Von der Gefahr zu übersteuern - epd medien

18.10.2026 08:30

Das Berliner Hörspielfestival stand in diesem Jahr unter dem Motto "Übersteuert". Der Hörspielmacher Andy Ammer sagte in seiner Rede zur Eröffnung des Berliner Hörspielfestivals am 18. September in der Akademie der Künste, das Hörspiel werde bei den ARD-Sendern "übersteuert": Es werde überreguliert und "vom Raum der Kunst in das der Massenkompatibilität überführt". Wir dokumentieren Ammers Rede leicht überarbeitet.

Rede von Andreas Ammer zur Eröffnung des Berliner Hörspielfestivals

Andreas Ammer bei der Eröffnung des Berliner Hörspielfestivals am 18. September in Berlin

epd Wer je vor einem Mikro gestanden hat, um einen Ton zu verstärken oder ihn der Vergänglichkeit der Schallwelle zu entreißen, ihn auf geeignete Gegenstände, seien es Phonographenwalzen oder Festplatten zu schreiben, um ihn, diesen Ton, das schöne Klanggebilde oder das Wort, zu vermehren oder in die Welt auszustrahlen, auf dass er über die Ohren, das schnellste Sinnesorgan mit direktem Zugang zum Hirn und den Gefühlen aufgenommen wird, jeder dieser Mikrofonbelieferer weiß, dass dieses Unterfangen von einigen Gefahren bedroht ist. Es kann Rückkoppelungen geben, alles übersteuert sein, oder einem kann in einem Akt ganz anderer "Übersteuerung" das Mikro entzogen werden.

Die Gefahren sind also technischer und politischer Art: Zu letzterer gehören die streng geregelten Zugänge zu Mikrofonen. Wer darf oder muss vor ein Mikrofon? Scheiternde Bundeskanzler, atemlose Fußballspieler, stolze Mitglieder der Akademie der Künste bei der Eröffnung eines Hörspielfestivals. Im letzten Fall also ich, der Sie im Namen der Akademie hiermit zum 17. Hörspielfestival der freien Szene begrüßen darf und über dieses mir dargebotene Mikrofon meiner Freude Ausdruck verleihen darf, dass es so etwas Gefährliches wie dieses Festival und seine Besucher*innen, die freie Hörspielszene, die autonomen Klangproduzenten und anarchischen Festhalter und Bearbeiter der Töne gibt. Fehlt in diesem Satz ein Wort? Etwa ein "Noch"? Fragezeichen!

Der Rausch-Signal-Abstand

Doch zunächst zu den einfachen, den technischen Gefahren der Klangverarbeitung. Das eine, das es heute Abend nicht gibt, ist der fehlende Rausch-Signal-Abstand. Die Gefahr, dass das akustische Ereignis zu leise ist, um unter all den Geräuschen, die die Technik selbst oder die Welt darum herum macht, noch verständlich zu sein. Bei den frühen Phonographen war das der Fall, weshalb die sanftesten Gedichte zu Beginn der Technik und des Ersten Weltkrieges so in den Mikrofontrichter gebrüllt wurden, als wären sie die Mobilmachung, die Kaiser Wilhelm II., damals ebenfalls brüllend der neuen Technik und damit der Ewigkeit der Nachwelt überantwortete (die Rede wurde 1918 nachträglich aufgenommen - Anmerkung der Red.). Darüber konnte man Hörspiele machen, die "Kaiser Wilhelm Overdrive" hießen. Heute verhindert die Rauschunterdrückung solche Effekte. Ich wage zu behaupten: Rauschunterdrückung ist bei einem Hörspielfestival wie diesem nur tagsüber notwendig.

Weitere technische Gefahren bestehen hier in der Akademie eher nicht. Hier wird uns eine ausgezeichnete Technik und der Zugang dazu von Malte Giesen und seinem Team zur Verfügung gestellt.

Play fuckin' louder!

