22.10.2026 07:50
ZDF-Doku "Terra X History: Aufbruchsjahre"
epd Ein besonders verführerischer Topos für Historiker ist die "Stunde Null", der radikale Neuanfang nach vorhergehender Misere. Der Begriff taucht in dieser von Mirko Drotschmann präsentierten Rückblende auf die unmittelbaren Nachkriegsjahre in Deutschland zwar nicht auf, wohl aber das entsprechende Narrativ. Kein Kriegsbild, sondern ein wild sich drehendes Kettenkarussell eröffnet die Doku über die frühen Jahre der Republik. In sechs Biografien illustriert sie die chaotische Gemengelage angesichts der materiellen und seelischen Trümmerlandschaften nach 1945.
Es gibt nur einen gemeinsamen Nenner zwischen den ausgebombten Städtern, Flüchtlingen, Kriegsheimkehrern, hochrangigen Nazis und KZ-Überlebenden: "Sie kämpfen sich zurück ins Leben", heißt es an einer Stelle. Diese Aufbruchsstimmung aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen fängt die Dramaturgie der Doku als Beispiel einer wundersamen Resilienz ein. Sie vergisst dennoch nicht, die Widersprüche jener Zeit herauszuarbeiten.
Die Akteure jener Epoche werden mit High Tech in die Gegenwart befördert. Sie werden nicht bloß von Schauspielern verkörpert, sondern mittels KI in virtuelle Graphic Novels versetzt, ergänzt von teilweise nachkolorierten Originalaufnahmen. In einer Szene ist Beate Uhse zu sehen, die ehemalige Kriegspilotin. Sie tröstet eine junge Frau wegen Ängsten vor ungewollter Schwangerschaft. Daraus entsteht ihre erste zündende Geschäftsidee, die "Schrift X" mit Tipps zu natürlichen Verhütungsmethoden.
Um den raschen Wiederaufbau zu zeigen, besucht Drotschmann das rheinische Wesel, wo 1945 von 8.200 Wohneinheiten noch 500 übrigblieben. Wilhelm Groos und seine Tochter Gerda mussten sich mit Aufräumen, Mangelwirtschaft und Wohnungsnot herumplagen, "beispielhaft für den Überlebenswillen, der ganz Deutschland erfasst". Auch auf dem Schwarzmarkt, der für die Aufrechterhaltung der Versorgung wichtig war, wie der Historiker Dietmar Pieper ausführt. Für ihn schlicht ein "Raubtierkapitalismus", dennoch fasziniert ihn der "dieser Wille zum Anpacken".
Besonders eindringlich ist die Geschichte von Hadassah Rosensaft, die als einzige ihrer Familie das KZ Bergen-Belsen überlebt. In einer nachgespielten Szene sagt sie zweieinhalb Jahre später in Lüneburg gegen ihre Peiniger aus, mit "Schmerz, Wut und Genugtuung", verbittert darüber, dass die Täter im Gegensatz zu ihren Opfern einen fairen Prozess haben. Im Bergen-Belsener Lager für 12.000 "Displaced Persons" hat sie sich nach dem Krieg hingebungsvoll um die jüdischen Waisenkinder gekümmert. Tatsächlich werden in Bergen-Belsen auch 2.000 Kinder geboren - ein Zeichen dafür, was Rosensaft als ihre Motivation bezeichnete: "Wir sind da", trotz der Vernichtungsmaschinerie der Nazis.
Auf persönliche Spurensuche begibt sich auch Mirko Drotschmann. Der Journalist, Moderator und Webvideoproduzent startete 2012 den Youtube-Kanal "MrWissen2go", der heute zum Content-Netzwerk Funk von ARD und ZDF gehört. Er sucht in Archiven nach den Spuren seiner aus Polen geflüchteten Familie, entdeckt schließlich, dass seine Großtante Ingrid schon mit vier Jahren an Diphterie verstarb. Drotschmann verbindet die Vielzahl historischer Rückblenden mit angemessener Zurückhaltung und ohne sich eine Deutungshoheit oder Urteile anzumaßen.
Auch nicht bei Wolfgang Leonhard, der als 24-Jähriger aus dem Moskauer Exil nach Berlin zurückkehrt und nun mit der "Gruppe Ulbricht" eine neue Verwaltung aufbauen soll. Sein Sohn Marc erinnert sich, wie er als Idealist einen besseren Staat als die stalinistische Sowjetunion ermöglichen wollte, jedoch vom Apparatschik Walter Ulbricht hörte: "Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben." In einer Spielszene erfährt Leonard, dass es bei den angeblich klassenlosen Kommunisten drei Klassen von Speisesälen gibt. Später wird er zum Dissidenten.
Auffällig ist, wie sowohl das historische Filmmaterial als auch die Graphic Novels trotz der dramatischen Lebensumstände nie an sich dramatisch wirken. Es wird munter aufgeräumt und aufgebaut, der Eiswinter 1947 mit hunderttausend Toten erscheint mit den Schneebildern pittoresk.
Damit gerät diese Dokumentation zu einer historischen Revue des sich Durchschlagens und Überlebens. Es habe keine allgemeine Depression gegeben, so der Historiker Pieper, sondern Lebensgier und Lebensmut: "Alle haben versucht, da herauszukommen." Und schon kam die Währungsreform und brachte die vollen Schaufenster in aufgeräumte Städte zurück. Gezeigt werden das überfüllte Fronleichnamsfest am Kölner Dom, unbeschwerten Badeferien auf Sylt. Es folgten die bleiernen, erzkonservativen 50er Jahre. So bleibt der Eindruck: Verdrängung ist ein Meister aus Deutschland.
infobox: "Terra X History: Aufbruchsjahre - Deutschland nach dem Krieg", Dokumentation mit Mirko Drotschmann, Regie: Elias von Solomon, Saskia Weisheit, Kamera: Florian Lengert, Torbjörn Karvang, Jonny Müller-Goldenstedt, Produktion: Eco.documentaries (ZDF Mediathek, seit 5.10.26, ZDF, 6.10.26, 20.15-21.45 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 22.10.2026 09:50
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Drotschmann, Solomon, Weisheit, Dehler
zur Startseite von epd medien