03.04.2025 06:50
Aus der Grimme-Jury Fiktion
epd Bei den nominierten Produktionen in der Kategorie Fiktion gab es in diesem Jahr ein großes Oberthema: Die Suche nach Identität und Zugehörigkeit. Es stand bei einigen Filmen und Serien deutlich im Vordergrund, etwa bei der Serie "Die Zweiflers" oder dem Film "Der Russe ist einer, der Birken liebt". Eher im Hintergrund blieb es in einer Serie wie "Herrhausen", die die Jury nachnominierte. Aber auch bei Alfred Herrhausen beherrscht auf den zweiten Blick seine Identifikation mit seiner Rolle als Vorstandssprecher der Deutschen Bank und als Sprecher der "Deutschland AG" das Geschehen.
Dominierend waren in diesem Jahr in den meisten Produktionen die Frauen: Frauen, die auf der Kommandobrücke eines Schiffes die Befehle geben, Frauen, die die Familientradition fortführen, Frauen, die schießen, Frauen, die ihre Arbeit lieben, Frauen, die Kinder auf die Welt bringen, Frauen, die Care-Arbeit leisten, Frauen, die dafür sorgen, dass Kinder in die Schule gehen können und so eine Zukunft haben, Frauen, die im Vorzimmer der Vorstandsetage die Fäden in der Hand halten und über die Terminkalender verfügen. Wütende Frauen, ehrgeizige Frauen, müde Frauen, Frauen, die bedroht und bedrängt werden, und Frauen als Rächerinnen.
Zwei in der Fiktion nominierte Produktionen, "Player of Ibiza" (NDR) und "Das Grundgesetz der Tiere", gab die Jury nach Sichtung an die Jury Unterhaltung weiter. Beide nahm die Jury Unterhaltung gerne in ihr Sichtungsprogramm auf (vgl. weiteren Artikel in dieser Ausgabe).
Eine der großen Überraschungen der Sitzungswoche in der Grimme-Jury Fiktion war in diesem Jahr die NDR-Serie "Festmachen" von Hilke Rönnfeldt. Eine Serie, die ganz selbstverständlich Arbeitsleben zeigt: Schiffsoffizierin Malika liebt die Arbeit auf dem großen Containerschiff, auf dem sie über die Meere fährt. Sie ist Chief Mate, steht kurz vor der Beförderung zum Kapitän. Sie ist ehrgeizig und zielstrebig, alles ordnet sie ihrer Arbeit unter. Als sie ihrer Schwester am Telefon eröffnet, dass sie nicht weiß, ob sie zu ihrer Hochzeit kommen kann, sagt die: "Ich kenne niemanden, der so crazy in love mit seiner Arbeit ist wie du."
Doch dann erhält Malika einen schweren Dämpfer. Ihre neue Vorgesetzte will sich nicht für ihre Beförderung aussprechen. "Sie machen Ihre Arbeit gut, aber ich kann Sie nicht einschätzen", sagt sie der jungen Schiffsoffizierin. Und weil Malika anschließend ihren Frust an einem Untergebenen auslässt und sich ihm gegenüber rücksichtslos verhält, empfiehlt die Vorgesetzte ihr, ein paar Monate im Hafen zu arbeiten - als Festmacherin.
Den wenig glamourösen Job an Land übernimmt Malika nur widerwillig. Den neuen Kolleginnen und Kollegen begegnet sie abweisend. Sie will sich nicht in das eingespielte Team integrieren. Doch die Festmacher können ihre Arbeit nur dann gut machen, wenn sich der eine auf die andere verlassen kann.
Das Schöne an der Serie ist, wie selbstverständlich hier Themen wie Arbeitswelt, Teamarbeit, der Kampf um Autonomie und die Suche nach Zugehörigkeit verhandelt werden. Es gibt keine papierenen Erklärphrasen, hier wird nichts problematisiert und zerredet: weder dass Malika einen Migrationshintergrund hat, noch dass sie als Frau in einen Männerberuf strebt. Man kann hier den Menschen beim Leben und Arbeiten zusehen. Die Serie zeigt die karge Welt des Hafens und die glitzernde sonnige Weite der Meere und dass die Arbeit der einen ohne die der anderen nicht gelingen kann.
Salka Weber verkörpert Malika in ihrer ganzen Ambivalenz: eine Frau, die sich ihren Aufstieg in einer Männerwelt hart erkämpft hat, die aber nicht über ihre Befindlichkeiten spricht. Bei den Festmachern lernt Malika, im Wortsinn festzumachen, sich zugehörig zu fühlen und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Eine starke Parabel, die aber nichts von einem Lehrstück hat. Für die Jury war schnell klar, dass diese Serie preiswürdig ist.
