20.10.2026 09:31
Zum 100. Geburtstag von Leo Kirch
epd Wenn man heute an die einstige "Deutschland AG" denkt, an jene enge Verklammerung aus Wirtschaft, Medien, Finanzwesen und Politik, die die alte Bundesrepublik prägte, kommt einem schnell der Name Leo Kirch in den Sinn. Der in den 1980er Jahren im Fernsehen dominant gewordene Münchener Medienhändler personifizierte das alte System geradezu ideal, ein System, in dem Finanziers wie die Deutsche Bank mit ihren Industriebeteiligungen wie fette Spinnen im Netz saßen.
Der durch und durch ambitionierte Kirch - fast eine deutsche Romanfigur - unterhielt persönlich enge Beziehungen zu wichtigen Repräsentanten anderer gesellschaftlicher Sektoren, etwa zu Deutschbankier Alfred Herrhausen oder zu Helmut Guthardt, Vorstandsvorsitzender der DG Bank, zu CDU-Chef und Kanzler Helmut Kohl genauso wie zum CSU-Führungspersonal (Franz Josef Strauß, Theo Waigel, Edmund Stoiber) oder auch zum Metro-Allgewaltigen Otto Beisheim.
Nur in einer solchen Konfiguration konnte der aus dem Weinbauernmilieu des fränkischen Volkach stammende Selfmademan zeitweilig zum großen Zampano des deutschen Privatfernsehens aufsteigen, ehe seine immer größer gewordene Unternehmensgruppe im Frühjahr 2002 mit mehreren Milliarden Euro Schulden Insolvenz anmelden musste. Den Abgang kommentierte der bibelfeste Katholik in gut gewählten Worten: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen." Manchmal endete er Schreiben auch mit "Gottes Segen". Er starb neun Jahre später, am 14. Juli 2011.
Dieser Leo Kirch, der so sagenumwoben und undurchsichtig war wie die Deutschland AG selbst, wäre am 21. Oktober 2026 100 Jahre alt geworden. Dass seine Aktivitäten nachwirken, dass sein Erbe noch immer eine Besonderheit in der Geschichte der Republik darstellt, zeigt auch die Tatsache, dass am Jubiläumstag eine größere Gedenkveranstaltung in München stattfindet. Auf Betreiben seiner Familie sowie seines langjährigen Spitzenmanagers Jan Mojto treffen sich Freunde und Weggefährten in der Pinakothek der Moderne. Leo Kirch war einer der Gründungsstifter des 2002 eröffneten Museums gewesen, zwei seiner Stiftungen unterstützen es bis heute.
Legendär sind auch Kirchs finanzielle Hilfen für Kulturpatron August Everding, der damit das Prinzregententheater sanieren und wiedereröffnen lassen konnte. Dessen Sohn Marcus wiederum arbeitete von 2000 bis 2003 als Kirchs Büroleiter. So lief das Beziehungssystem des Medien-Granden, seine private Deutschland AG, in der Kinder wichtiger Männer leicht ein Praktikum oder eine Stelle bekommen konnten.
Das vitale Kultur-Engagement des großzügigen Spenders hätte bestes Potenzial gehabt, das Image des weithin als "Dunkelmann" geltenden Leo Kirch zu heben. Aber von solcher Public-Relations-Arbeit hielt der bayerische Mittelständler mit seinem Strickjacken-Charme wenig. Und über all das, was Journalisten wirklich interessiert, etwa Geheimkonten in der Schweiz oder Treuhandverträge für Firmen, die nach außen selbstständig auftraten wie die Novafilm des bedeutenden Fernsehproduzenten Otto Meissner, konnte kaum geredet werden.
Die Frage ist, ob Kirchs Gruppe bei einer weniger riskanten Finanzpolitik heute noch in einer Welt von Digital-Tycoons Bestand hätte. Der emsige Gründer hatte es seit dem Start als Filmrechtehändler im Jahr 1955 geschafft, als Quasi-Monopolist die Spielfilme und Serien der amerikanischen Hollywood-Industrie an ein öffentlich-rechtliches Duopol zu vermakeln, an ARD und ZDF. Auch dank eigener Produktionsfirmen wurde Kirch in den 60ern und 70ern beim ZDF in Mainz so etwas wie der geheime Programmchef. Als von 1984 an schließlich das Privatfernsehen aufkam, avancierte er mit Sat.1, ProSieben, Kabel Eins, dem Deutschen Sportfernsehen und Premiere zum mächtigen Sender-Besitzer, flankiert von einer Großbeteiligung am Haus Axel Springer, das aber von Vereinnahmung nichts wissen wollte.
Ende der 1990er Jahre hatte Leo Kirch das, was bis heute das Ziel großer Medienkonzerne ist, zumal wenn sie aus den USA kommen: eine lange "value chain", eine Wertschöpfungskette mit Rechtehandel, eigenen Produktionen sowie einem Verbund aus Free-TV- und Pay-TV-Sendern. Das Geld hierfür kam in der Euphorie-Ära der New Economy von der Börse, wo ProSieben beziehungsweise später der Konzern ProSiebenSat.1 notierte, sowie von einer im eigenen Ökosystem gehypten Firma wie EM.TV, der sich ein Fundus eigener Kinderfilmrechte ("Junior TV") wunderbar verkaufen ließ.
