Keine "Emma" ohne Alice - epd medien

22.10.2026 08:20

Vor 50 Jahren hat Alice Schwarzer das feministische Magazin "Emma" gegründet, nun wird es eingestellt. Die Publizistin hat das Medium in den vergangenen fünf Jahrzehnten für viele Kampagnen genutzt und verband Journalismus mit Aktivismus. Und sie hat viel dafür getan, dass es ohne Alice keine "Emma" geben kann.

Das feministische Magazin "Emma" wird eingestellt

Alice Schwarzer 2022 bei einer Ausstellung über Simone de Beauvoir in der Bundeskunsthalle

epd "Nach 50 Jahren und 398 Ausgaben mit 36.584 Seiten verlässt 'Emma' die Bühne." Mit diesem Satz beginnt die Pressemitteilung , die Alice Schwarzer am Mittwochmorgen veröffentlichte. Das feministische Magazin tritt ab. Mit lautem Theaterdonner und im von Schwarzer geprägten "Emma-Sound", natürlich nicht, ohne noch einmal die eigene Legende fortzuschreiben: "Medienpolitisch" sei die "reine Existenz von 'Emma' ein Phänomen" gewesen. Das Magazin sei Zeit seines Bestehens "unabhängig gewesen von Konzernen, Werbung und Parteien", die ökonomische Unabhängigkeit habe den Macherinnen eine "maximale journalistische Freiheit" gegeben. "Emma" müsse nicht aus ökonomischen Gründen aufhören, schreibt das "Emma"-Team, die Macherinnen seien "ganz einfach erschöpft".

Dazu passt, dass "Emma" ausgerechnet dem Literaturarchiv in Marbach vermacht wird, um "weiterzuwirken". Also war es gar kein Journalismus, den Alice Schwarzer und die Ihren in den vergangenen 50 Jahren gemacht haben, sondern Literatur? Weit gefehlt! In der aktuellen Ausgabe heißt es im vom ganzen "Emma"-Team unterzeichneten Editorial, "Emma" sei "ein professionelles politisches Magazin aus Frauensicht", gewesen, "weltweit das einzige feministische Publikumsmagazin am Kiosk".

Erfolgreiche mediale Kampagnen

Natürlich ist "Emma" nicht weltweit das einzige feministische Magazin am Kiosk, aber andere Magazine wie das "Missy Magazine", das dieser Tage 18 Jahre alt wurde, lässt Alice Schwarzer eben nicht gelten. Und Wind machen, das konnte die Autorin und Journalistin schon immer gut. 1971 stieß sie die Aktion "Wir haben abgetrieben" im "Stern" an. 374 prominente und weniger prominente Frauen bekannten sich damals öffentlich dazu, dass sie abgetrieben hätten - was nicht bei allen zutraf. Schwarzers 1975 veröffentlichtes Buch "Der kleine Unterschied und seine Folgen" wurde ein Bestseller. Das Honorar, 250.000 Mark, verwendete die Journalistin nach eigener Darstellung für die Gründung des feministischen Magazins für Frauen. Als es 1977 erschien, hätten "alle Zeitungen" darüber berichtet, schreibt Schwarzer in der aktuellen Ausgabe der "Emma".

Gemessen an der Auflage, die nach Angaben von "Emma" 2023 noch bei 25.660 Exemplaren lag, hat das "politische Magazin für Menschen", wie es sich ab 2010 nannte, 50 Jahre lang für viel Aufsehen gesorgt. Es war im Zeitalter der digitalen Netzwerke der haptische Beweis dafür, dass man auch ohne Clickbaiting erfolgreich mediale Kampagnen inszenieren kann. Schwarzer hat mit "Emma" über Jahrzehnte immer wieder Themen aufgegriffen und polarisiert. Mit der "PorNo-Kampagne" hat sie gegen die Entwürdigung von Frauen in der Pornografie gekämpft. Früh wandte sich Schwarzer in der "Emma" auch gegen das Tragen des islamischen Kopftuchs in öffentlichen Institutionen in Deutschland. In einem Kommentar zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts bezeichnete sie 2003 das Kopftuch als "Flagge der islamistischen Kreuzzügler".

Die "Feministinnen-Ikone"

In den Medien wurde Alice Schwarzer, die Journalismus und Aktivismus gekonnt in ihrer Person vereinigte, seit der Jahrtausendwende als "Vorzeige-Feministin" oder "Feministinnen-Ikone" gehandelt. Dabei stand sie schon lange für ihren eigenen Feminismus, einen Feminismus, von dem viele jüngere Frauen sich abwandten, weil er ihnen zu undifferenziert und einseitig war.

