04.11.2026 08:20
Hörspiel "Wir sind das Volk" Luise Voigt und Eva Bormann
epd "Freiheit" und "Wir sind das Volk": Wenige Schlagworte sind in den vergangenen Jahren so missbraucht worden wie diese. Der Streit um die Begriffe geht oft zulasten des Zuhörens: Statt zu fragen, was dieser oder jener Begriff meint oder meinen darf, könnte das demokratische Interesse ja auch darin bestehen zu fragen: Was sagen denn die Leute, wenn man sie wirklich reden lässt? Vorausgesetzt, dass Reden mehr heißt als nur eine Meinung kundzutun, und Zuhören mehr ist als nur Meinungs-Abgleich.
Die Regisseurin Luise Voigt und die Dramaturgin Eva Bormann hatten für ihr im Mai 2025 am Nationaltheater Weimar uraufgeführtes Bühnenstück "Wir sind das Volk" eine so einfache wie wirkungsvolle Idee. Zunächst interviewten sie zwischen Dezember 2023 und Januar 2025 50 Menschen aus Weimar und Umgebung. Klingt erst einmal nach Dokumentar-Theater, wo reale Personen von ihren realen Leben erzählen, nur eben auf der Bühne. Doch anschließend ließen Voigt und Bormann jedes Interview von Schauspielerinnen und Schauspielern einstudieren. Die fertigten sich eigens Partituren dafür an, mit jedem "Äh", jedem Mäandern, jedem Versprecher, jeder Dialekt-Einfärbung, eins zu eins.
Diese Entscheidung für eine radikale Kopie sorgt für eine Ästhetik der Meta-Authentizität: Nicht das Unmittelbare, Ungeschliffene, sondern das Gekonnte der perfekten Mimesis sorgen für Verblüffung. Über das Staunen hinaus aber entsteht ein noch viel wichtigerer Effekt: Die Aussagen der zwischen 1929 und 2008 geborenen Menschen, der Bäckereifachverkäuferin, des Handwerksmeisters, der Journalistin, des einstigen Häftlings, der Lehrerin, der Obdachlosen oder des ehemaligen Ministerpräsidenten, die hier nur durch ihre Texte anwesend sind, gewinnen dadurch, dass sie bis ins kleinste Detail ernst genommen und erarbeitet wurden, eine Aura der Gültigkeit und Würde, wie sie auch einem Gedicht Friedrich Schillers eigen sind.
Zu diesem intelligenten Text-Transfer kommt die Entscheidung, die Interviews keineswegs mit Befragungen zum Befinden, zu Lebensumständen oder politischen Meinungen anzustoßen, sondern mit einem Zitat. Als Anfangs- und Kristallisationspunkt dient ein Auszug aus Bernard-Marie Koltès' Theaterstück "Rückkehr in die Wüste" von 1988. Dieser Monolog kreist um die Frage der Konsequenzen, die sich daraus ergeben, wenn die Erde wirklich eine Kugel ist: Wie schnell bewegt man sich als Mensch auf der Erde eigentlich durch den Weltraum? Und könnte man der Erde entwischen (oder die Erde dem Menschen), wenn man kurz hochspränge und die Erde unter einem weitersaust? Landet man dann im Nichts? Die Befragten sollen dazu frei assoziieren.
Koltès' Text wirkt wie eine Starterkultur, er wird in die Gedanken- und Erfahrungswelt der unterschiedlichsten Menschen eingelassen. Was daraus entsteht, geht auf unterschiedlichste Arten buchstäblich auf. Das offene Sprechen ist oft so berührend und entwickelt einen so starken Sog, dass man irgendwann vergisst, das eingeübte politische Rechts-Links-Alarmsystem einzuschalten. Das erfordert viel Aufmerksamkeit und feine Antennen.
