Verdichtete Zeitgeschichte - epd medien

30.10.2026 08:50

Am 19. Dezember 2016 raste ein Lastwagen auf den Breitscheidplatz in Berlin. 13 Menschen wurden getötet, 67 verletzt. Die Serie "Breitscheidplatz 19/12" fragt, ob es möglich gewesen wäre, den schweren Terroranschlag zu verhindern.

Serie "Breitscheidplatz 19/12" in der ARD-Mediathek

Frank Laudin (Albrecht Schuch, links) und Isra Al-Huessini (Bayan Layla) arbeiten beim Staatsschutz in Nordrhein-Westfalen

epd Ein Sondereinsatzkommando zerrt einen jungen Mann aus seinem Bett, schlägt ihn vor den Augen seiner Familie. Ein brutaler Polizei-Einsatz, nicht etwa um Baran Soylu abschieben zu können, sondern im Gegenteil: Gegen Soylu wurde eine Ausreiseverbotsverfügung verhängt. Es ist der Sommer 2015, die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die in Syrien und im Irak ein Kalifat errichtet hat, rekrutiert Anhänger auch in Deutschland.

Dass die Polizei keinen Unschuldigen verhaftet hat, darf man schon bald vermuten. Im Fahrstuhl, obwohl in Handschellen und begleitet von zwei Beamten, beschimpft er auf Arabisch eine junge Frau in Uniform: "Was hilfst du den Ungläubigen? Schämst du dich nicht?" Und als er beim Verlassen des Fahrstuhls das Namensschild der Polizistin lesen kann, wird aus einer unangenehm engen Situation eine konkrete Bedrohung.

Islamistische Gefährder

In David Nawraths ARD-Serie "Breitscheidplatz 19/12", die in sechs Folgen und viereinhalb Stunden von der Vorgeschichte des Attentats auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016 erzählt, mangelt es nicht an radikalen Muslimen und gewaltverherrlichenden Predigten. Allerdings ist die Serie weit von plumper, islamfeindlicher Darstellung entfernt. Zentral dafür ist die weibliche Hauptrolle der jungen Polizistin Isra Al-Husseini, eindrucksvoll gespielt von Bayan Layla.

Isra kam im Alter von 13 Jahren nach Deutschland. Ihr Vater war im Irak gefoltert worden, nun schließt sich Isra gegen den Willen des Vaters dem nordrhein-westfälischen Staatsschutz an, der islamistische Gefährder überwacht. Layla beeindruckt nicht nur mit ihrer besonderen sprachlichen Kompetenz, sondern vor allem mit einem zurückhaltenden und gleichwohl eindringlichen Spiel.

Undercover-Arbeit

Die Serie verdichtet die Zeitgeschichte aus den Jahren 2015 und 2016 einschließlich der Anschläge in Paris und Nizza zu einem packenden Polit- und Polizeithriller. Wieso konnte Anis Amri, obwohl seit Monaten im Fadenkreuz der Behörden, am 19. Dezember 2016 den Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz verüben? Das kluge Drehbuch stellt nicht den Attentäter in den Mittelpunkt, sondern neben Isra Al-Husseini ihren von Albrecht Schuch gespielten Vorgesetzten beim NRW-Staatsschutz, Frank Laudin, sowie den Polizei-Informanten Murat Cem (Tamer Trasoglu). Dieser soll das Vertrauen einer mutmaßlichen Terrorzelle gewinnen. Viel Spannung entsteht durch die zunehmend lebensgefährliche Undercover-Arbeit der "VP01" (Vertrauensperson), wie der drogensüchtige Cem bei der Polizei intern genannt wird.

Cem begegnet Amri mehrfach. Er findet heraus, dass Amri mit verschiedenen Identitäten unterwegs ist, und warnt Laudin vor dem "Psycho". Laudin alarmiert seine Vorgesetzten und das Bundeskriminalamt. Doch insbesondere der leitende BKA-Beamte Karsten Heyse (Hanno Koffler) stellt sich quer. Als Laudin beantragt, die Gefährder-Einstufung Amris hochzusetzen, weigert sich Heyse erneut und erklärt stattdessen, die "kriminelle VP" solle aus dem Spiel genommen werden: "Kommt von ganz oben."

