23.10.2026 07:19
Ein tschechischer Politiker fordert Premierminister Babis heraus
epd Für die entscheidende Szene in seinem Videoclip hat Jan Grolich ein paar kräftige Touristen rekrutiert: In Prag, am Moldauufer, ließ sich der tschechische Politiker von den vier Männern an Händen und Füßen halten und dann im hohen Bogen in den Fluss werfen. Das ist der Höhepunkt eines Musikvideos, das bei den zurückliegenden Kommunal- und Senatswahlen in Tschechien zum Gesprächsthema im Land wurde. Möglicherweise kann er mit seiner Kommunikationsstrategie sogar langfristig die politische Landschaft verändern.
Jan Grolich ist kein unbeschriebenes Blatt: Der 42-Jährige ist Hejtman des wirtschaftsstarken südmährischen Bezirks - vergleichbar mit einem Landeshauptmann in Österreich. Und er ist neuerdings Vorsitzender der kleinen christdemokratischen Partei, die zuletzt in Wahlumfragen nur noch bei zwei bis drei Prozent herumdümpelte. Die tschechische Opposition ist stark zersplittert und kam bislang kaum an gegen die Marketing-Maschinerie von Premierminister Andrej Babis und seiner populistischen Bewegung ANO, die vor allem in den Sozialen Netzwerken eine gewaltige Reichweite erzielt.
Die Wahlkampagne von Jan Grolich hat das geändert: Er selbst kandidierte für den Senat, das Oberhaus des tschechischen Parlaments, und schaffte ohne Stichwahl direkt den Einzug - mit 63 Prozent der Stimmen, dem besten Ergebnis, das in Tschechien jemals ein Senator in der ersten Wahlrunde geschafft hat. Auch in vielen anderen Wahlkreisen musste ANO starke Einbußen hinnehmen.
"Es hat sich gezeigt, dass Grolich in der Lage ist, ANO kommunikativ in Bedrängnis zu bringen", sagte der Politikwissenschaftler Jakub Lysek in einem Interview mit tschechischen Journalisten: "Sollten sich auch andere Politiker von dieser Strategie inspirieren lassen, könnte Babis' Bewegung in Zukunft Probleme bekommen."
Tatsache ist: Jan Grolich hat es geschafft, die Hoheit über den Internet-Diskurs zu gewinnen - sein Video hat ihn landesweit bekannt gemacht und kam auch bei Wählern der politischen Konkurrenz gut an. Dahinter steckte ein mehrstufiges Kommunikationskonzept: Am Anfang drehte er das Musikvideo, für das der bekannte tschechische Liedermacher Pavel Helan den Text geschrieben hat und eine Melodie mit Ohrwurm-Qualitäten: "Du du du, Herr Hejtman", lässt sich der Text übersetzen: "Jetzt willst du die ganze Welt retten, reparier doch erst mal Brünn!" Zu dem Text, der dann folgt und zusammengesetzt ist aus Politikerbeschimpfungen aus dem Internet, zieht Jan Grolich mit eigenwilligen Tanzbewegungen durch Prag, bis er schließlich in die Moldau geworfen wird.
"Mit der Grenze zum Peinlichen arbeiten wir bewusst", erklärte Grolich in einem Interview mit der Wirtschaftszeitung "Hospodarske Noviny": "Wir wussten, dass dieser Song und dieser Tanz an der Grenze zum Bizarren liegen, aber darauf haben wir uns von Anfang an bewusst eingelassen."
Entscheidend für den Erfolg der Wahlkampagne war nach Einschätzung von Kommunikationsexperten aber nicht nur dieses eine virale Video, sondern die darauffolgende zweite Stufe: Das Marketing-Team von Andrej Babis feuerte aus vollen Rohren auf Grolich, dessen viralen Erfolg es offenbar früh als Bedrohung erkannt hatte. Der wiederum nahm diese Reaktionen in weiteren Videos auseinander. Inhaltlich scharf, mit humorvoller Note und Selbstironie ging er darin vor, stieg aber zugleich auch in komplexe Themen ein.
Mit diesem Balanceakt aus inhaltlicher Argumentation und Parodie gelang ihm ein bemerkenswerter Erfolg: Seine eigenen Videos erreichten weitaus höhere Klickzahlen als die ursprünglichen Angriffe aus dem Regierungslager, die er darin auf die Schippe nahm. Und vor allem merkten auch Andrej Babis' Anhänger, dass der 72-Jährige müde und alt wirkt im Vergleich zu Jan Grolich.
Das ist eine Waffe, mit der sie nicht umgehen können.
"Diese Wahlen haben gezeigt, dass wir ein Team haben, das in der politischen Kommunikation Marketingtrends setzen kann. Dass uns das schon bei den ersten Wahlen gelingen würde, hätten wir allerdings nicht erwartet", sagte Jan Grolich. Der Erfolg von Premierminister Andrej Babis in den Sozialen Netzwerken beruht vor allem auf regelmäßigen Videos in Monologform, in denen er seine Anhänger in vertraulichem Ton hinter die Kulissen blicken lässt und gegen die Opposition austeilt.
Dass die jetzt mit Humor und Leichtigkeit pariert werden, darauf haben Babis und seine Marketingleute noch keine Antwort gefunden. "Das ist eine Waffe, mit der sie nicht umgehen können", bemerkte staunend ein Beobachter aus der Kommunikationsbranche. Vor dem Marketing-Team der Christdemokraten, dessen Mitglieder vorher in renommierten Agenturen gearbeitet haben, liegt aber noch der schwerste Teil der Aufgabe: den Erfolg des telegenen Jan Grolich auf die ganze Partei auszuweiten. Und vor allem noch drei Jahre lang die Kommunikation durchzuhalten, erst dann stehen in Tschechien die nächsten Parlamentswahlen an.
Copyright: Foto: privat
Darstellung: Autorenbox
Text: Kilian Kirchgeßner ist freier Journalist in Tschechien und Autor für den Deutschlandfunk.
Zuerst veröffentlicht 23.10.2026 09:19 Letzte Änderung: 23.10.2026 09:28
Schlagworte: Medien, Internet, Social Media, Politik, Tschechien, Kirchgessner, Grolich, NEU
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