Bleibt die Notwendigkeit, dass wir mit unseren Werken lauter als die Welt um uns herum sein müssen. Keine einfache Aufgabe im Rauschen der vielen digitalen Kanäle. Womit ich bei der zweiten großen Gefahr bin: das Übersteuern

Die zweite, technische Gefahr besteht darin, dass das Signal nicht zu leise, sondern zu laut für die Technik oder die Welt ist. Dann spricht man - und damit bin ich endlich beim Thema dieses langen, feinen Wochenendes - von Übersteuern. In der analogen Welt hat das im Falle übersteuerter Gitarren zu manch akustisch reizvollem Ereignis und zu der einen oder anderen Jugendrevolte geführt. Oder wie Bob Dylan, als er 1966 mit seiner elektrischen Gitarre ausgebuht wurde, weise zu seiner Band "The Band" sprach: "Play fuckin' louder!" (Übrigens eines meiner musiktheoretischen Lieblingszitate)

Politisches Übersteuern

Das ist nun auch schon über ein halbes Jahrhundert her. In unserer digitalen Welt spricht man im Fall der Übersteuerung eher von "Clipping". Das heißt, die oberen und unteren Enden der Wellenform werden "geclippt" (abgeflacht), weil das Gerät oder die Software keine höheren Werte mehr speichern und verarbeiten kann. Aus diesem Effekt ist musikgeschichtlich noch keine große Bedeutung oder Revolution erwachsen … Wer weiß, vielleicht finden Sie hier während des Hörspielfestivals, das ja immer auf der Suche nach Neuem ist, etwas Entsprechendes.

Und damit bin ich bei der weitaus größten, der politischen Gefahr, dem politischen Übersteuern, dem politischen "Clipping", das die oberen und unteren Ausschläge der Audiokunst inhaltlich und künstlerisch abschneidet und nur noch leicht verständliche Mitteltöne zulässt. Diese gesellschaftliche "Übersteuerung" betrifft das künstlerische Hantieren mit Mikrofonen und Tonspeichergerätschaften heute in seinem innersten Kern!

Comedy statt Klangkunst

Denn das Hörspiel wird - entgegen allen anderslautenden Verlautbarungen aus den Rundfunkhäusern - nach Jahrzehnten der freien und prächtigen Entfaltung buchstäblich "übersteuert". Es wird überreguliert und vom Raum der Kunst in das der Massenkompatibilität überführt. Comedy statt Klangkunst. Ja, das Hörspiel ist übersteuert! Jene einzige Kunstform, die von einem Medium, wie das Radio eines ist, hervorgebracht wurde.

Anmerkung: Buchdruck, Fernsehen, Internet haben immer nur andere Kunstformen reproduziert, ihre Inhalte waren - wie McLuhan wusste, stets nur alte Medien. So etwas wie ein nur aus Klang ohne Worte oder Noten bestehendes Kunstwerk hat allein das Radio erfunden.

Wir stehen vor den Ruinen der Hörspiel-Freiheit.

Von dieser Kunstform, einem weltweit einzigartigen Phänomen, das eigentlich Weltkulturerbe sein sollte, werden von den Anstalten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks derzeit alle "Höhen" und "Tiefen" abgeschnitten. Nach Jahrzehnten, in denen sich das Hörspiel prächtig entwickelte: vom vorgelesenen Theaterstück nach dem zweiten großen Krieg über das Neue Hörspiel eines Günter Eich, eines Ernst Jandl, einer Friederike Mayröcker, und über die völlig unerhörte Klangkunst eines Gerhard Rühm oder Mauricio Kagel bis hin zum Pop-Hörspiel, das plötzlich 10.000-fach CDs verkaufte, stehen wir heute vor den Ruinen der Hörspiel-Freiheit.

Vorbei die Zeiten, als das Radio Nobelpreisträger wie Grass, Nationaldichter wie Walser, Großintellektuelle wie Enzensberger hervorbrachte. So jemand hat heute im übersteuerten Radio keine Chance.