Der freie Radikale

Ganz ohne Verschwörungsgeraune lässt sich die Vorgeschichte des Weihnachtsmarkt-Anschlags von 2016 vermutlich nicht erzählen, denn trotz mehrerer Untersuchungsausschüsse sind Fragen offen geblieben, auch weil nicht alle Akten von Sicherheitsbehörden freigegeben wurden. Am Ende wird in "Breitscheidplatz 19/12" mit einer Szene angedeutet, dass es eine Art Stillhalten deutscher Geheimdienste gegeben haben könnte, um die Vorbereitung eines Luftangriffs der USA auf einen IS-Stützpunkt in Libyen nicht zu gefährden. Hier betritt das sich auf eine sorgfältige Recherche berufende Buch von David Marian und David Nawrath das Reich der Spekulationen.

Skandalös ist jedenfalls, dass der Tunesier Amri observiert wurde, mehrfach festgenommen wurde, dennoch immer wieder untertauchen und am Ende einen Anschlag begehen konnte, bei dem 13 Menschen starben und zahlreiche weitere Personen verletzt wurden. In der Serie ist Amri (Wael Alkhatib) gewissermaßen der freie Radikale, der mal hier, mal dort auftaucht, und an dem außer Laudin und seiner Abteilung niemand so recht Interesse zeigt. Auch in den islamistischen Hinterzimmern bleibt Amri eine meist stumme Randfigur.

Tragischer Held

Die Fiktion, die sich um die Fakten rankt, betrifft vor allem den privaten, familiären Hintergrund der drei Hauptfiguren: Während Isra sich vom Vater und dem Trauma der Vergangenheit mit zunehmend fester Überzeugung emanzipiert, ist Murat Cem in einer Art Teufelskreis gefangen. Als Ehemann und Vater zweier Kinder bemüht er sich darum, seine traditionelle Rolle als Ernährer der Familie zu erfüllen. Allerdings kann er ohne Drogen den enormen Druck seines Alltags nicht aushalten. Cem, der gerne selbst Polizist werden wollte, ist nur ein Werkzeug, kein Partner auf Augenhöhe. Tamer Trasoglu spielt mit imponierender Überzeugungskraft und Energie diesen tragischen Helden, der sein Leben aufs Spiel setzt.

Mit Albrecht Schuch hat die Serie zudem eine Top-Besetzung für die Hauptrolle des NRW-Staatsschützers gefunden. Frank Laudin ist der einsame Rufer, dessen Warnungen nicht gehört werden und der Konflikte mit Vorgesetzten und anderen Dienststellen nicht scheut. Der berufliche Stress und sein misstrauischer Charakter wirken sich allerdings auch auf sein Privatleben aus. Den Sympathiebonus des sorgfältigen, sachlichen Ermittlers verspielt er als eifersüchtiger Ehemann und rücksichtsloser "Partner" von Murat Cem - diese Ambivalenz ist bei Schuch bestens aufgehoben.

Das Attentat selbst wird in der sechsten und letzten Folge ohne unangemessene Effekthascherei inszeniert. Stellvertretend für die zahlreichen Opfer steht ein junges Liebespaar, das sich beim Chatten im Netz kennenlernte. Es erinnert daran, dass sich der Anschlag vom Breitscheidplatz gegen alle Menschen richtete und unter den Opfern auch solche waren, die aufgrund ihres Aussehens oder der vermuteten Religionszugehörigkeit schnell in der Schublade der Verdächtigen landen.

infobox: "Breitscheidplatz 19/12", sechsteilige Serie, Regie: David Nawrath, Buch: David Marian, David Nawrath, Kamera: Tim Kuhn, Produktion: Neue Spur (ARD-Mediathek/RBB/HR/NDR/Degeto, seit 30.10.26, ARD, 1.11.26, 21.45-23.15 Uhr, 6.11.26, 23.55-2.58 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 30.10.2026 09:50

Thomas Gehringer

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KRBB, Serie, Nawrath, Marian, Gehringer

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