Eine ganz andere Arbeitswelt zeigt "Push" (ZDF): Hier ist es der Kreißsaal, in dem die Hebammen Anna und Nalan Frauen bei der Geburt begleiten. Neu dazu kommt Hebammenschülerin Greta, die an ihrem ersten Arbeitstag vor allem lernen muss, den anderen nicht im Weg zu stehen. "Push" ist eine Krankenhausserie, in der die Hauptrollen mit Frauen besetzt sind, Männer spielen nur Nebenrollen. Im besten Fall stören sie nicht. Im Mittelpunkt stehen vier großartige Schauspielerinnen: Anna Schudt, Mariam Hage, Lydia Lehmann und Idil Üner.
Einer der jungen Männer, die ihre Frauen hier bei der Geburt begleiten, ist so überwältigt von diesem Wunder, dass er erkennt: "Ihr Frauen seid Superheldinnen!" Wenn Männer das könnten, was Frauen hier vollbringen, würden sie von nichts anderem mehr sprechen, sagt er.
"Push" stellt Care-Arbeit von Frauen in den Mittelpunkt, die Serie ist eine Ode an den Beruf der Hebamme. Sie funktioniert nach den Regeln einer klassischen Krankenhausserie, zeigt die Arbeitswelt im Krankenhaus aber ungeschönt: viel zu lange Arbeitstage, überarbeitetes Personal, müde Frauen. Auf dem Krankenhausdach sprechen sich die Kolleginnen Mut zu. Für einen Preis hat es angesichts der starken Konkurrenz in diesem Jahr nicht gereicht, doch solche Serien würden wir gerne öfter im ZDF sehen - auch im Hauptprogramm.
Superkräfte entwickelt auch die Heldin in "Angemessen Angry" (RTL): Amelie arbeitet im Housekeeping in einem Luxushotel. Ein Gast folgt ihr in die Teeküche und vergewaltigt sie dort. Wie diese Szene inszeniert ist, ist bemerkenswert. Man sieht die Vergewaltigung nicht, doch während der Mann die Frau bedrängt, fallen alle Teller und Tassen aus den Schränken und zerbrechen.
Amelie entwickelt durch das Trauma eine besondere Begabung: Sie hört die Hilferufe von Frauen, denen Gewalt angetan wird, überall in der Stadt, und wenn sie übergriffigen Männern begegnet, "sieht" sie deren Taten. Als Superheldin "Hysteria" rächt sie sich an solchen gewalttätigen Männern. Wie es sich für eine märchenhafte Erzählung wie diese gehört, gibt es einen Zauberspruch, der Amelie erlösen kann. Er lautet: "Ich glaube dir."
Die Serie von Jana Forkel und Elsa van Damke bewegt sich zwischen den Genres und wirkt dadurch sehr erfrischend. Sie wahrt die heikle Balance zwischen Comic Relief und Trauma. Die Heldin ist angemessen wütend und findet ein Ventil für ihre Wut. Amelie geht raus aus der Opferrolle und wird zur Rächerin.
Die Jury lobte an "Angemessen Angry" den Mut, das dramatische Thema Vergewaltigung kreativ zu wenden, und die Chuzpe, daraus einen Marvel-Comic zu machen. Hinzu kommt ein überragender Cast, allen voran Marie Bloching als Amelie. Eindeutig ein Grimme-Preis.
Krimis, die in früheren Jahren in der Jury Fiktion häufig eine wichtige Rolle spielten, fehlten diesmal völlig bei den Nominierungen - sieht man einmal ab von zwei Produktionen, die man dem Genre "True Crime" zurechnen könnte: Für "Zeit Verbrechen" (RTL) haben vier namhafte Regisseurinnen und Regisseure Fälle des Podcasts "Zeit Verbrechen" fiktional bearbeitet, und die ARD-Serie "Herrhausen - Der Herr des Geldes" erzählt von einem der großen bis heute ungeklärten Verbrechen der alten Bundesrepublik.
Die vier Filme, die die Regisseurinnen Mariko Minoguchi und Helene Hegemann sowie die Regisseure Jan Bonny und Faraz Shariat aus den True-Crime-Fällen des Podcasts "Zeit Verbrechen" für RTL+ gemacht haben, sind jeweils in der Machart sehr unterschiedlich und stehen jeder für sich. Die Jury entschied daher, die Produktionen nicht als Serie, sondern als Einzelproduktionen zu diskutieren und zu bewerten.
"Dezember" von Mariko Minoguchi erzählt von einem tragischen Todesfall durch Verantwortungslosigkeit und eine unglückliche Verkettung von Umständen. Der 18-jährige Tim findet nach einem Abend mit Freunden und reichlich Drogen im Club nicht mehr nach Hause. Er wird zwar von der Polizei aufgegriffen, aber nachts mitten im Wald ausgesetzt und erfriert schließlich.
Die Tragik, dass der junge Mann überlebt hätte, wenn einer der Erwachsenen, mit denen er in der Nacht zu tun hatte, Verantwortung übernommen hätte, wird in dem Film und in den Zeugenaussagen sehr deutlich. Einige Juroren fanden den stillen Film sehr eindringlich und bedrückend, anderen war er zu konventionell.
