28.10.2026 08:50
Dramaserie "Wake Up" in der ZDF-Mediathek
epd Schwere Schuldgefühle plagen Emilia, die vor zwei Jahren den Skiunfall ihrer seither im Koma befindlichen Schwester Clara auslöste. Als Emilia als Probandin in einer Studie zur Behandlung von Angsttherapien die Transferierung des Bewusstseins eines anderen Menschen in ihren Körper erlebt, will sie mit ihrer im Koma liegenden Schwester weiter an der Studie teilnehmen. Diese steht jedoch wegen der Kürzung von Forschungszuwendungen vor dem Aus. So befindet sich Emilia im Zugzwang zwischen der Verschlechterung des Gesundheitszustands ihrer Schwester und der aus wirtschaftlichen Gründen dahinschwindenden, ungewissen Chance, Clara durch Bewusstseinsübertragung einen gesunden Körper zu überlassen.
Das klingt reichlich abenteuerlich, regelrecht nach Science Fiction, wird vom ZDF aber zutreffender als "Near-Future-Dramaserie" angekündigt. "Wake Up", so der Titel der Miniserie, deutet den sehnlichen Wunsch Emilias an, ihre Schwester aus dem Koma zu erwecken. Dass Emilia, die überzeugend von der nach den Dreharbeiten verstorbenen Jungschauspielerin Luna Jordan gespielt wird, diese Möglichkeit überhaupt erhält, ist erst durch das Zusammenkommen etlicher Zufälle möglich. Dazu gehört der selbst für Scifi-Stoffe etwas zu ambitionierte Umstand, dass die Technologie erst dank des frisch ins Team aufgenommenen Robin quasi über Nacht entsteht.
Diese sehr konstruierte Ausgangslage des Plots lässt ihn anfangs nicht sehr glaubwürdig und überzeugend erscheinen. Dank der überraschend schnellen Forschungsfortschritte innerhalb der ersten Folgen gewinnt die Geschichte aber bald an Tempo und emotionaler Komplexität. Hinzu kommen albtraumartig inszenierte Rückblenden in die Vorgeschichte Emilias und ihrer Schwester.
"Wake Up" erzählt eine Geschichte nach dem Roman "HUSK" von J. K. Messum, weicht aber recht deutlich von der Romanvorlage ab. Im Buch geht es um einen sogenannten Husk, also einen Menschen, der seinen Körper illegal an Reiche vermietet, die ihrem Bewusstsein so einen vitalen, jungen und gutaussehenden Körper verleihen können. In der Miniserie, die auf dem Konzept des Schotten Jamie Brittain basiert, steht die Möglichkeit der Bewusstseinsverschiebung von einem Körper in einen anderen gerade erst an ihrem Anfang.
Neben einer Familiengeschichte voller Schuldgefühle erzählt die Serie auch eine, von der futuristischen Thematik abgesehen, etwas generische Businessgeschichte: Neuroforscherin Hevi Abdel (Aybi Era) mit entwickelt mit ihrem Team die Technologie, die das "Traveln" genannte Verschieben des Bewusstseins ermöglicht. Als sich Hevis Chefin, die von Désirée Nosbusch beeindruckend gespielte Josephine Nansen, selbst vom Traveln überzeugen lässt, erkennt sie das riesige Potenzial dieser Entdeckung. Die eben noch skeptische Geschäftsfrau erkennt hier einen "Umbruch in der Menschheitsgeschichte" und spekuliert auf den wirtschaftlichen Erfolg der Technologie.
Die beiden Handlungsstränge der Probandin Emilia und der Forscherin Hevi werden jeweils in einem Nebenstrang durch eine romantische Nebenfigur oder eine Mutterfigur ergänzt, wohl ein Versuch, den Hauptfiguren mehr charakterliche Tiefe zu geben. Doch leider sind die Nebenfiguren am eigentlichen Geschehen der Story zu wenig beteiligt und entfernen die Serie zu sehr von ihren erzählerischen wie schauspielerischen Stärken.
So gelingt es der düsteren Miniserie "Wake Up" mit ihren kaltherzigen Kapitalisten und der noch kälteren Inszenierung erst spät, die Zuschauer emotional zu berühren. Die Fülle an moralischen Fragen, die der Sechsteiler eröffnet, ohne sie abschließend zu beantworten, lädt jedoch zum Philosophieren ein: über Selbstbestimmung im Koma, über gewinnorientierte Forschung am Versuchskaninchen Mensch und über das Leben mit bedrückenden Schuldgefühlen. Damit beweist "Wake Up" eindrucksvoll, wie gut sich Science-Fiction-Geschichten als Labor für ethische Debatten eignen.
infobox: "Wake Up", sechsteilige Miniserie, Regie: Mia Maariel Meyer, Tim Trachte, Buch: Arpana Aischa Berndt, Raquel Dupka, Mar B. Alves, Dominik Hochwald, u. a., Kamera: Sabine Panossian, Jakob Berger, Produktion: U5 Filmproduktion (ZDF-Mediathek, seit 23.10.26 im ZDF, ZDFneo, ab 28.10.26, mittwochs 21.45-23.15 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 28.10.2026 09:50
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Dramaserie, Meyer, Trachte, Alves, Berndt, Dupka Hochwald, Respondek
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