15.10.2026 08:17
Hörspiel "Adlergestell" von Laura Laabs
epd Das Adlergestell ist die längste Straße der Stadt, einst angelegt vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm als Weg zu seinem Jagdschloss Königs Wusterhausen. Hier, im südöstlichen Stadtteil Adlershof, erleben die namenlose Ich-Erzählerin (Hannah Ehrlichmann) und ihre Freundinnen Lenka und Chaline als Kinder 1989 den Umbruch in der DDR, Mauerfall und Wiedervereinigung: eine Kindheit in der Reihenhaussiedlung mit plötzlich orientierungslosen Erwachsenen, der sauren Explosion von Center-Shock-Kaugummis auf der Zunge und Vorgängen, die sie nicht verstehen. Sie sind "Schlüsselkinder" mit "überforderten, arbeitslosen und abwesenden Eltern". Lenkas Vater wird arbeitslos, säuft und ist rabiat, die Ich-Erzählerin wächst allein bei ihrer Mutter auf (wie man später erfährt, war ihr Vater schon früh in den Westen gegangen).
Kurzum: es geht um die Wirren in jenem Niemandsland, das Ost-Berlin und die gesamte DDR 1989/1990 waren. Das Chaos der Wendezeit wird auch durch die akustische Kakophonie symbolisiert: Im Hörspiel ist das die Montage von unterschiedlichsten O-Tönen, von Stimm- und Klangfetzen jener Zeit.
Roman wie Hörspiel spannen aber einen weitaus größeren Bogen, der von weit zurückliegenden Ereignissen (etwa der Entstehungszeit und Geschichte der Straße) bis in die Gegenwart reicht. Grundsätzlich jedoch wird das Geschehen aus der Gegenwartsperspektive, also retrospektiv erzählt, eine Erzählerin (Susanne Wolf) führt durch die Handlung und bindet Seitenstränge ein, etwa die Adler-Erläuterungen einer Ornithologin (Kathrin Angerer).
Die Geschichte rund um die längste Straße Berlins verbindet Zeiten, Biografien und Frauen verschiedenster Generationen, von Anna Seghers über Angela Merkel, die Großtante Nora und Nachbarin Gerda Schiller bis hin zu den drei Mädchen. Wie der Roman ist auch das Hörspiel eine multiperspektivische Erzählung, die immer dann am überzeugendsten ist, wenn die Lebensgeschichten alter Menschen geschildert werden, etwa die der 90-jährigen Nachbarin Gerda Schiller oder der in Bayern lebenden Großtante Nora. Am Ende erzählt auch die Mutter der Ich-Erzählerin von ihren Erinnerungen an die Wendezeit.
Im Mittelpunkt aber steht die Geschichte der drei Mädchen, die 1990 eingeschult werden, bald den Respekt vor der Erwachsenenwelt verlieren und - angeführt von der rotzig selbstbewussten Chaline (Alma Preiß) - die neue Freiheit auf ihre Weise interpretieren: Vom mit dem Feuerzeug traktierten Kaugummiautomaten, aus dem sie die Münzen stehlen, über Telefonstreiche bis hin zum Einbruch in eine leerstehende Kaserne. Sie klauen, brechen Mercedessterne ab und hängen sie sich um den Hals, träumen vom Abhauen. Sie überspannen den Bogen endgültig, als sie während einer Demo der Erwachsenen, die gegen die drohenden Rückübertragungen ihrer Häuser protestieren, am Adlergestell Steine von einer Brücke auf die Fahrbahn schmeißen. Ein Stein, der der Ich-Erzählerin, durchschlägt eine Windschutzscheibe. Doch in der Konsequenz wird Chaline von Polizisten aus dem Unterricht geholt, dennoch verrät sie ihre Freundin nicht - und verschwindet.
Danach macht die Erzählung einen unvermittelten Zeitsprung und setzt wieder in der Studienzeit der Ich-Erzählerin ein, nun verliert sich auch der Kontakt zu Lenka, die Internationale Beziehungen studiert. Die taucht nach einiger Zeit wieder auf: im Hijab. Sie hat geheiratet und ist zum Islam konvertiert. Jahre später forscht die Ich-Erzählerin auch nach Chaline und stellt fest, dass die eine erfolgreiche Unternehmerin und Influencerin geworden ist. Die Ich-Erzählerin selbst ist ihrem Freund Jan in die rechte Szene gefolgt.
Das Hörspiel, bei dem die Autorin selbst Regie führte, spiegelt die Stärken und Schwächen des Buchs: Die Sprache ist originell, teils poetisch, die Montage und das Springen zwischen den Perspektiven sind durchaus fesselnd, ebenso wie die Geschichten der Alten und manche Schilderungen der Jahre unmittelbar nach der Wende. Diese Jahre werden auch "Baseballschlägerjahre" genannt, nach einem Teil jener Generation, die in der Wendezeit oft sich selbst überlassen war und in die rechte Szene abdriftete. Schwach sind jedoch die Figurenzeichnungen: Während die Erwachsenen der Wendezeit oft recht plakativ und eindimensional beschrieben werden, wird insbesondere die spätere Entwicklung der drei Mädchen nicht plausibel. Daran kann auch die interessante Montage leider nichts ändern.
infobox: "Adlergestell", Regie und Buch: Laura Laabs nach dem gleichnamigen Roman der Autorin, Musik: Sebastian Purfürst, Produktion: LEM-Studios (ARD Sounds, seit 30.9.26, HR2-Kultur, 4.10.26, 14.04-15.30 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 15.10.2026 10:17
Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), Hörspiel, Steglich
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