Und: Es werden immer weniger Hörspiele produziert, Studios geschlossen, Sendeplätze gestrichen, Übernahmen und Wiederholungen weitgehend eingestellt und entgegen geltenden Verträgen wird versucht, Honorare zu kürzen. Preise, die manchen Lebenslauf - auch meinen - in eine bessere Richtung gebracht haben, wurden abgeschafft. Nicht einmal Autorenverträge werden mehr von allen Anstalten eingehalten, die Autoren im Netz nicht genannt. Hörspiel heißt jetzt Podcast, wird ästhetisch oft produziert wie in den 50er Jahren, ist gerne mal Gelaber und hat die Logorrhöe.

Trivialisierung einer Kunstform

Wagen wir den Beweis: Sie können im Selbstversuch - es ist ein gefährliches, weil verdummendes Experiment - die erschütternde Internetseite "ARD Sounds", unsere angestammte Heimat, auf Ihrem Handy öffnen. Auf ihr versammeln die ARD-Radiosender unsere Werke, ihre personellen Ressourcen und Gelder - es scheinen bestürzend wenige. Auf ihr wird uns die Trivialisierung einer Kunstform um die Augen und Ohren gehauen. Es ist ein einziges Beispiel fataler "Übersteuerung".

Mein Versuch von Mitte der Kalenderwoche 38/2026 (Stand heute ist es inhaltlich anders, qualitativ nicht) verlief so: Es gibt zu diesem Zeitpunkt unter der Kachel "Hörspiel" verschiedene Kategorien: Zuerst "Aktuelle Highlights", dann "Neue Krimis", als Erstes war da die "hessisch babbelnde Familie Hesselbach" (Eigenwerbung) und die Radioausschlachtung von "Babylon Berlin". Die rührige Familie Hesselbach - offenbar ein Höhepunkt abendländischer Soundkultur - wird in Ermangelung von anderem auch gleich in der nächsten Kategorie unter "Neue Hörspiele mit Tiefgang" aufgeführt.

Was fürs Herz?

Wir scrollen weiter: Als Nächstes natürlich Comedy: der "Comedy-Podcast mit Bjarne Mädel und Olli Dittrich", danach gleich "Podcast Charts" mit Comedy à la Pastewka und die Zweitverwurstung des "Tatorts" - nichts, was genuin Radio wäre bisher - dann endlich "Was fürs Herz? Das sind unsere schönsten Lovestories". Etwas weiter unten (ich unterschlage nichts Vernünftiges, im Gegenteil) "Hörspiele für bestimmte Gelegenheiten", die da wären "Autofahren", "Entspannung", "Einschlafen" (!) und "Aufräumen".

Man könnte "Experimentelles Hörspiel" per Eingabe suchen, dann findet man mit etwas Mühe das eine oder andere. Meist sind die Stücke mehrere Jahre alt. Selten wird - anders als bei Komödianten - ein Name des Autors genannt. Man merkt: Am Sonnenhof der ARD-Anstalten gibt es zwar Hofnarren wie Dittrich und Pastewka, aber keine Künstler wie Jan Jelinek. Selbst Titel werden verändert. Das Hörspiel "Die Toten von Feuerland" von Ulrike Haage und mir fand ich ohne unsere Namen unter dem Titel "Die Wahrheit über Jim Knopf" wieder. Ungelogen!

Digitaler Horror

Das Einzige - es sei erwähnt - was im aktuellen Programm auf ARD-Sounds (was für ein depperter Titel) von fern her mit Kultur zu tun hat, sind aktuell die unspektakulär vorgelesenen "Deutschen Tagebücher" von Samuel Beckett in der Hörbuch-Fassung von Gaby Hartel. Die Texte stammen allerdings schon aus dem Jahr 1937 und wurden nicht für das Radio geschrieben. Und zu einer Zeit, in der die Kunst genauso "übersteuert" war, wie heute wieder.

Umso wichtiger, und jetzt lande ich endlich nach all dem digitalen Horror wieder hier im Saal, dass sich parallel zu dieser Entwicklung eine "freie Szene" etabliert hat, die in dieser Mediathek eher nicht enthalten, zu finden oder gar erwünscht ist und die sich heute hier versammelt, ihre Produkte diskutiert, vorstellt und miteinander redet und dabei nicht an "Autofahren", "Entspannung", "Einschlafen" und "Aufräumen" denkt.

