A bissel schräg - epd medien

24.10.2026 12:45

Eine Polizistin mit Demenz? In der Krimiserie "Das Vergessen - Spurlos mit Moor" spielt Julia Koschitz die Beamtin Pia Kraus, die an Alzheimer leidet und in einem Fall ermittelt, der ihr sehr nahe geht.

Krimidrama "Das Vergessen - Spurlos im Moor" in der ARD

Polizistin Pia Kraus (Julia Koschitz) möchte das mysteriöse Verschwinden ihrer 17-jährigen Nichte Amelie aufklären

epd "Früh einsetzend", "voranschreitend", "selten, aber leider eindeutig" - nur bruchstückhaft nimmt Pia Kraus (Julia Koschitz) nach der Kernspintomografie die Erläuterungen der Ärztin wahr. Alzheimer lautet die Diagnose. Der fatale Befund trifft die österreichische Provinzpolizistin um die 50 besonders hart: Seit Monaten sucht sie nach ihrer verschwundenen Nichte Amelie (Fabia Matuschek), steht bei ihrer Schwester Caro (Martina Ebm) im Wort, das 17-jährige Mädchen wiederzufinden. Sie kann jetzt nicht kürzertreten. Und nichts kann sie weniger gebrauchen als Aussetzer, Erinnerungslücken, Halluzinationen.

Als nach rund 40 Filmminuten Amelies Leiche im Moor entdeckt wird und die Pathologin feststellt, das Mordopfer habe kurz vor seinem Tod ein Kind geboren, das theoretisch noch leben könnte, ist klar: Pia wird ihre Krankheit so lange wie möglich verheimlichen. Um weiterarbeiten zu können und den Fall zu lösen vor ihrem Eintritt in das große Nichts.

Diesen Wettlauf mit der Zeit weiß der Sechsteiler "Das Vergessen - Spurlos im Moor" überaus sogbildend einzusetzen - und zwar, indem er die Krankheit der Protagonistin nicht nur als Spannungsverstärker begreift, sondern ernst nimmt, ihr Raum gibt. Nachdem ihr arbeitsloser Ehemann Jonas (Matthias Koeberlin) den klinischen Befund entdeckt hat und auch die beiden Kinder Vivian (Anja Pichler) und Linus (Leopold Pallua) eingeweiht sind, beweint die ganze Familie den bevorstehenden Verlust.

Jeder duzt jeden

In weniger guten Momenten fliegt allerdings auch mal ein Teller an die Wand. Auf der Dienststelle, wo LKA-Mann Tarek Moser (Bardo Böhlefeld) die Leitung der Mordermittlungen übernommen hat, kommt sie einstweilen mit Zetteln, Audio-Memos und Kugelschreiber-Notizen auf dem Handrücken über die Runden. Einmal bringt es sie sogar weiter, dass sie beim Abfahren von Kinderkliniken in der Nähe ein Krankenhaus versehentlich zweimal ansteuert: Plötzlich erinnert sich eine Schwester an einen Mann, der gefragt hat, was er seinem Neugeborenen zu trinken geben soll.

In Sachen Krimiplot entwirft das Drehbuch ein solide abgründiges Kleinstadt-Sittengemälde. In der fiktiven Gemeinde Engelsberg duzt jeder jeden, man singt gemeinsam im Chor Hubert-von-Goisern-Songs und spielt in Caros Kneipe Karten. Aber so mancher hat eben auch dunkle Seiten. Das Mordopfer gewinnt derweil in Rückblenden Kontur, etwa wenn sich Pias Tochter Vivi an gemeinsame Erlebnisse mit ihrer Cousine erinnert. Hatte sich Amelie versteckt, um ihre Schwangerschaft zu verheimlichen? Oder wurde sie gefangen gehalten?

Verzweifelte Energie

Stimmungsvoll wabert der Nebel über den Wäldern, während die Ermittler solchen Fragen nachgehen. Viel zu lachen gibt es in der ARD-ORF-Koproduktion nicht. Aber sowohl in Bezug auf einige Handlungsmotive als auch in puncto Intensität spielt "Das Vergessen" durchaus in einer Liga mit Hans-Christian Schmids Krimi-Mehrteiler "Das Verschwinden" (2017). Und Julia Koschitz' Pia, immer in Polizeiuniform und mit einem Pick-up unterwegs, wirkt wie die maximale Bündelung verzweifelter Energie in einem zierlichen Körper.

Eine überraschende und ausnahmsweise positive Pointe hält ihre Demenz, als sie irgendwann doch publik wird, aber auch noch bereit. Klar, sie unterminiert ihre Glaubwürdigkeit, Pias Wahrnehmungen und Schlussfolgerungen werden angezweifelt, aber sie verschafft ihr auch Narrenfreiheit. "I war immer scho a bissel schräg, jetzt muss ich’s nur nimmer verstecken", sagt sie einmal zu ihrer Familie. Auf der Zielgeraden - offiziell ist sie längst beurlaubt - setzt sie diese Waffe schamlos ein. Das Genre Alpen-Noir bekommt da noch mal eine ungeahnte neue Facette.

infobox: "Das Vergessen - Spurlos im Moor", sechsteiliges Krimidrama, Regie: Daniel Geronimo Prochaska, Johanna Moder, Buch: Timo Lombeck, Marcel Kawentel, Rebekka Reuber, Kamera: Adrian Bidron, André Mayerhofer, Produktion: Odeon Fiction, Mona Film (ARD-Mediathek/ORF/Degeto, seit 22.10.26, ARD, 24.10.26, 20.15-23.15 Uhr und und 25.10.26, 21.45-23.15 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 24.10.2026 14:45

Peter Luley

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KARD, Krimi, Koschitz, Luley, ema

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