Antisemitismus und Alltag - epd medien

05.11.2026 09:10

"Sie sind Jüdin? Das sieht man Ihnen überhaupt nicht an!" Bemerkungen dieser Art sind für Adriana Alkalaj, Intendantin des Jüdischen Theaters Köln, Alltag. Der Film "Doitscha" mit Oriana Schrage und Mark Waschke basiert auf dem gleichnamigen Buch von Adriana Altaras.

Adriana (Oriana Schrage, links, stehend), versucht in der Rauferei zwischen Sohn David (Yahli Yogev, links) und Vater Georg (Mark Waschke) zu schlichten

epd Bei Adriana, Georg und ihren beiden Söhnen geht es zu wie in vielen anderen Familien auch: Der Vater und der ältere, rebellierende Sohn David geraten ständig aneinander. Der jüngere Sohn Sammy wird in der Schule gemobbt. Die Mutter hat beruflich viel um die Ohren. Und die Lust auf Sex ist dem Elternpaar schon vor einiger Zeit abhandengekommen.

Gleichzeitig handelt es sich bei den Protagonisten des Fernsehfilms "Doitscha" nicht um eine Familie wie jede andere. Adriana (Oriana Schrage) ist eine jüdische Theaterregisseurin, die gerade in einer Talkshow gegen Antisemitismus Stellung bezogen hat und nun am 9. November eine Gedenkrede halten soll. Ihr Mann Georg (Mark Waschke) wiederum ist kein Jude, sondern nach Ansicht seines Sohns David (Yahli Yogev) ein "Doitscha", der glaubt, er wisse alles besser.

Während seine Mutter am liebsten alle religiösen Feiertage streichen will und sogar Jom Kippur vergisst, geht David in die Synagoge und will so schnell wie möglich nach Israel auswandern. Der stille Sammy (Adam Lukas) wiederum verschweigt seinen Eltern lieber, dass sein Ranzen von Mitschülern mit einem Davidstern und der Aufschrift "Jude" beschmiert wurde.

Proteste bei einer Lesung

Dem Drehbuch zu dem tragikomischen Familiendrama liegt der gleichnamige Roman von Adriana Altaras zugrunde. Allerdings ist die erste Auflage von "Doitscha" im Jahr 2014 erschienen. Dass sich die Situation für Jüdinnen und Juden in Deutschland seitdem weiter verschärft hat, lässt sich natürlich nicht ausblenden. Der Antisemitismus-Streit wird gleich zu Beginn mit scharfen Dialogen bei Adrianas Talkshow-Auftritt angerissen. Später verhindert eine Handvoll junger Aktivistinnen und Aktivisten mit "Free-Palestine"-Rufen die Lesung eines Schriftstellers aus Israel an Adrianas Theater.

Überflüssig sind die hitzigen Szenen der Talkshow und des Protests bei der Lesung zwar nicht, weil sie die gesellschaftliche Stimmung nach dem Pogrom vom 7. Oktober 2023 und dem folgenden Gaza-Krieg aufgreifen, aber ohne sie hätte der Film auch funktioniert. Denn die eigentliche Stärke von "Doitscha" ist der lebendig und glaubwürdig erzählte Familienalltag, das Streiten, Lieben, Lachen, Trauern und Versöhnen. Im Mittelpunkt die zunehmend überforderte Adriana, die sich ums Theater und den Zusammenhalt der Familie sorgt und zwischendurch um die richtigen Worte für ihre Rede am 9. November ringt.

Das Private und das Politische

Ester Amrami, ihr Co-Autor Momme Peters und das überzeugend spielende Ensemble finden in ihrer filmischen "Doitscha"-Version eine gute Balance zwischen dem Privaten und dem Politischen und auch zwischen dem Ernsten und dem Komischen. Dafür sorgen nicht zuletzt die sympathischen Nebenfiguren wie der väterliche Freund und Patenonkel Aron Schuster (Samuel Finzi) und die vergessliche Tante Jele (Inge Maux), die etwas Ruhe ins Tohuwabohu bringen und auch wichtige Ansprechpartner für die Kinder sind. Nach Arons überraschendem Tod springt Tante Jele als familiäre Stütze ein.

Antisemitismus wird nicht permanent thematisiert, ist aber ständig präsent, und sei es in vermeintlich wohlmeinenden Ratschlägen. Wie bereits am Abend von Adrianas Talkshow-Auftritt, als die von Nachbarn gerufene Polizei vor der Tür steht. Die harmlose Rauferei zwischen Vater Georg (Mark Waschke), den seine Sex-Pistols- und Ramones-T-Shirts als Alt-Punker ausweisen, und dem aufmüpfigen Sohn David war etwas aus dem Ruder gelaufen. Einer der beiden Polizisten erkennt Adriana wieder und lobt sie, weil sie sich bei der Talkshow gegen eine pauschale Schuldzuweisung an Moslems aussprach. Doch dann rät er ihr, den Sohn auf einem jüdischen Gymnasium anzumelden: "Man weiß nie, was über Juden gesprochen wird, wenn man nicht dabei ist."

Zum Ritual gewordene Gedenkkultur

Amrami und Peters konzentrieren sich ganz auf die Perspektive der Familie. Hier, im überschaubaren Figurenkreis, wird überzeugend von den großen Themen erzählt, vom Ringen mit der jüdischen Identität und der Religion, vom Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden, von der aktuellen antisemitischen Bedrohung sowie der zum Ritual gewordenen Gedenkkultur. Der Film verweigert auch ein beschwichtigendes Happy End. Die Eltern nehmen Sammy tatsächlich von der Schule und melden ihn auf dem jüdischen Gymnasium an, das von Sicherheitspersonal geschützt werden muss. Und Adriana gibt den Auftrag für eine offizielle Gedenkrede am 9. November wieder zurück. "Aus familiären Gründen", wie sie sagt.

Stattdessen lässt sie eine Schauspielerin auf der eigenen Theaterbühne eine Rede halten. Diese endet mit einem Witz über den Besuch des Ehepaars Rothschild aus Washington in der Gedenkstätte Auschwitz. Dass der jüdische Humor es mal wieder richten soll, ist zwar ein bisschen klischeehaft, aber mit einem irritierenden, selbstironischen Witz auf ritualisiertes Gedenken zu antworten, ist allemal sympathisch.

Immerhin rückt die Familie wieder enger zusammen. "Alles geht vorüber, auch die schlimmen Sachen", beruhigt Tante Jele die erschöpfte Adriana. Sogar Georg und David schließen Frieden. Gemeinsam mit Sammy singen sie im Auto ausgelassen einen Hit der englischen Punkrock-Band "The Clash". Der Titel: "Should I stay or should I go."

infobox: "Doitscha - Alles geht vorüber", Fernsehfilm, Regie: Ester Amrami, Buch: Ester Amrami, Momme Peters, Kamera: Omri Aloni, Produktion: Storytelle (WDR/ARD, 4.11.2026, 20.15-21.45 Uhr und in der ARD-Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 05.11.2026 10:10

Thomas Gehringer

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KARD, Fernsehfilm, Amrami, Peters, Gehringer

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