27.10.2026 08:10
Psychothriller-Serie "Die Falle" bei Netflix
epd Albträume, Visionen, Rückblenden, Erinnerungsfetzen: Im Kopf von Lisa Konrad würde ohne Psychopharmaka Chaos herrschen. Als sie die Medikamente absetzt, lassen sich ihre Zustände allerdings nicht mehr kontrollieren. Dabei hätte sie gerade jetzt Kontrolle sehr nötig. Ein Trauma hat die Bestsellerautorin seit Jahren im Griff. Da sieht sie im Fernsehen zufällig den Mann, den sie für den Mörder ihrer jüngeren Schwester hält.
Die Reaktionen auf Melanie Raabes 2015 erschienenes Erstlingswerk "Die Falle" waren damals gemischt, auch wegen der mitunter seitenlangen Introspektionen. Die rund viereinhalb Stunden lange Verfilmung aber ist nicht eine Minute zu lang. Ihren besonderen Reiz verdankt die sechsteilige Serie dem dramaturgischen Konzept: Virtuos wechselt Isabel Kleefeld (Regie und Buch) die verschiedenen Ebenen, ohne Konfusion zu stiften.
Lisa (Friederike Becht) hat sich nach dem Mord an ihrer Schwester völlig zurückgezogen und nicht nur den Verlag, sondern auch ihren Namen gewechselt. Sie lebt nun in einer großzügigen Villa, die sie seit zehn Jahren nicht verlassen hat. Abgesehen von Assistentin Yuma (Malaya Stern Takeda) beschränken sich die persönlichen Kontakte auf ihre Agentin (Anna Schudt) und eine Psychotherapeutin (Ursula Strauss). Ihr Leben ändert sich radikal, als sie den Täter, den sie damals kurz gesehen hat, zufällig im Fernsehen entdeckt. Es handelt sich um den renommierten Journalisten Robert Lenzen (Hans Löw).
Lisas Bücher sind Bestseller, aber in der Öffentlichkeit ist so gut wie nichts über sie bekannt. Interviews gibt sie grundsätzlich nicht, von Homestorys ganz zu schweigen. Das ist der erste Köder für Lenzen. Der zweite ist ein nur für ihn bestimmter Roman über die damaligen Ereignisse. Um der Konfrontation gewachsen zu sein, arbeitet Lisa verbissen an ihrer Fitness und lässt sich von einem Coach (Stefan Gorski) in Selbstverteidigung unterweisen; ein Verhörspezialist (Johannes Zirner) bringt sie an ihre psychischen Grenzen.
Die ersten drei Folgen sind geprägt von der Inszenierung des Romans, den Lisa schreibt: Die Hauptfigur heißt Sophie, sie wird von einer anderen Darstellerin (Miriam Ohlmeyer) verkörpert. Immer wieder gehen die Ebenen jedoch ineinander über: Mal taucht Sophie in Lisas jetzigem Leben auf, mal greift die Autorin in die Romanereignisse ein.
Die Bildgestaltung von Martin Langer zeigt sich auf einer Höhe mit Buch und Regie. Die Herausforderung bestand darin, dass sich die Handlung größtenteils in der weitläufigen Villa zuträgt. Optische und akustische Verfremdungen unterstreichen die verschiedenen Gemütszustände der Hauptfigur.
Jenseits von Handlung und Umsetzung fasziniert die Netflix-Serie vor allem schauspielerisch. Friederike Becht durchlebt die Höhen und Tiefen ihrer Rolle mit einer Intensität, die Lisas Ausnahmezustand perfekt vermittelt. Ein Coup ist die Besetzung der beiden männlichen Hauptfiguren mit Matthias Brandt als Lisas Verleger und Hans Löw als mutmaßlichem Mörder. Löw hat mit Becht bereits in dem Drama "Im Rausch" gut harmoniert. Er und Brandt haben in ihren langen Karrieren sowohl Schurken als auch Sympathieträger gespielt, beide versehen ihre Rollen mit einer Ambivalenz, die das Offensichtliche zu konterkarieren scheint.
Als Lisa in die Wohnung ihrer sterbenden Schwester Anna kam, hat sie zweifelsohne Lenzen gesehen, aber in der Gegenwart wirkt er durchaus liebenswürdig, nicht zuletzt wegen der Szenen mit seiner Tochter. Verlagsbesitzer Rudow wiederum treibt ein doppeltes Spiel. Regelmäßig lässt er sich von Lisas Therapeutin über die Sitzungen informieren und er kannte Anne. Als eine Polizistin ihn damals um eine Speichelprobe bat, hat er sich aus dem Staub gemacht. Und er will sowohl den Roman als auch das Interview verhindern.
Ab Folge vier konzentriert sich Kleefeld auf die Gegenwart und Lisas Realität, nun wird die Serie zu einem Katz-und-Maus-Spiel, bei dem sich sowohl Lenzen als auch Lisa für die Katze halten. Lisa hat vorsorglich eine Pistole unter dem Tisch angebracht, aber der Journalist ("das Monster") sorgt dafür, dass das Duell nicht auf Augenhöhe stattfindet.
infobox: "Die Falle", sechsteilige Miniserie, Regie und Buch: Isabel Kleefeld nach dem gleichnamigen Roman von Melanie Raabe, Kamera: Martin Langer, Produktion: Constantin Film (Netflix, seit 13.10.26)
Zuerst veröffentlicht 27.10.2026 09:10
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Streaming, Kritik, Kritik.(Streaming), KNetflix, Kleefeld, Raabe, Gangloff
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