Familiengeheimnisse - epd medien

19.10.2026 08:10

Auf den ersten Blick scheint in der Hausgemeinschaft der befreundeten Paare Sophie und Thies und Inga und Bode alles in Ordnung. Doch als ausgerechnet das jüngste Kind verschwindet, muss die Großfamilie nicht nur den verlorenen Sohn wiederfinden.

ZDF-Fernsehfilm "Das verschwundene Kind"

Sophie (Julia Koschitz, links) und Thies (Mark Waschke) machen sich Sorgen um ihren Sohn Aaron

epd Von Hamburg aus gut zwei Autostunden elbaufwärts sagen sich Fuchs und Hase Gute Nacht. Dort, rund um Gorleben, befinden sich unzählige Projekte von Städtern, die vor Jahrzehnten im ehemaligen "Zonenrandgebiet" verlassene Bauernhöfe, Ställe oder Windmühlen billig erstanden und restaurierten. Manche verfluchten fortan die Pendelei aus dem Wendland in die Stadt, andere gaben auf und wieder andere zogen ganz ans einsame Ufer der Elbe, um auf die eine oder andere Weise alternativ zu leben.

"Das verschwundene Kind" spielt im moderat alternativen Milieu. Vor 20 Jahren wagten die befreundeten Paare Sophie und Thies (Julia Koschitz und Mark Waschke) sowie Inga und Bodo (Anna Schudt und Hans Löw) das gemeinsame Leben auf dem Land in einer Hausgemeinschaft. Sophie und Bodo haben auf der Elbseite, die einst zur DDR gehörte, familiäre Wurzeln. Gemeinsam sanierte man einen alten Hof, kämpfte gegen Hochwasser in der Elbtalaue und die anschließende Schneckenplagen, gemeinsam zog man drei Kinder auf. Während eines Sommerfestes verschwindet eins davon: der zwölfjährige Aaron (Sammy Schrein). Aaron macht mal wieder Ärger, typisch! Erst neulich wieder hatte er in der Schule ein Kind scheinbar grundlos die Treppe heruntergestoßen. Der dritte Schulverweis droht.

Der Kleine nervt

Aaron bereitet seiner Großfamilie seit seiner Geburt nichts als Probleme. Ein scheinbar grundlos aggressives und ungebärdiges Kind, so sieht ihn seine an sich wohlmeinend und sympathisch wirkende Familie. Die jugendlichen Kinder von Inga und Bodo (Cäcilia Kirchner und Jona Levin Nicolai als Jella und Lasse) halten allerdings gar nichts davon, dass ihnen Aaron von den Erwachsenen ein Leben lang als ihr Bruder verkauft wurde. Der Kleine nervt. Sein Verhalten stiehlt ihnen ständig die Aufmerksamkeit und Zuwendung aller vier Eltern.

Nun ist Aaron also weg. Doch wo? Ertrunken in der Elbe? Eine Suche beginnt, während der nach und nach die Geheimnisse und unter dem Deckel gehaltenen Probleme der Hausgemeinschaft ans Licht kommen. Unter jedem Dach ein Ach. Oder auch mehr als nur eins. Traditionelle Kleinfamilie oder alternativer Lebensansatz: Lebenslügen rächen sich doch meist.

Glaubwürdige Figuren

Und so zeigt sich im Verlauf von 90 Minuten, was der pädagogisch vorgebildete Mensch natürlich von Anfang an ahnt. Der kleine Systemsprenger Aaron ist nicht das eigentliche Problem, sondern der Symptomträger. Er selbst ist ein sensibles Kind mit einer sehr starken Beziehung zur Natur - doch nur ein Ornithologe, der durch die Elbauen streift und manchmal mit dem Jungen spricht, kennt Aaron so, wie er wirklich ist.

Die Suche nach Aaron und allmähliche Enthüllung der Geheimnisse wird mit stimmungsvollen Bildern der Flusslandschaft unterlegt. Der hervorragend besetzte Film mit seinen glaubwürdigen Figuren (nach Motiven aus einen Roman von Kristina Hauff) zieht einen zuverlässig in seinen Sog. Nur langsam kommt die Wahrheit mit immer neuen Aspekten und Wendungen an die Oberfläche. Lange rätselt man mit, was bei diesen Alternativ-Hempels unterm Sofa wohl los ist. War es die Wochenbettdepression seiner Mutter Sophie, die Aaron den Einstieg ins Leben so schwer gemacht hat? Dabei hat sich Inga doch so intensiv um ihn gekümmert.

Die Wahrheit kommt auf den Tisch

Am Ende ist Aaron wieder da und die Wahrheit kommt dank der mutigen Mütter, die spüren, dass es sein muss, endlich auf den Tisch. Was die Erwachsenen entgegen ihren Ansprüchen den Kindern lange verheimlicht haben, hat keiner in dieser Familie verarbeitet. So brodelte es in ihnen allen, und der Kleinste ist immer wieder explodiert.

Visuell ist der Film an sich sehr ansprechend (Kamera: Moritz Schultheiß), doch auf Dauer nerven die Luftaufnahmen. Ja, sie sind schön, ja die waren früher teuer und sind es im Zeitalter der Drohnen nicht mehr. Das ist aber kein Grund, die Welt nun andauernd von oben zu sehen, der Effekt verbraucht sich. Überflüssig war es auch zu erzählen, wie sich Aaron mit einem aggressiven Hund identifiziert. Er ist der Einzige, der das Tier beruhigen kann, weil er sich in dessen Befindlichkeit aus Erfahrung gut hineinversetzten kann. Solche gelegentlichen Überdeutlichkeiten waren nicht nötig. Man hat auch so verstanden.

infobox: "Das verschwundene Kind", Fernsehfilm, Regie: Sabine Bernardi, Buch: Silke Zertz nach Motiven des Romans "Unter Wasser Nacht" von Kristina Hauff, Kamera: Moritz Schultheiß, Produktion: Relevant Film Produktion (ZDF-Mediathek, seit 10.10.26, ZDF, 19.10.26, 20.15-21.45 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 19.10.2026 10:10

Andrea Kaiser

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Fernsehfilm, Bernardi, Zertz, Kaiser

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