Anke und Luise - epd medien

08.11.2026 09:15

In "Nichts wie weg" wird der Pflegerin Anke vorgeworfen, sie habe einen Patienten auf dem Gewissen. Panisch flüchtet sie im Rettungswagen und kidnappt dabei aus Versehen die lebensmüde Luise. Gemeinsam starten die beiden Frauen einen sehenswerten Roadtrip.

ZDF-Fernsehfilm "Nichts wie weg" mit Ulrike Kriener

Luise Dobertin (Ulrike Kriener, links) und Anke (Tamara Romera Ginés) verstecken sich vor ihren Verfolgern

epd Einer attraktiven Frau, die mit flottem Cabrio auf einer Landstraße unterwegs ist, stellt sich ein Esel in den Weg. Sie setzt ihr Auto frontal gegen einen Baum. Die Frau heißt Luise, ist eine erfolgreiche Pianistin und will ihrem Leben selbst ein Ende setzen. Der Esel ist eine Eselin namens Rosi und von zu Hause abgehauen. Aber das erfährt man erst später.

Zunächst einmal wird Luise Dobertin (Ulrike Kriener) in die Notaufnahme eines Hamburger Krankenhauses eingeliefert. Der Airbag hat zwar ihren Suizid verhindert, jedoch nicht eine massive Kopfverletzung. In der überlasteten Notaufnahme trifft sie auf Schwester Anke (Tamara Romera Ginés), die dort nicht nur mit Stress und Chaos zu kämpfen hat: Ein gerade eingelieferter Patient grabscht sie an, sie reagiert spontan mit einer Ohrfeige. Dummerweise ist der Patient der Hamburger Gesundheitssenator; er verstirbt wenig später, weil ein Medikament überdosiert wurde.

Flucht im Rettungswagen

Dass Anke Bende unter Verdacht gerät, ist vor allem dem sich so kollegial gebenden Arzt Stefan Dierks (Christoph Letkowski) zu verdanken. Das macht diesen Handlungsstrang ein wenig vorhersehbar, aber das fällt bei dem Fernsehfilm "Nichts wie weg" nicht ins Gewicht. Entscheidender ist, dass die Verdächtigung und die Suche der Polizei nach ihr Anke dazu veranlasst, kopflos mit einem gerade offenstehenden Rettungswagen zu flüchten. In dem Wagen ist aber auch Luise, die dort nach Medikamenten sucht, um damit Suizid zu begehen. So werden die beiden Frauen per Zufall zu einer Schicksalsgemeinschaft auf einem ungewöhnlichen Roadtrip.

Anke stellt schnell fest, dass Luise unter fortschreitender Demenz leidet. Und es gibt Gemeinsamkeiten: Beide Frauen sind verwitwet und seit dem Tod ihrer Männer einsam. Zwar hat Luise eine erwachsene Tochter in Kiel, aber die beiden haben wenig Kontakt. Und beide lieben Musik. Weil aber Luise merkt, dass die Demenz ihr nun nach und nach auch die Musik nehmen wird, ist sie entschlossen, sich das Leben zu nehmen. Anke wiederum will Luise erst mal zu deren Tochter nach Kiel zu bringen, erzählt der Lebensmüden aber, sie würde sie in die Schweiz zur legalen Sterbehilfe bringen.

Lakonischer Witz

In diesem rundum gelungenen Buch, das ebenso glänzend von Regisseurin Sophie Averkamp umgesetzt ist, geht es um vieles: um Demenz, Suizid und Sterbehilfe, um Trauer und Einsamkeit und Freundschaft; um haltlose Zustände in Notaufnahmen, um Verantwortung, Familien - und nicht zuletzt die Liebe zur Musik. Das klingt erst einmal bleischwer, ist aber unglaublich leichtfüßig inszeniert und gespielt. Die Dramaturgie verknüpft geschmeidig Themen, Figuren (inklusive Eselin Rosi) und Handlungsstränge und lässt keine Sekunde Langeweile aufkommen. Die Inszenierung überzeugt mit viel Liebe zum Detail, mit pointierten Dialogen und lakonischem Witz, der jedoch nie auf Kosten der ernsten Themen geht.

Der famosen Ulrike Kriener zuzusehen, ist auch diesmal ein Fest. Die fortschreitende Demenz ist hier präzise beobachtet und sehr glaubwürdig gespielt: die Suche nach Wörtern, das funktionierende Langzeit- und das versagende Kurzzeitgedächtnis. Ulrike Kriener zeigt die wohl schrecklichste Phase der Demenz, jene, in der man noch reflektieren kann und das Verschwinden des Gedächtnisses und der eigenen Fähigkeiten schmerzhaft bewusst ist. Gleichzeitig ist Luise eine selbstbewusste, attraktive und energische "Grande Dame" und auch mit 70 alles andere als unscheinbar. Überzeugend daher auch ihre Verzweiflung und die Entschlossenheit, sich das Heft nicht aus der Hand nehmen zu lassen: "Ich werde ganz sicher nicht am Ende meines Lebens wie Gemüse vor mich hin dämmern und mir die Bettpfanne unterschieben lassen!"

Tamara Romera Ginés als Anke ist eine Partnerin auf Augenhöhe: Anke ist empathisch, nimmt Verantwortung ernst, zugleich strahlt sie mit erfrischender Spontanität und unverstellter Emotionalität. Beide Schauspielerinnen zusammen sind umwerfend. Die Szenen und Dialoge zwischen ihnen sind von beeindruckender Intensität und Dichte, kein Wunder, dass manche Szenen - obwohl der Film wirklich nicht sentimental ist - die Tränen in die Augen treiben. Diesem Film wünscht man ein großes Publikum und viele Preise.

infobox: "Nichts wie weg", Fernsehfilm, Regie: Sophie Averkamp, Buch: Elke Schuch, Kamera: Jana Lämmerer, Produktion: Nordfilm (ZDF-Mediathek, seit 31.10.26, ZDF, 9.11.26, 20.15-21.45 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 08.11.2026 10:15

Ulrike Steglich

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Fernsehfilm, Averkamp, Schuch, Steglich, Kriener

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