Beabsichtigte Provokation - epd medien

20.10.2026 08:10

Die ARD-Dokumentation "One Night at KitKat" ist eine von mehreren Dokumentationen über die Berliner Clubkultur bei ARD Kultur. Der Kitkat-Club hat immer auf strikte Privatsphäre gesetzt. Doch für das Fernsehteam wurden die Türen geöffnet.

Dokumentation "One Night at Kitkat" in der ARD-Mediathek

Das Team der Kultur-Doku "One Night at KitKat" durfte im KitKat-Club in Berlin drehen

epd Es gibt Orte, bei denen man sich wünscht, sie blieben ein Gerücht. Seit Menschen fast jeden mythischen Platz mit ihren Handykameras ausleuchten, sich dort selbst inszenieren und das Ergebnis auf Social Media ausstellen, ist das Unbekannte auf dem Rückzug. Das Berghain, sagen Personen, die sich auskennen, habe seinen Nimbus verloren, seit der Club zur Touristenattraktion wurde. Was also hat das Gründerduo des KitKat-Clubs bewogen, Kameras in ihr Allerheiligstes zu lassen? Simon Thaur, der mit seiner damaligen Partnerin Kirsten Krüger 1994 den KitKat-Club ins Leben gerufen hat, erklärt in der Dokumentation "One Night at KitKat": Schlechte Presse habe das Unternehmen begleitet, Falscdarstellungen hätten die Runde gemacht.

Doch warum gerade jetzt, nach mehr als 30 Jahren, für Aufklärung sorgen über Geschichte und Gegenwart des wohl berühmtesten geheimnisumwitterten Club Berlins? Man kann das Ganze auch gesellschaftspolitisch sehen, zumal es in dem Film vielfach um Freiheitsbegriffe und libertäre Menschen- und Geschlechterbilder geht. In zahlreichen Interviews mit Gästen, Türstehern, Mitarbeitern und Bewunderern sowie durch kritische Stimmen werden mal aufklärerisch, mal mit rosa Brille, viele Hintergründe vermittelt.

Nacktheit als logische Konsequenz

Auf der Plattform ARD Kultur läuft "One Night at KitKat" als ein spektakuläres Beispiel im Schwerpunkt "Clubkultur". Sieht man diese Doku mit ihren vielfältigen Blicken und Definitionsvariationen des "Spielerischen", treten die teils extrem expliziten Sex-vor-der-Kamera-Szenen nicht als hyperintime Illustration in den Hintergrund, sondern als logische Konsequenz des Besprochenen vors Zuschauerauge.

"One Night at KitKat" beginnt an der Tür des Clubs, mit einem Paar in einer offenen Beziehung, das den Künstlernachnamen Amori trägt und zu den Stammgästen gehört. Wir erfahren: Wer sichtbar unter Drogen steht, kommt nicht rein. Wer den Aufwand scheut, sich mit Dresscode in ein Geschöpf der eigenen Fantasie zu verwandeln, kommt auch nicht rein. Kommunikation ist der Schlüssel, das wird gesagt und das sehen wir. Als der Türsteher einen Mann abweist, der ihn daraufhin aggressiv des Antisemitismus beschuldigt, reagiert dieser nicht beleidigt, sondern erklärt sich klar und knapp. Die Szene ist geradezu paradigmatisch. Man wünschte sich solche Verständigung in unserer krawallgeneigten Gesellschaft auch in vielen anderen Zusammenhängen.

Keine Handys erlaubt

Die Kamera geht mit den Partygästen für die Nacht hinein. Taschenkontrolle. Keine Handys. Aus Prinzip gibt es keine Darkrooms. Im KitKat, so erklärt der nebenberufliche Pornoproduzent Thaur, gehe es darum, nicht allein den variantenreichen Akt, sondern jeden Menschen mit seinen Neigungen in den Mittelpunkt zu stellen. Ohne Kommunikation ist das erotische Spiel seelenlos. Präsentiert wird der Club als Utopie des Selbstausdrucks in sicherer Gemeinschaft. Selbstakzeptanz und sogenannte Body Positivity, also die Akzeptanz aller Arten von Körpern, gehören zu dieser Menschlichkeitsutopie.

Die Doku blickt vielfach sehr genau aufs Geschehen, zum Beispiel auf Fesseln nach genau abgesprochener Choreografie und lässt die Beteiligten selbst zu Wort kommen. Es ist ein klassischer, nicht wertender dokumentarischer Ansatz.

Beabsichtigte Provokation

Detailreich sehen wir Penisse, erigiert oder nicht, die Kamera ist gerichtet zwischen weibliche Beine, beinahe hinein in Vaginas, in denen Finger verschwinden. Schon vor der Veröffentlichung hat das für erhebliche Diskussion gesorgt, die der eher unbemerkt dahindümpelnden Plattform ARD Kultur gut zupass kommen dürfte. Dem Film gelingt es, mit Freizügigkeit auf mehreren Bedeutungsebenen zu spielen, hier und da mit beabsichtigter Provokation.

Man muss der Dokumentation aber auch zugutehalten, dass sie das Thema Gewalt nicht ausspart. Gäste berichten von Übergriffen und erzwungener Intimität, es sprechen spezialisierte Awareness-Mitarbeiter. Nicht allen Besuchern gefällt das, manche sehen es als Bevormundung. Victoria, Berliner Künstlerin aus Israel und Transfrau, erzählt vor der Kamera von einem schlimmen Vorfall. Aber sie geht trotzdem nach wie vor hin, legt im "Zwischenreich" der riesigen Garderobe ihren Alltagshabitus ab und taucht ein in das Spielexperiment, das dieser Film so anschaulich wie offen zeigt.

infobox: "One Night at KitKat", Dokumentation, Regie und Buch: Diba Dabari, Mohsen Najafimehri, Kamera: Maciej Rolbiecki, Mohsen Najafimehri, Produktion: Starkl!film, Banijay Productions Germany (ARD-Mediathek/ARD Kultur, seit 30.9.26, Hinweis: ab 16 Jahren, 3sat/ARD. 8.10.26, 22.55-0.05 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 20.10.2026 10:10

Heike Hupertz

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KARD Kultur, Hupertz, ema

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