03.11.2026 09:10
Dokumentation "Die Wechseljahre. Zu heiß für Deutschland?"
epd Es geht los mit Hitzewallungen, dann treten Schlafstörungen auf, schließlich kommen noch Wortfindungsschwierigkeiten hinzu. Die Wechseljahre kündigen sich an. Neun Millionen Frauen zwischen 40 und 50 haben derzeit mit solchen Misshelligkeiten zu kämpfen, manche spüren fast nichts, andere wieder leiden obendrein noch unter Kopfschmerzen und Depressionen.
Wussten sie zuvor, was auf sie zukommt? Sagt ihnen ein Arzt, was zu tun ist? Gibt es ein Medikament? Was es gibt, so insinuiert die Dokumentation "Wechseljahre. Zu heiß für Deutschland?" von Antonia Coenen und Sabine Heinrich, ist eine allgemeine Fassungslosigkeit, eine Ahnungslosigkeit, eine Ratlosigkeit. Die Wechseljahre seien, behaupten die Autorinnen, "ein blinder Fleck in der Gesundheitsfürsorge".
Sabine Heinrich, 49 Jahre alt, die durch den Film führt, bekennt zu Anfang, dass sie nicht begriff, was mit ihr geschah, als die ersten Symptome auftauchten. Und dass sie deshalb aufbrechen musste, um diesen Film zu machen und so den Schleier über dem Geheimnis "Wechseljahre" zu lüften.
Diese zweifelhafte Prämisse wird glücklicherweise von der Presenterin selbst bald widerlegt, wenn sie engagierte Frauenärztinnen und Beraterinnen aufsucht. Diese leiten zum Beispiel Gesprächskreise, in denen die Beteiligten in schöner Offenheit darlegen, was in der Menopause mit ihnen passiert, alle hören zu und steuern eigene Erfahrungen bei. Man darf schon sagen, dass Frauen im Zeitalter des Internets und der Frauenemanzipation eine Holschuld haben, was Informationen zu den Wechseljahren betrifft, man kriegt sie quasi an jeder Straßenecke.
Es stimmt also nicht ganz, dass Wechseljahre immer noch ein Tabu sind, und so wirkt Sabine Heinrich auch etwas verkrampft, wenn sie sich beim Brechen des vermeintlichen Tabus auf der üblichen Empörungsschiene inszeniert.
Eine andere Frage ist, was gesundheitspolitisch daraus folgt, dass Frauen die Wechseljahre durchmachen müssen, zum Beispiel am Arbeitsplatz. Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Der Film bietet interessante Informationen, darunter eine, die man kaum glauben kann: Die Wechseljahre, so bestätigen es Ärztinnen, würden im Medizinstudium kaum behandelt, nicht mal beim Spezialgebiet Gynäkologie. Nun, da muss dringend nachgebessert werden.
Eine Szene mit nicht mehr ganz jungen Polizistinnen zeigt, dass ältere Ordnungshüterinnen nicht mit Rücksicht rechnen können, wenn sie ins kritische Alter vorgerückt sind. Immerhin war hier auch Humor dabei. An den Wänden hingen Sprüche wie: "Friede, Freude, Eierstöcke". Erfreulich war auch der Kurzauftritt des als "Gynäkollege" auf Instagram Rat gebenden Arzt Mertcan Usluer, der seine Follower mit "Digger" anredet und Aufklärung verspricht.
Wichtiger ist die Frage nach den Konsequenzen. Wie kann man den Frauen helfen? Immerhin steht sogar im Koalitionsvertrag, dass das Thema angegangen werden soll. Sabine Heinrich fährt mit Team nach England, wo Fitnesstrainer über Spezialwissen verfügen und Gesetze den Anspruch von älteren Frauen im Arbeitsleben auf Ruheräume untermauern. Zurück in Deutschland erfährt die Interviewerin von der Gesundheitsministerin nur, dass "Rahmenrichtlinien" entwickelt werden sollen. Auch die Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung kommt nur auf einen "Empfehlungskatalog".
Deutschland ist ein Entwicklungsland, was Rücksicht auf Frauen in der Menopause betrifft, da muss etwas geändert werden. Eine Ökonomin hat ausgerechnet, dass infolge von Produktivitätsverlusten durch nachlassende Arbeitskraft leidender älterer Frauen der Volkswirtschaft pro Jahr rund neun Milliarden Euro verloren gehen. Da neun Millionen Frauen betroffen sind, kann man sich leicht ausrechnen, wie viel jede Frau in den Wechseljahren, die arbeiten geht, das Land im Jahr kostet.
Man sollte mit solchen Berechnungen aber vorsichtig sein. Wenn demnächst jemand ausrechnet, um wie viel Prozentpunkte die deutsche Produktivität sinkt, weil Männer zwischen 50 und 60 am Montag wegen Katers und Kopfschmerztabletten in ihrer Konzentration nachlassen und wir immer so weiter machen mit den Verlustkalkulationen, kommen wir irgendwann darauf, dass die gesamte Volkswirtschaft sich im Minusbereich abspielt. Frauen haben lange gekämpft, bis die Ausrede, sie bekämen die Babys und sollten deshalb nicht arbeiten gehen und auch nicht eingestellt werden, nicht mehr zog. Jetzt verlangen sie wegen der Wechseljahre allerlei Sonderrechte. Und was sagt der Arbeitgeber dazu? Im Zweifelsfall stellt er keine Frauen mehr ein.
So können Dokumentationen wie diese, die dafür gemacht werden, Frauenbelangen mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, auch zum Bumerang werden. Der bessere Ansatz wäre gewesen, bei der Medizin nachzufragen, wie sie die Folgen des Östrogenabbaus im weiblichen Körper ausgleichen kann. Es gibt die Hormonersatztherapie, dazu sagte die Doku fast nichts. Warum nicht lieber Pillen statt Ruheräume? Und mehr Forschung zum Hormonersatz?
infobox: "ARD Story: Die Wechseljahre. Zu heiß für Deutschland?", Dokumentation mit Sabine Heinrich, Regie und Buch: Antonia Coenen, Sabine Heinrich, Kamera: Susanne Erler, Beate Scherer, Fridolin Schöpper, Produktion: Loude (ARD/WDR, 12.10.26, 22.50-23.35 Uhr und in der ARD-Mediathek)
Zuerst veröffentlicht 03.11.2026 10:10
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KWDR, Heinrich, Coenen, Dokumentation, Sichtermann
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