Der Crash der New Economy Anfang der 2000er Jahre ließ ein mögliches Ende der Kirch-Gruppe erahnen, der vorbereitete Börsengang der Holding Kirch Media fiel ins Wasser. In den USA wuchsen die Westcoast-Firmen Amazon, Apple oder Google, die zu Matadoren der Plattform-Ökonomie werden sollten. Deren Bestreben ist es, dank vieler "Lock-in-Effekte" das nun "User" genannte Publikum möglichst lange, möglichst im eigenen System zu halten. Algorithmen versuchen mögliche Programmwünsche vorzuahnen, das ist ein ganz anderes Modell als es das über Rechtevergabe gesteuerte Zentralbewirtschaftungssystem aus München war.
Leo Kirch war es darum gegangen, mit einem proprietären technischen System den deutschen Markt kontrollieren zu können. Zu seiner Glanzzeit war ein US-Riese wie Time Warner höchstens am deutschen Regionalfernsehen oder an einem Kleinsender wie NTV beteiligt, aber Kirch hat geahnt, dass mit neuen technischen Möglichkeiten die Wünsche ausländischer Investoren wachsen würden. Dagegen wollte er eine starke deutsche Infrastruktur unter eigener Ägide setzen. Er war ein zu früher Visionär mit dem richtigen Gespür, dass sich "On-Demand" langfristig durchsetzen würde. Es sei ihm nicht darum gegangen, "ein mächtiges, sondern - für Auge und Ohr - ein vertikal integriertes Medienunternehmen zu schaffen", schrieb er in seiner internen Abschiedsmail: "Es durfte auch erfolgreich sein."
Zeitweise standen ihm mit der Deutschen Telekom und dem Bertelsmann-Konzern zwei finanzstarke Partner zur Seite. Das sollte die Basis für das "Fernsehen der Zukunft" sein, bis die Europäische Kommission feststellte, ein solches Kartell sei für den Wettbewerb höchst schädlich. Heute kooperieren die Telekom mit Magenta TV und Bertelsmann mit RTL+ auf kleinerer Kochstufe, ein Schwergewicht, wie es Kirchs Konzern einst war, fehlt.
Kirchs angebliches technisches Wundermittel zur Eroberung neuer Märkte war die "D-Box", ein digitaler Kabel- und Satellitenreceiver neben dem Fernsehapparat, mit dem all die verschlüsselten Signale seiner vielen Pay-TV-Kanäle zu empfangen waren. Über die Schnittstellen dieser "D-Box" wurde mehr gerätselt als über die Coca-Cola-Geheimrezeptur, bedeutete die Ausgestaltung doch wirtschaftliche Macht, so wie heute die Codierung von Algorithmen bei Facebook und anderen Plattformen weltweit Verhalten bestimmt.
Doch die damals propagierten technischen Settop-Box-Lösungen veralteten schnell und die Kosten für die Weiterentwicklung überforderten Kirch. In einem seiner sehr raren Interviews kündigte er ein halbes Jahr vor der Pleite bizarrerweise in der "Frankfurter Allgemeinen" an, womöglich Regionalzeitungen aufzukaufen und aus diesem "Fallholz", wie er erklärte, "Bauholz" zu machen. Die Zukunft aber lag nun mal im Internet, und da war Leo Kirch nicht. Sonst wären er und seine Nachfolger womöglich nationale Champions im Streaming geworden.
Um dieses aktuell so begehrte Geschäft bemühen sich jetzt Unternehmen, die das untergegangene TV-Imperium nach vielen Gesellschafterwechselspielen übernommen haben. Im frei empfangbaren Fernsehen folgte die italienische Berlusconi-Familie auf den US-Unternehmer Haim Saban sowie die Private-Equity-Größen KKR und Permira. Die von Kirch geschaffene Substanz war so groß, dass es ProSiebenSat.1 noch in den Deutschen Aktien-Index (Dax) schaffte, ehe die Programmkompetenz weitgehend weggespart wurde.
Im Bezahlfernsehen wiederum übernahm kürzlich der ewige Rivale Bertelsmann den in Sky umgetauften Betrieb Premiere für die eigene Kölner RTL-Familie. Zuvor hatten in diesem Geschäft Rupert Murdoch sowie die US-Familie Roberts mit Comcast Lehrgeld gezahlt. Nun müssen Bertelsmann und Berlusconis Sohn bei ProSiebenSat.1 Sanierungs- und Restrukturierungsaufgaben größerer Art bewältigen.
In der Rückschau wirkt der früher oft kritisierte Leo Kirch, vielleicht ein wenig verklärend, wie ein inhaltlich befruchtender Pionier, der viel riskierte, wo andere Excel-Tabellen bemühen. Einer, der sich um Mainstream im Zweifel wenig scherte. Hier agierte ein typischer Patriarch, oft aus dem Bauchgefühl entscheidend und seinem Personal intern sehr nahe: "Es sind nicht allein die Zahlen, die eine Firma ausmachen, es sind vielmehr die Menschen."
