Einstellung der "Nowaja Gaseta" löst Welle der Solidarität aus - epd medien

02.11.2026 11:49

Über mehr als drei Jahrzehnte war sie eine der wenigen unabhängigen Stimmen in der russischen Medienlandschaft. Jetzt hat die "Nowaja Gaseta" das Ende ihres Erscheinens angekündigt. Grund sind Repressionen der russischen Behörden.

Lettische und russische Ausgabe der "Nowaja Gaseta Europe" aus dem Jahr 2022

Frankfurt a.M. (epd). Die angekündigte Einstellung der unabhängigen russischen Zeitung "Nowaja Gaseta" hat eine internationale Welle des Protests und der Solidarität ausgelöst. Die Zeitung, die als eine der letzten unabhängigen Stimmen in der russischen Medienlandschaft galt, stellt laut eigener Mitteilung vom Freitag ihr Erscheinen zum 9. November ein. Grund seien die anhaltenden Repressionen der russischen Behörden.

Das norwegische Nobelkomitee, das den Mitbegründer und langjährigen Chefredakteur der Zeitung, Dmitri Muratow, für seinen mutigen Kampf für die Meinungsfreiheit in Russland 2021 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet hatte, zeigte sich "zutiefst besorgt" über die erzwungene Einstellung. "Die Schließung ist ein schwerer Schlag für die Meinungsfreiheit und das Recht der Öffentlichkeit auf Information", sagte der Vorsitzende des Komitees, Jørgen Watne Frydnes. Er forderte die russischen Behörden auf, ihre Unterdrückung unabhängiger Medien, Journalisten und der Zivilgesellschaft zu beenden.

"Verheerender Verlust"

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erklärte, die Schließung sei ein "verheerender Verlust für alle Menschen in Russland, die sich auf unabhängigen, investigativen Journalismus verlassen, um die Wahrheit aufzudecken". Die russischen Behörden hätten mit einer jahrzehntelangen Kampagne die freien Medien in dem Land fast vollständig ausgelöscht. Amnesty forderte, dass Journalisten in der Lage sein müssten, ohne Angst vor Schikanen, Strafverfolgung oder Gewalt zu arbeiten.

Der Generalsekretär von Reporter ohne Grenzen (RSF), Thibaut Bruttin, warf die Frage auf, ob Wladimir Putin die "Nowaja Gaseta" tatsächlich zu einem Symbol seiner Unterdrückung der freien Presse habe machen wollen. Die Zeitung werde stattdessen für immer das Symbol eines freien, pluralistischen, unabhängigen und kritischen Journalismus bleiben und ein Vorbild für die gesamte Branche weltweit. "Die 'Nowaja Gaseta' wird niemals aufhören, uns zu inspirieren. Wir sind die 'Nowaja Gaseta'. Und wir sind viele", sagte Bruttin.

Starthilfe von Gorbatschow

In ihrer Mitteilung vom Freitag hatte die Zeitung erklärt: "Am 9. November werden wir das Licht in dem Haus ausschalten, in dem wir 30 Jahre lang gelebt haben, unsere Server abschalten und gehen. Die Zeitung existiert nicht mehr. Die russischen Behörden und die russischen Sicherheitsdienste haben unsere Redaktion gezwungen, ihren Betrieb einzustellen." Und etwas weiter unten hieß es: "Wir sind nicht gestorben, sie haben uns ermordet."

Gegründet wurde die Zeitung im April 1993. Das Geld für die ersten Computer stellte das ehemalige sowjetische Staatsoberhaupt Michail Gorbatschow aus seinem 1990 erhaltenen Friedensnobelpreis zur Verfügung. Über die Jahre hinweg berichtete die Zeitung unter anderem über Korruption in Russland, organisierte Kriminalität, deren Verbindung zu russischen Amtsträgern und engagierte sich für die Einhaltung der Menschenrechte.

Schikanen und Ermordungen

Den russischen Behörden wurde die Berichterstattung zunehmend ein Dorn im Auge. Es gab offensichtlich willkürliche Verhaftungen. Mehrere Journalisten der Zeitung wurden ermordet. Das prominenteste Opfer war Anna Politkowskaja: Die Journalistin hatte während des Tschetschenien-Krieges Verbrechen der russischen Armee und der mit ihr verbündeten paramilitärischen tschetschenischen Gruppen aufgedeckt. Sie wurde am 7. Oktober 2006 vor ihrem Wohnhaus in Moskau mit mehreren Schüssen getötet. Der unmaskierte Täter wurde von einer Überwachungskamera gefilmt und identifiziert, aber von der Polizei nie gefasst.

Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine Anfang 2022 hatte ein Großteil der Belegschaft der "Nowaja Gaseta" Russland verlassen, um in Lettland die "Nowaja Gaseta Europe" zu gründen. Der endgültige Schlag kam in Form einer Räumungsaufforderung für die in Moskau verbliebene Redaktion. Zudem wurde der Zugang zu Online-Spenden gesperrt, wie Amnesty International erklärte. "Auch wenn diese Maßnahmen von privaten Akteuren durchgeführt wurden, steht die Rolle der Behörden außer Frage", so die Menschenrechtsorganisation. "Nowaja Gaseta Europe" wird nach Informationen des Nobelkomitees weiterarbeiten.

koe



Zuerst veröffentlicht 02.11.2026 12:49 Letzte Änderung: 02.11.2026 12:50

Schlagworte: Russland, Medien, NEU

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