Im Vergleich zur Bühnenperformance fehlt dem Hörspiel naturgemäß die Anschauung und damit ein nicht unerheblicher Aspekt: Im Hörspiel wirkt es so, als würde jede Figur von jemand anderem gesprochen werden, doch jede Schauspielerin und jeder Schauspieler hat mehrere Rollen einstudiert. Auf der Bühne schlüpfen die Ensemblemitglieder manchmal mitten im Satz in eine andere Figur: Da erzählt eine Bäckereifachverkäuferin vom armen Rentner, der sich kein Stück Torte leisten könne, wohingegen Flüchtlinge aus der Ukraine oder anderen Ländern "cash, mit großen Scheinen" zahlten. Die Schauspielerin wechselt von da direkt zur Ukrainerin, die sinngemäß sagt, dass Menschen die politische Vergangenheit ihres Landes nur allzu schnell vergessen.
Solche Perspektivwechsel mögen auf dem Papier didaktisch wirken, auf der Bühne haben sie ihre aufklärerische und empathiefördernde Wirkung offenkundig nicht verfehlt. Aufs Akustische reduziert, sind sich die Wechsel weniger plakativ.
Die Monologe werden immer wieder unterbrochen durch Erfahrungsberichte des Ensembles, wie es diese Arbeit empfunden hat und den enormen Erfolg, den dieses Stück bei Kritik und Publikum erlebte. Manchmal dauert es ein paar Sekunden, bis man beim Zuhören darüber orientiert ist, in welchem Rede-Modus die Sprechenden sich gerade befinden: dem der Selbstkundgabe der Schauspielerin oder dem der vermittelten Selbstkundgabe des imitierten Menschen? Auch diese kurze Unwägbarkeit reizt zum genauen Hinhören.
Frederik Werths Elektro-Sounds erschaffen einen zusätzlichen Raum, in dem das Gesagte sich atmosphärisch spiegelt oder an dem es abprallen kann. Zwar ist der laute Beginn der ersten Folge etwas mühsam, weil unter schnellen, harten Beats unterschiedliche Aussagen zunächst aus dem Zusammenhang gerissen und aneinander gereiht werden. Im Nachhinein wird das als eine Art zu lang geratener Trailer erkennbar. Davon sollte man sich aber keinesfalls abschrecken lassen. Im Gegenteil vollzieht sich darin erst der Weg von den zerhackten Volksmeinungs-Fragmenten hin zu einem immer größeren Raum, in dem bei aller Uneinheitlichkeit Stille, Nachdenken und Vorausschauen zum Ereignis werden.
Manche Sätze sind schwer erträglich, und man ertappt sich beim Zuhören dabei, wie bereitwillig man die Urheber der Sätze verurteilen könnte. Etwa, wenn eine Frau sagt, dass sie zu viele türkische Läden sieht und fragt: "Was ist denn noch deutsch?" Ihr Fazit: "Wir fehlen!" Was ist dieses "Wir" anderes als ein völkisch gedachtes? Betreibt ein Hörspiel, das solchen Sätzen nie widerspricht oder sie einordnet, Verharmlosung? Das Erstaunliche an "Wir sind das Volk" ist, wie oft solche Sätze sich selbst aufbrechen, sodass gleichsam Licht hineinfällt. Denn dass es am Wir fehlt, wer mag da widersprechen? Das sagt zwar nicht die Frau selbst, aber so könnte man daran anknüpfen. In Gedanken. Und später vielleicht in einem realen Gespräch.
Wie konnten wir vergessen, wie gerne Menschen einander zuhören? Im Hörspiel erwähnen manche Befragte, für die das Stück eine wichtige Grenzerfahrung war, Erzählsalons und Erzählcafés, also nichtkommerzielle, nicht propagandistisch korrumpierte Räume, und fordern institutionalisierte Foren des Erzählens, die dringend nötig seien. Denn, so sagt eine Frau: "Das haben wir zu wenig gemacht nach der Wende: Uns Geschichten erzählt."
infobox: "Wir sind das Volk", vierteiliges Hörspiel nach dem gleichnamigen Theaterstück am Deutschen Nationaltheater Weimar, Regie: Luise Voigt, Buch: Luise Voigt, Eva Bormann (Deutschlandfunk Kultur, seit 7.10.26, jeweils mittwochs 22.05-23.00 Uhr und bei ARD Sounds)
Zuerst veröffentlicht 04.11.2026 09:20
Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), KDLF Kultur, Hörspiel, Bormann, Voigt, Lutz
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