Unter seiner Verantwortung platzierte Sat.1 mit Reinhold Beckmann den neuartigen Typus einer Fußball-Unterhaltungsshow ("ran") und ging mit der ersten deutsche Politik-Gesprächsshow, "Talk im Turm", auf Sendung. Es war 1995 seine Initiative gewesen, die Star-Entertainer der Republik nach München karren zu lassen, um sie für neue Unterhaltungskonzepte zu gewinnen. In der Folge ließ Harald Schmidt jahrelang mit seiner Late-Night-Show zwar nicht die Firmenkasse, aber die deutschen Feuilletons vibrieren, und Thomas Gottschalk lud zur "Haus-Party". Nur Günther Jauch wollte nicht wechseln.
Zur Eigenwilligkeit des wertkonservativen Eigentümers gehörten in den Jahren 1993 und 1994 auch neun Ausgaben von "Zur Sache, Kanzler", wo auf Sat.1 prinzipiell sehr zugewandte Journalisten dem Regierungschef Helmut Kohl recht brave Fragen stellten, auf die er lange antworten konnte. Jahre später gab Kirch seinem Freund Helmut Kohl einen gut dotierten Beratervertrag und war 2008 bei dessen zweiter Ehe Trauzeuge.
Man kann das alles unter jenem "Tendenzschutz" subsumieren, der Verlegermedien eigen ist. Heute übliche Key Peformance Indicators (KPI) spielten jedenfalls kaum eine Rolle. Diese Haltung zeigte sich auch bei der 135-Millionen-Dollar-Produktion "Die Bibel", die Kirch entgegen allen Zweiflern in die Welt setzte. Die ARD und internationale Kooperationspartner nahmen die 21 Folgen ab. In einer Zeit schwindender Gläubigkeit konnte das als fast trotziges, auf jeden Fall teures Bekenntnis verstanden werden. Wer würde sich heutzutage so etwas leisten? Die Folge "Joseph" bekam immerhin einen "Emmy".
Die Rechte am Fernseh-Epos "Die Bibel" liegen weiter bei Beta-Film, der langjährigen Kern-Einheit des Kirch-Imperiums. Die Firma, die 2024 365 Millionen Euro umsetzte, gehört heute der Familie des renommierten Produzenten Jan Mojto (78), der an der Produktion von "Babylon Berlin" mitwirkte und auch die Gedenkveranstaltung zum 100. Geburtstag mit ankurbelte. Der langjährige Kirch-Verantwortliche macht als CEO von Beta das, was der Gründer einst auch vollzogen hat. Und so wie Kirch sein Mentor war, ist er heute Mentor für andere.
"Kirch reloaded" bedeutet, in einem Firmen-Netzwerk (dazu gehören viele Beteiligungen) mit Rechten zu handeln und zu produzieren. Alles so wie in den 1960er und 1970er Jahren, ehe zuerst das Privatfernsehen und dann die Internet-Revolution die Märkte umpflügten. In der neuen alten Rolle produziert Beta eine Serie wie "Dolly" für Netflix, einen "Major" der neuen Streaming-Ära. Beta ist Dienstleister, kein zentraler Gestalter mehr.
Unter all den "Kronprinzen", die in der Ära des Leo Kirch genannt wurden, der seinen Sohn Thomas entgegen früheren Ankündigungen aussparte, erweist sich der gebürtige Slowake Mojto als wahrer Nachfolger, wenn auch auf viel niedrigerem geschäftlichem Niveau. Der einst wuchtig als Kirchs Stellvertreter aufgetretene Dieter Hahn taucht inzwischen weder in München noch in den Medien auf. Er ist Investor in anderen Branchen. Sein letztes Verdienst war, dass er nach einer Klage wegen Rufschädigung die Deutsche Bank zu einem Vergleich drängte, was den Erben von Kirch, Hahn persönlich sowie einigen Gläubigern mehr als 900 Millionen Euro einbrachte.
Die bekannte Filmfirma Constantin aus der Kirch-Hinterlassenschaft wiederum, um die sich Großaktionär Hahn zuletzt gekümmert hatte, gehört seit einiger Zeit zur nunmehr schwer angeschlagenen Schweizer Highlight-Gruppe. 50 Prozent des verbundenen Ex-Kirch-Senders Sport1 gingen an eine türkische TV-Produktionsfirma. Weitere Verkäufe, auch von Constantin, sind gut möglich. So löst sich das, was einmal Leo Kirchs Werk war, weiter auf. Ganz so, wie es einst bei der Deutschland AG passiert ist. Zurück bleibt Wehmut.
Copyright: Foto: "Handelsblatt"
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Text: Hans-Jürgen Jakobs ist Senior Editor und Autor beim "Handelsblatt".
Zuerst veröffentlicht 20.10.2026 11:31
Schlagworte: Medien, Medienwirtschaft, Personalien, Kirch, Jakobs
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