02.04.2025 07:45
Die Dokuserie "Germanwings - Was geschah an Bord von Flug 9525" bei Sky
epd Am 24. März jährte sich der Absturz des Germanwings-Flugs 9525 in den französischen Alpen zum zehnten Mal. Die Ermittlungen ergaben, dass der Copilot Andreas Lubitz den Absturz willentlich herbeigeführt hatte. Bereits im Januar hat der WDR die Dokuserie "Der Germanwings-Absturz: Chronologie eines Verbrechens" vorgelegt, die den Absturz und seine Folgen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Zwar wirkte der WDR-Vierteiler überfrachtet und breitete Lubitz' Patientenakten in unangenehmer Weise aus, doch insgesamt legte die Autorin Justine Rosenkranz eine gut recherchierte, vielstimmige Gesamtbetrachtung des Falles vor, die auch Unklarheiten in den Ermittlungsergebnissen kritisiert, ohne sie überzubewerten.
Genau das ist in der dreiteiligen Dokuserie "Germanwings - Was geschah an Bord von Flug 9525?", die bei Sky zu sehen ist, nicht der Fall. Zweck der Recherche war offenbar in erster Linie, Zweifel an den offiziellen Untersuchungsergebnissen zu säen, ohne dabei selbst Stellung beziehen zu müssen oder sich um ein umfassendes Fact-Checking zu bemühen.
Die erste Folge beginnt zunächst unverdächtig und erzählt die Ereignisse des Absturztages und der Tage danach vor allem anhand von O-Tönen einiger Journalisten nach, die damals über den Fall berichteten. Darunter ist auch Nicola Clark, damals Reporterin der "New York Times", die kurz nach dem Absturz exklusiv berichtete, dass die Ermittler Lubitz als Schuldigen ausgemacht hatten.
Auf eine Erzählstimme wird verzichtet. Die Dokuserie besteht aus Interviews und vor allem aus Archivmaterial wie O-Tönen aus Nachrichtensendungen und abgefilmten Schlagzeilen aus deutscher und internationaler Berichterstattung, mit denen sich das Geschehen wenig inspiriert nacherzählen lässt. Der Eindruck drängt sich auf, dass der Film kostengünstig produziert werden musste, aber trotzdem viel Aufsehen erregen sollte.
Neben den Journalistinnen und Journalisten kommen auch Hinterbliebene der Opfer zu Wort. Anders als in der WDR-Doku geht es hier weniger um deren Umgang mit der Trauer als um ihren Blick auf die Ermittlungen, die in der zweiten Folge in den Fokus rücken. Angehörige berichten, wie sie im Beisein der französischen Staatsanwaltschaft die Aufnahme des Cockpit-Rekorders abhören konnten. Ihre minutiöse Nacherzählung des Gehörten könnte für sich stehen, doch die Dokumentation setzt noch einen drauf und unterlegt im Anschluss Bilder, die langsam an die Absturzstelle heranzoomen, mit einer nach der Erinnerung der Angehörigen nachvertonten Version der Aufnahmen - vermutlich, um der These von einer unzureichenden Auswertung des Rekorders durch die französischen Ermittler größeres Gewicht zu verleihen.
So beginnt die Doku ihre Mission, Zweifel am offiziellen Untersuchungsergebnis zu säen, um sich in der dritten Folge schließlich in einer fast schon verschwörerisch anmutenden Erzählung von einem anderen Hergang des Absturzes zu verstricken. Das alles geschieht eher suggestiv, eine eigenständige Einordnung liefert der Film nicht.
Ausführlich kommt der österreichische Softwareentwickler Simon Hradecky zu Wort, der mit dem "Aviation Herald" eine international durchaus angesehene Quelle für Informationen über Flugzwischenfälle betreibt. Hradecky berichtet in der Doku wie auch in einem rund 700-seitigen Buch von den Ergebnissen seiner eigenen Untersuchung und skizziert einen alternativen Hergang des Absturzes.
Vereinfacht gesagt geht die These so: Ein Ausfall des Bordcomputers, und nicht etwa der Copilot, habe für die Einstellung der niedrigen Flughöhe gesorgt. Genau in dem Moment, als Lubitz alleine im Cockpit war und - laut dieser Theorie - möglicherweise auch noch ohnmächtig. Der Flugkapitän kam nicht mehr ins Cockpit, weil obendrein das Keypad für den Notfallcode ausgefallen sein könnte.
Dass Hradeckys Theorie in der Doku erwähnt wird, ist okay. Doch alternative Stimmen oder konkrete Ermittlungsergebnisse, die hier nebulös immer wieder kritisiert werden, finden kaum Eingang, obwohl Hradeckys Theorie der Einschätzung namhafter Flugsicherheitsexperten widerspricht.
Keine inhaltlichen Antworten auf die in der Serie gestellten Fragen.
Die Dokumentation endet mit einer Einblendung, die darauf verweist, dass der Flugzeughersteller Airbus, die Lufthansa, die französische Staatsanwaltschaft und die französische Flugunfalluntersuchungsbehörde BEA "gegenüber den Produzenten der Serie keine inhaltlichen Antworten auf die in der Serie gestellten Fragen" gegeben hätten.
In einem Interview mit dem Luftfahrtjournalisten Patrick Becker berichtet der Düsseldorfer Staatsanwalt Christoph Kumpa, der die Ermittlungen in Deutschland leitete und in der WDR-Doku kritisch befragt wird, er sei für den Film angefragt worden. Wegen der Mitwirkung von Hradecky habe er aber kein Interview geben wollen. Schriftlich habe er Fragen beantwortet, sein persönlicher Eindruck aber sei, "dass man es wohl lieber gesehen hätte, wenn man hätte erklären können, dass die Staatsanwaltschaft nicht zu einer Stellungnahme bereit gewesen sei".
Neben Hradecky kommt auch der Journalist Tim van Beveren zu Wort, der im Auftrag der Familie Lubitz am zweiten Jahrestag des Absturzes ein Gutachten vorgelegt hatte, das den Copiloten entlasten sollte. Einzig der Luftfahrtjournalist Andreas Spaeth bemüht sich in einem Aufeinandertreffen mit Hradecky um eine kritische Einordnung des alternativen Szenarios und übernimmt damit, was eigentlich Aufgabe der Filmemacher sein sollte.
Insgesamt drängt sich der Eindruck auf, dass an den offiziellen Ermittlungsergebnissen etwas faul sein muss - möglicherweise aus Rücksichtnahme auf die Interessen von Airbus. Dass Lubitz vor dem Absturztag laut den Ermittlungen zu Suizidmethoden und zur Cockpitverriegelung recherchierte, gerät ins Hintertreffen. Die Frage im Titel beantwortet die Dokumentation jedenfalls nicht. Suchte man ein Beispiel, um mangelnde journalistische Ausgewogenheit und Sorgfalt anschaulich zu demonstrieren: Hier ist es.
infobox: "Germanwings - Was geschah an Bord von Flug 9525?", dreiteilige Dokumentation, Regie: Nils Bökamp, Buch: Thomas Rogers, Nils Bökamp, Kamera: Emma Rosa Simon, Nikolai von Graevenitz, Produktion: The Thursday Company (Sky, seit 14.3.25)
Zuerst veröffentlicht 02.04.2025 09:45 Letzte Änderung: 03.04.2025 10:44
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KSky, Dokumentation, Germanwings, Bökamp, Rogers, Speck, NEU
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