Jochen Meißner, der seit der Gründung des Berliner Hörspielfestivals im Jahr 2008 dort aktiv ist und es inzwischen gemeinsam mit Andreja Andris und in diesem Jahr zusammen mit der Gastkuratorin Germaine Png leitet, hat mit diesem Festival und seinen Rezensionen aller relevanten Hörspiele in den letzten Jahren vielleicht mehr für das intelligente Hörspiel getan als alle Rundfunkanstalten zusammen.

Es gibt sie noch, die guten Klänge!

Auch ich - als alter weißer Vertreter der einstmals gloriosen poppigen Hörspielwelt - darf noch einmal auftreten. Morgen rede ich hier mit dem außerordentlichen Jan Jelinek, einem Audiokünstler, der sich nicht unbedingt als "Hörspielmacher" versteht, aber jenseits der Anstalten die allerschönsten Hörspiele gemacht und mit dem Hören gespielt hat. Er ist lebender Beweis, dass es auch anders geht, immer weitergeht.

Es gibt sie noch, die guten Klänge! Unser Gespräch wird das Zusammentreffen einer alten Welt und der schönen, neuen, freien, autonomen Szene sein, die inzwischen fast ohne Geld und Übersteuerung das macht, was zu finanzieren Aufgabe der Rundfunkanstalten mit all ihren acht Komma sieben zwei und dann noch sieben Nullen Milliarden Euro war und wäre und nicht mehr ist.

Stolz, ein intelligentes Medium zu sein

Denn offenbar brauchen wir keine AfD (wir brauchen sie überhaupt nicht, aber dafür schon gleich gar nicht), um die öffentlich-rechtlichen Medien abzuschaffen. Inhaltlich sind die Anstalten längst schon auf dem Weg, das selbst zu erledigen. Dabei sollte es eigentlich in einer freien Gesellschaft ihr Ziel sein, den Rausch-Signal-Abstand zur Dummheit darum herum so groß wie möglich zu halten und stolz ein intelligentes Medium zu sein, das gesichert rechtsextreme Parteien abschaffen wollen. Aber nein, sie gleicht sich ihm an. Alle Programminhalte werden inzwischen auf ihre Verwendbarkeit in sozialen Medien umformatiert, verdummt, vereinheitlicht. - Schluss damit!

Ja, Schluss damit!: Ich heiße Sie hier in der Berliner Akademie der Künste, wo uns das alles nicht kümmern muss, herzlich willkommen und freue mich auf alles, was wir hier, wo nichts übersteuert wird, zu hören bekommen werden. Ich danke fürs Zuhören und der Technik fürs Funktionieren. Nichts war übersteuert! Jetzt lasst uns Hörspiele machen. Ich schließe mit den Worten von Joseph Goebbels, der 1933 gesagt hat: "Der Rundfunk gehört uns ... niemandem sonst!"

Sorgen wir dafür, dass er zu mehr fähig bleibt als "Autofahren", "Entspannung", "Einschlafen" und "Aufräumen". Er ist unser letzter anarchischer Luxus. Lassen wir uns das Mikrofon nicht entreißen. Wir sind das Radio!

infobox: Das Berliner Hörspielfestival der freien Szene fand vom 17. bis 20. September in Berlin statt. An den vier Tagen kamen unter anderem Hörspiele von Mariola Brillowska, Mirjam Zeise, Jess Hamilton und der Forschungsgruppe Detektor zur Aufführung. Das Hörspielfestival kooperiert mit der Akademie der Künste und wird mit Mitteln der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert. Kuratiert wurde es von Jochen Meißner und Andreja Andris.

dir



Zuerst veröffentlicht 18.10.2026 10:30

Schlagworte: Medien, Radio, Hörspiel, Hörspielfestival, Ammer, Dokumentation

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