Wenn Alice Schwarzer jetzt im Interview mit der "Zeit" sagt, sie habe sich gegen solche Angriffe immer nur "in der Sache, nicht persönlich" gewehrt, so wäre das zu hinterfragen. Für sie galt die Regel: Wer nicht für mich (und "Emma") ist, ist gegen mich. Und gegen diejenigen, die sie als Feinde identifiziert hatte, konnte sie auch persönlich austeilen.

Der "Vatikan der Frauenbewegung"

Ausgerechnet der Moderator Harald Schmidt, der Alice Schwarzer 2008 den Ludwig-Börne-Preis verlieh, bescheinigte ihr in seiner Laudatio, sie sei "größer als der Feminismus in Deutschland". Der Chefzyniker fand auch ein gutes Bild für "Emma": Die von Schwarzer gegründete Zeitschrift sei so etwas wie "der Vatikan der Frauenbewegung", sagte er. Unfehlbarkeits-Dogma inklusive. Es durfte keinen Feminismus neben Schwarzer geben. In ihrer Dankesrede für den Börne-Preis warf sie damals jüngeren Feministinnen vor, sie würden sich nur für ihre Karriere und Männer interessieren und sagte: "Es ist neu, dass man sich einer solchen Kaltherzigkeit nicht einmal schämen muss, sondern sie auch noch im Namen des Feminismus zum Programm erheben kann."

Natürlich hat Alice Schwarzer den Abtritt von "Emma" medial gekonnt inszeniert. Der "Zeit" gab sie ein langes Interview, in dem die Interviewerin kaum kritisch nachfragt. Auf die Frage, ob Schwarzer keine Nachfolgerin dulde, antwortet die 83-Jährige: "Natürlich bin ich Emma." Und sie erzählt noch einmal die Geschichte der "Kollegin, die zuvor Fernsehen gemacht hatte", die neue Chefredakteurin der "Emma" werden sollte. Doch nach zwei Wochen Einarbeitung hätten sie festgestellt: "Das war eine einzige Katastrophe."

Diejenigen, die die Geschichte mit der Nachfolge für Alice Schwarzer 2008 verfolgt haben, wissen, dass es sich um die Journalistin Lisa Ortgies handelte. Und einige erinnern sich noch gut daran, wie Schwarzer damals öffentlich rufschädigend nachtrat. In der Presseerklärung, die "Emma" damals veröffentlichte, schrieb sie: "Zu unserem Bedauern eignet sich die Kollegin (...) nicht für die umfassende Verantwortung einer Chefredakteurin."

Ich bin auch nicht abzulösen.

Wird "Emma" fehlen? Vielleicht als Medium, das früh immer wieder auf Themen hingewiesen hat, die in erster Linie Frauen betreffen. Themen wie der sexuelle Missbrauch von Kindern, Frauengesundheit oder Sexismus am Filmset. Diese Themen werden jetzt zwar auch in anderen Medien häufiger behandelt, doch der WDR zum Beispiel will sein Frauenmagazin "Frau TV" zum Jahresende einstellen. Und ob der Sender seine Ankündigung wahrmacht, dass er weiterhin für Themen wie Frauenrechte, gesundheitliche Chancengleichheit und Selbstbestimmung Aufmerksamkeit erzielen will, bleibt zu beobachten.

Am meisten wird "Emma" wohl denen fehlen, die wissen wollen, was Alice Schwarzer über bestimmte Themen denkt. Denn obwohl es viele andere Autorinnen (und Autoren) gab, obwohl es andere Redakteurinnen gab: "Emma" war Alice und Alice war "Emma". Sie hat "Emma" gegründet, sie wurde jahrzehntelang mit dem Magazin identifiziert. Eine "Emma" ohne Alice kann und wird es nicht geben. Aber die Publizistin hat lange genug an der Marke Alice Schwarzer gearbeitet, dass man auch ohne "Emma" lesen können wird, was sie denkt.

Sie spreche nur für sich und für die Sache, die sie zu ihrem Anliegen gemacht habe, sagte Alice Schwarzer 2008 in ihrer Dankesrede für den Börne-Preis. Und sie fügte hinzu: "Und ich bin, mit Verlaub, übrigens auch nicht abzulösen." Deswegen macht sie "Emma" jetzt dicht.

Diemut Roether Copyright: epd-bild/Heike Lyding Darstellung: Autorenbox Text: Diemut Roether ist Verantwortliche Redakteurin von epd medien.



Zuerst veröffentlicht 22.10.2026 10:20 Letzte Änderung: 23.10.2026 12:23

Diemut Roether

Schlagworte: Medien, Frauen, Zeitschriften, Feminismus, Emma, Schwarzer, Roether, NEU

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