19.10.2026 13:25
Fernsehfilm "Neues Land" mit Jördis Triebel
epd Ina Sedlitz' Widerwille, ihren alten Heimatort wieder aufzusuchen, ist ihr gut anzusehen: Jeder Zoll ihres Körpers, ihre Mimik, sogar die bis zum Kragen hochgeknöpfte Bluse drücken eine Abwehrhaltung aus. Denn der Ort, an dem sie aufwuchs, birgt Gespenster aus der Vergangenheit, düstere Erinnerungen und alte Konflikte, die sie erfolgreich verdrängt zu haben glaubte. Ina (Jördis Triebel) ging als junge Frau aus dem (fiktiven) Ort Neukirch im Lausitzer Braunkohlerevier weg und kehrt jetzt nur zurück, um den Verzicht auf ihren Erbanteil am familieneigenen Hotel "Seeblick" zu erklären und damit den Weg für ihre Nichte Mara als künftige Hotelbetreiberin freizumachen.
Einen Seeblick gibt es hier erst seit ein paar Jahren, seit der Tagebau, in dem Inas Mutter zu DDR-Zeiten als Baggerfahrerin arbeitete, als "Restloch" geflutet wurde. Mit Freizeit- und Tourismusangeboten am neuen See-Idyll will der Ort nun den vielbeschworenen "Strukturwandel" bewältigen - eine Flucht nach vorn, eine Hoffnung auf Zukunft. Die wäre gefährdet, wenn der See, wie Ina, die Geologin, bald feststellt, übersäuert ist und wegen Wassermangels umzukippen droht. Zudem könnten instabile Uferbereiche abrutschen. Schon jetzt sind Teile des Ufers als Gefahrenzonen abgesperrt.
Inas Verhältnis zu ihrem Vater (Jörg Schüttauf), der einst eine alte Gastwirtschaft führte, jetzt Hotelinhaber und Bürgermeister ist, ist deutlich angespannt; ihre Begegnung mit Jugendfreund Tom (Ronald Zehrfeld), der zugleich ihr Schwager und Maras alleinerziehender Vater ist, bringt sie aus dem inneren Gleichgewicht. Inas Schwester Denise, Maras Mutter, ist vor vielen Jahren einfach verschwunden, angeblich hat sie Mann und Tochter verlassen. In dieser Familie, so wird schon in den Eingangsszenen deutlich, gibt es ein Geheimnis, das verdrängt und beschwiegen wird. Wie eng es zugleich mit der Geschichte des Ortes verknüpft ist, wird allmählich deutlich, in Rückblenden und Flashbacks, die Ina quälen und nach und nach das damalige Geschehen offenlegen.
Mit großer Sensibilität zeichnen Buch und Regie das Bild einer Region, die einen harten, verlustreichen Umbruch bewältigen musste. Die Angst, dass nun auch die Zukunft auf dem Spiel stehen könnte, ist umso größer. Früher lebte man hier vom Tagebau, heute hängen die Existenzen vom Tourismus ab. Diese Zerrissenheit zeigt auch Mario Minichmayrs Kamera mit faszinierenden, teils idyllischen, teils spröden Aufnahmen der Seen- und der einstigen Tagebaulandschaft.
Die Sensibilität zeigt sich selbst in Details: Dass Ina und ihr Vater den Nachnamen Sedlitz tragen, verweist auf den gleichnamigen Senftenberger Ortsteil am Sedlitzer See im Lausitzer Seenland, das im Zuge der Renaturierung des einstigen Kohlereviers entstand.
Der See, so wird in den Bildern deutlich, ist trotz des Idylls ein fragiles Gebilde, gefährdet und Gefahr zugleich. Vergangenheit und Gegenwart sind in Minichmayrs Bildern immer präsent, nicht zuletzt in den Innenaufnahmen des alten Gasthofs, in dem die "alte Zeit" konserviert zu sein scheint, und den Aufnahmen des neuen Hotels - ein eindrucksvolles Spiel mit Licht und Schatten.
Vor allem aber trägt ein großartiges Ensemble den Film. Zur Glaubwürdigkeit trägt sicher auch dazu bei, dass die Hauptfiguren von Schauspielerinnen und Schauspielern mit ostdeutscher Biografie verkörpert werden. Jördis Triebel (u.a. "Marzahn mon Amour") ist auch hier von umwerfend intensiver Präsenz, ihr gesamter Auftritt erzählt auch ohne Dialogpart in vielen Facetten von Wut, Verletzung, Verdrängung, Verlust, Schmerz ebenso wie von Zweifel, Zärtlichkeit und Lebenslust.
Daneben glänzen Ronald Zehrfeld als Jugendfreund Tom, Inas erste große Liebe damals, und Jörg Schüttauf als Inas Vater und Bürgermeister. Auch wenn Schüttauf inzwischen etwas zu häufig für die Rolle des ostdeutschen Kleinstadtbürgermeisters besetzt wird, er ist auch hier durchaus überzeugend: Walter Sedlitz ist ein Mann, der einiges hinter sich hat und nun versucht, mit Verdrängen, Schweigen und aufgesetztem Optimismus neuen Problemen aus dem Weg zu gehen - verzweifelt und um jeden Preis.
Vom Drehbuch eher grob gezeichnet ist dagegen sein Freund Frank Schuter (Thomas Dehler), einst "einer von hier", der inzwischen Karriere als Staatssekretär gemacht hat und sich später vom Kohle-Konzern als Lobbyist in Brüssel anheuern lässt.
Beeindruckend und mit hinreißender Frische auch Lucy Gartner als Inas junge Nichte Mara (sie spielt in den Rückblenden auch die junge Denise). Mit Mara (und ihrer Freundin Sonny, gespielt von Naemi Florez) wird zugleich eine dramaturgisch wirkungsvolle Ebene eingezogen: Denn die Vergangenheit scheint sich nicht nur in Inas Flashbacks im Heute zu spiegeln. Da ist zum einen die Dreierkonstellation (damals Tom, Ina und Denise, heute Mara, Sonny und Freund Toni), zum anderen auch die drohende Gefahr, die zur Katastrophe werden kann: Geschichte kann sich wiederholen, wenn man sich ihr nicht stellt.
infobox: "Neues Land", Fernsehfilm, Regie: Esther Rauch, Buch: Khyana el Bitar, Dörte Franke, Kamera: Mario Minichmayr, Produktion: UFA (ZDF-Mediathek, seit 17.10.26, ZDF, 26.10.26, 20.15-21.45 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 19.10.2026 15:25 Letzte Änderung: 19.10.2026 16:03
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Fernsehfilm, el Bitar, Franke, Steglich, NEU
zur Startseite von epd medien