25.10.2026 09:10
"Tatort: Gottesgarten" mit Rosalie Thomass
epd Alles neu macht der Oktober. Beim "Tatort" jedenfalls. In Kiel spielt Karoline Schuch die neue Ermittlerin Elli Krieger an der Seite von Almila Bagriacik. In München geht ebenfalls demnächst ein neuer Kommissar an den Start. Und die Neue in Franken kommt, wie könnte es anders sein, aus der (aus fränkischer Sicht) Bling-Bling-Stadt München. Dort hat sie die vergangenen zwei Jahre gearbeitet. Eigentlich stammt die Nachfolgerin von Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) aus Ingolstadt, was die Sache aber auch nicht wesentlich verbessert, wie sie selbst bemerkt. Auch Oberbayern. Und der Legende nach sind sich Franken und Bayern nun mal spinnefeind.
Tatsächlich lässt sich die Zusammenarbeit von Felix Voss (Fabian Hinrichs), ebenfalls kein Franke, inzwischen aber schon lange da, und Emmy Rathgeber (Rosalie Thomass) aber sehr gut an. Nachdem die rituellen Scherze über Bayern und Franken ausgestanden sind ("Man soll Gott für alles danken, besonders auch für Frrrrrrrrrrrranken"), ist man schnell man beim Du.
Rein äußerlich haben Emmy, als zupackende, große, kräftige und Frau inszeniert, und der eher introvertierte, schmale Felix nicht viel gemeinsam, charakterlich hingegen schon: Sie sind beide anständig und nett. Kriminalbeamte wie diese hätte man gern vor der Tür, wenn mal was Schlimmes passiert. Und nein, nett ist eben nicht "die kleine Schwester von Scheiße". Freundlichkeit, Höflichkeit und Empathie sind Eigenschaften, ohne die gesellschaftlich rein gar nichts funktioniert. Tut richtig gut, wenn Felix, etwas steif, wie es nun mal seine Art ist, zum Gerichtsmediziner sagt: "Ich danke Dir für Deine Zeit, Peter." Solche Dialoge hört man nicht mehr oft, seit weiland mit Schimanski das Fluchen und Schnoddern zum "guten Ton" des Fernsehkrimis geworden ist.
Ergänzt wird das vielversprechende Duo durch eine dritte Nette. Die fleißige Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheidt) schiebt Innendienst und lastet der Neuen nicht an, dass sie nicht befördert wurde. Mit mühsamer Polizeiarbeit und Beharrlichkeit finden die Drei heraus, warum ein junger Travestiekünstler eines Tages mit durchgeschnittener Kehle im Hotelzimmer lag. Erzählt wird dieser "Tatort" wohltuend sperenzchenfrei, unspektakulär und, von den Rückblenden abgesehen, sehr "geradeaus".
Wer die Auflösung nicht wissen will, überspringt diesen Absatz bitte: Nach und nach kommt an den Tag, dass drei junge Männer als Jugendliche von einem zwielichtigen Kerl missbraucht und mit Drogen abgefüllt wurden. Einer von ihnen war der junge Mann, der tot im Hotelzimmer gefunden wurde. Der Täter wurde seinerzeit aus Mangel an Beweisen nicht verurteilt, als doch noch Beweise auftauchten, war es zu spät, man konnte ihm für dieselbe Anschuldigung nicht noch einmal den Prozess machen. Der Krimi thematisiert die für Opfer und Gesellschaft oft schwer zu verkraftenden Folgen dieser juristischen Grundregel ("Ne bis in idem").
Eine Randbeobachtung zum Schluss: Der Kinderschänder ist der Bruder eines Geistlichen, der ihn während seines Urlaubs im Pfarrhaus wohnen lässt. Der Pfarrer selbst befindet sich in Thailand, genauer gesagt in Pattaya, wo Prostituierte, Kinder beiderlei Geschlechts und Drogen leicht zu haben sind. Was soll das? Warum wird hier vom zwielichtigen Reiseziel eines Pfarrers erzählt, der gar keine Rolle spielt? Warum wird hier ein Kinderschänder per Verwandtschaft mit der Kirche assoziiert? Lautet das Motto inzwischen tatsächlich: Ich drehe eine Missbrauchsgeschichte, also muss auch die Kirche vorkommen? Und dann nenne ich den Fall auch noch "Gottesgarten" - nach einem fränkischen Landstrich.
infobox: "Tatort: Gottesgarten", Krimi, Regie: Dustin Loose, Buch: Constantin Lieb, Kamera: Clemens Baumeister, Produktion: Claussen + Putz (ARD-Mediathek/BR, seit 23.10.26, ARD, 25.10.26, 20.15-21.45 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 25.10.2026 10:10
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KBR, Tatort, Krimi, Loose, Lieb, Thomass, Kaiser
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