06.11.2026 09:30
Impro-Comedy-Serie "Friesenjunkies" der Brüder Belton
epd Für Falko verging in den letzten Jahren kein Tag ohne Kiffen. Weil das so nicht mehr weitergeht, beschließt der junge Mann, einen Entzug zu machen - aber wenn schon, dann richtig nobel: in einer privaten Suchtklinik für Gutbetuchte auf Sylt. Reich und prominent ist Falko (Shadi Eck) zwar nicht, aber er hat seinen Eltern erzählt, er wolle eine Weltreise machen, und die haben für ihn 9.000 Euro zusammengespart.
In der fiktiven Klinik Isebek trifft Falko auf eigenwilliges Personal und Gäste mit unterschiedlichen Macken und Charakteren. Da ist der traurige, einsame alkoholkranke "Buggi" (Martin Brambach), seit 20 Jahren Dauergast in der Klinik. Oder "Madison", die eigentlich Natalia heißt (Sylvie Meis, da spekuliert die ARD wohl auf eine social-media-affine Klientel), eine tablettenabhängige Unternehmerin, die über ihrer Arbeit und Sucht ihre zwei Kinder vernachlässigt hat und nun ständig "konkrete Lösungen" für ihr Problem von den Ärzten fordert.
Die verwöhnten, ebenfalls dauerkiffenden Zwillinge Josef und Otto (Oskar und Emil Belton) wollen partout nicht erwachsen werden und wären wegen ihrer Eskapaden längst aus der Klinik geflogen, wenn nicht ihr Vater ein Freund der taffen Klinikchefin Silke Kowalke (Marie-Lou Sellem) wäre. Gabi Daut (Nicole Heesters), früher eine Star-Modedesignerin und immer noch Grande Dame, verweigert trotz gelegentlichem Delirium tremens die Suchteinsicht, weil sie ja nur Champagner trinke. Die Gruppe wird komplettiert durch Schauspieler Roland (Stephan Luca), der gelegentlich kokst. Und dann ist da noch die geheimnisvolle Holly (Lera Abova), die ab und zu in der Klinik auftaucht, um dann wieder zu verschwinden. Falko verliebt sich Hals über Kopf in sie.
Auf der anderen Seite ist das Personal ebenfalls nicht frei von Macken oder unangenehmen Kapiteln im Lebenslauf. Der fahrige leitende Psychiater Dr. Mangerius (Peter Kurth) ist, wie sich herausstellt, weder ein Doktor, noch hat er eine Approbation, der windige Suchttherapeut Stratlater (David Schütter) hat ebenfalls dunkle biografische Flecken, die erfahrene Tiefenpsychologin Beiersdorf (Pheline Roggan) wirft gern mal ihre Prinzipien über Bord, Kunsttherapeut Moritz Bornemann (Sönke Möhring) hat einen Hang zur Esoterik und für die junge Psychotherapeutin Jannika Isebek (Marie Lina Smyrek) ist es ihre erste Stelle.
"Friesenjunkies" glänzt nicht nur mit einer bis in die Nebenrollen großartigen Besetzung (unter anderem treten Katy Karrenbauer, Dirk Martens, Marc Hosemann und Gustav Peter Wöhler auf), deren Können sich vor allem in der grandiosen Improvisation der Szenen zeigt. Die Brüder Emil und Oskar Belton, die hier nicht nur das Drehbuch schrieben und Regie führten, sondern auch selbst mitspielen, haben mit Serien wie "Die Discounter" längst bewiesen, dass sie ihr Handwerk und das Impro-Comedy-Format bestens beherrschen.
Auch bei "Freisenjunkies" sind lediglich der Handlungsrahmen, Abläufe der Szenen und Charaktere vorgegeben - der Rest ist pure Spielfreude, Liebe zu den Figuren und hohes Können. Und obwohl sich die Serie zwar fast ausschließlich im engen Rahmen der Klinik abspielt, hat sie doch durch schnelle Szenenwechsel, pointierten Schnitt und Montage eine hohe Dynamik.
Erstaunlich ist die Souveränität, mit der die durchaus ernste, manchmal gar tragische Thematik so außerordentlich unterhaltsam umgesetzt wird: "Friesenjunkies" ist witzig, ohne auf billige Pointen zu setzen. Die Serie nimmt ihre Figuren und das Thema ernst und verschweigt auch die Abgründe der Sucht nicht. Am drastischsten wird das deutlich bei der Episodenfigur Cyrus (Arman Kashani), Sohn einer reichen arabischen Familie, dessen Vater die Drogen- und Alkoholexzesse des Sohnes satthat und von der Klinik einen kalten, aber lebensgefährlichen Entzug fordert. Schwester Demski (Ute Böhnje) ist entsetzt und hält das für fahrlässig, Chefärztin Silke Kowalke sieht den zahlenden Kunden als König und setzt sich über alle medizinischen Bedenken hinweg.
Und dennoch: zwischen Gruppensitzungen und Gruppendynamik, Therapiegesprächen, Gemeinschaftsausflügen und Billardabenden, zwischen Krisen, Rückfällen und Love Interests geht es ziemlich turbulent und keineswegs bierernst zu. Der Witz mit Sinn für Skurriles und Situationskomik zeigt sich auch in Details: da gibt es etwa einen "Summstein", eine in der Kunsttherapie entstandene Plastik. In jeder Episode wird ein Klinik-Werbespot gezeigt, der aussieht, als sei er in den frühen 90ern gedreht worden und mit seinem VHS-Charme gut zum etwas verstaubten Interieur der Klinik passt.
Die Impro-Serie "Die Discounter" der Belton-Brüder hat es auf vier Staffeln gebracht. Hoffentlich folgt auch hier mehr. Stoff gäbe es genug.
infobox: "Friesenjunkies", achtteilige Impro-Comedy-Serie, Regie und Buch: Oskar Belton, Emil Belton, Kamera: David Luther, Produktion: Kleine Brüder (ARD-Mediathek/Radio Bremen/HR/Degeto, seit 6.11.26, ARD, 13. 11.26, 23.50-1.30 Uhr und 14.11.26, 23.40-1.15 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 06.11.2026 10:30
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), Streaming, Impro-Comedy, Belton, KRB, KHR, Steglich
zur Startseite von epd medien