung. Wir kommen allerdings schon aus einer sehr erfolgreichen Kooperation mit dem SWR, in der die Schwesterwellen Unserding und Dasding betrieben wurden. Jetzt haben wir nicht nur einen, sondern zwei Partner und mussten in dieser Dreierkombination mit dem HR neue Rollen, neue Abläufe definieren. Aber das ist sehr gut gelungen.

Spielt der SR eine ausreichend große Rolle in der neuen Konstellation?

Mir war es wichtig, dass der SR eine sehr aktive Rolle spielt. Es ist auch von Bedeutung für unseren Nachwuchs, dass er sich dort ausprobieren kann und dass wir zum Beispiel abends eine Sendestrecke für alle vier Bundesländer auch hier aus Saarbrücken beisteuern und eine eigene Sendestrecke nachmittags noch für das Saarland haben. Die Nachrichten kommen durchgehend aus den einzelnen Landesrundfunkanstalten, so dass im Info-Bereich die Nähe zum Sendegebiet weiterhin gegeben ist. Ich bin sehr froh, dass wir sogar ein Stück weit vorher starten konnten. Es hätte keinen Sinn gemacht, noch zu warten. Die Teams waren so weit, und das zeigt, dass die ARD absolut in der Lage ist, sich zu bewegen. Zum Anfang des kommenden Jahres peilen wir dann die Inforadios an, die ebenfalls in dieser neuen Dreierkombination starten sollen.

Der Reformstaatsvertrag hält ja die Öffentlich-Rechtlichen auch ausdrücklich zu Kooperationen mit Privaten an. Ist da im Bereich des SR möglicherweise etwas, das noch intensiviert wird oder neu gemacht wird?

Was solche Kooperationen betrifft, sehe ich beim SR momentan keine direkten Möglichkeiten. Aber wir sind ja als ARD auch unterwegs, was das Thema Plattformen anbelangt. Dort kommen wir vorwärts. Ich habe vorhin viel über Qualitätsjournalismus, über Qualitätsangebote gesprochen. Es macht absolut Sinn, dass wir hier gemeinsame Plattformen insgesamt nutzen und in der Folge auch die Ressourcen am Ende ein Stück weit bündeln. Das wäre jedenfalls mein Wunsch. Persönlich habe ich überhaupt keine Berührungsängste mit den privaten Vertretern und würde mir auch wünschen, dass wir hier zum Beispiel mit einer gemeinsamen Streamingplattform, auf der auch Private ihre Programme verbreiten, vorankommen. Aber wie gesagt, da sind noch viele Fragen am Ende des Tages zu klären.

Da ging ein Stück Vertrauen verloren, und das war aus meiner Sicht schade.

Joyn wäre ja gerne die Plattform gewesen, auf der dann alle senden, und hat die ARD Mediathek einfach mal so eingebaut letztes Jahr. Das gefiel Ihnen nicht so gut.

Wir waren schon in Gesprächen mit Joyn, damals noch unter alter Führung. Ich fand es zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen jedoch mehr als irritierend, dass einfach einseitig seitens Joyn Entscheidungen getroffen wurden, während man Gespräche führt. Und ich glaube, die Frage ist jetzt beantwortet, ob das okay war oder nicht. Das war es eben nicht. Da ging einfach ein Stück Vertrauen verloren, und das war aus meiner Sicht schade.

Nochmal zurück in die Region: Der "Saartalk" als Kooperation zwischen SR und "Saarbrücker Zeitung" existiert nicht mehr. Ist da zurzeit etwas Neues in Planung?

Die Streichung des "Saartalk" war damals Teil des Strategie- und Maßnahmenplans, bei dem wir nicht nur auf die Gesamtkosten, sondern ebenso auf die Reichweite von Sendungen geschaut haben, um eine Entscheidung zu treffen. Planungen für ein konkretes Projekt haben wir momentan nicht, aber ich bin immer gesprächsbereit: Wenn es Initiativen oder gute Ideen gibt, egal von welcher Seite, sollten wir darüber reden.

rid



Zuerst veröffentlicht 15.10.2026 09:00

Schlagworte: Medien, Rundfunk, SR, Interview, Ridder, Grasmück, Patzwald

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