Im krassen Kontrast dazu stand "Der Panther" von Jan Bonny: Hier spielt Lars Eidinger einen V-Mann, der in eine Bande des organisierten Verbrechens eingeschleust ist und sich bei Raubzügen die Taschen vollmacht. Auch vor Gewaltexzessen schreckt er nicht zurück.
Hier war die Meinung der Jury recht einhellig, dass alles an diesem Film übertrieben ist: Lars Eidinger, der wieder einmal Lars Eidinger auf Koks spielt, der Film suhlt sich geradezu in der Brutalität der Verbrechen, die er zeigt. "Der Panther" erschien wenig glaubwürdig und erzählt wenig Neues.
Auch die zwei weiteren Beiträge, "Deine Brüder" von Helene Hegemann und "Love By Proxy" von Faraz Shariat, hatten in den Augen der Mehrheit der Jurorinnen und Juroren deutliche Schwächen.
Die Serie "Herrhausen - Herr des Geldes" (ARD/Degeto/RBB/SWR/HR) überzeugte dagegen als zeithistorische fiktionale Erzählung der späten 80er Jahre der Bundesrepublik kurz vor dem Mauerfall. Alfred Herrhausen, charismatisch und redegewandt, verblüfft seine Vorstandskollegen in der Deutschen Bank nicht nur damit, dass er fordert, den ärmsten Ländern der Welt die Schulden zu erlassen, er setzt ihnen auch noch eine Frau in die exklusive Männerrunde.
Mit seiner Forderung nach Schuldenerlass macht Herrhausen sich viele Feinde - nicht nur unter Bankern, auch in der internationalen Politik. Als Chef der sogenannten Deutschland AG ist er zugleich ein enger Vertrauter des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Und wenn "Dr. Kohl" den "Alfred" bittet, den Ungarn oder dem neuen sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow günstige Kredite anzubieten, fliegt Herrhausen nach Moskau oder Budapest - schließlich ist es auch im Sinne der Deutschen Bank, im Osten neue Märkte zu erschließen.
Die Ermordung von Alfred Herrhausen im November 1989 ist einer der großen ungeklärten Kriminalfälle. Zwar übernahm die Rote Armee Fraktion (RAF) die Verantwortung für das Sprengstoffattentat auf den Vorstandssprecher, doch die Täter sind bis heute unbekannt. Die Echtheit des Bekennerschreibens wurde angezweifelt, jahrelang hielten sich Gerüchte über die Rolle des Hessischen Verfassungsschutzes. Unklar ist auch, was die westlichen und östlichen Geheimdienste wussten und verschwiegen.
Thomas Wendrich hat für sein Buch viel in Archiven und bei Vorstandskollegen der Deutschen Bank recherchiert, Pia Strietmann hat die Strippenziehereien und Verstrickungen zwischen Wirtschaft, Politik, Geheimdiensten und Terroristen fulminant in Szene gesetzt. Die Serie ist Königsdrama und Zeitbild zugleich. In geschliffenen Dialogen bekriegen sich die feinen Herren im Vorstand der Deutschen Bank. Unterdessen löst sich der Ostblock auf und den RAF-Terroristen brechen die Geldgeber weg. Sie brauchen ein Attentat, um sich wieder ins Gespräch zu bringen.
Oliver Masucci verkörpert den ebenso gewinnenden wie ehrgeizigen Intellektuellen und Machtmenschen Herrhausen überzeugend. Er zeigt ihn als Strategen, der seinen Kollegen in den Macht- und Ränkespielen in der Deutschen Bank stets den entscheidenden Schritt voraus ist. Doch Herrhausen, der meint, die Fäden in der Hand zu halten, hängt in diesem Spiel der sich auflösenden Kräfte selbst an Fäden, die andere ziehen.
"Nach einer wahren Geschichte. Soweit Geschichte wahr sein", steht zu Beginn jeder der vier Folgen. Die Serie behauptet nicht, die letztgültige Version dieser Geschichte zu liefern. Beim Sehen wird klar, vieles von dem, was da in den später 80er Jahren gesponnen oder auch versäumt wurde, wirkt bis heute nach. Selten ist die jüngere deutsche Zeitgeschichte so zupackend und zugleich vieldeutig erzählt worden. Grimme-Preis daher für Pia Strietmann, Thomas Wendrick, Oliver Masucci und die Produzentin Gabriela Sperl, die das Projekt maßgeblich vorangetrieben hat.
Ganz anders gelagert, aber auch eine große Erzählung ist die zweite Serie, die in Frankfurt angesiedelt ist: "Die Zweiflers" (ARD/Degeto/HR) erzählt die Geschichte einer jüdischen Familie über drei Generationen hinweg. Die Großeltern Symcha und Lilka Zweifler haben den Holocaust überlebt und in Frankfurt ein gut gehendes Delikatessengeschäft aufgebaut. Nun will sich der Großvater zurückziehen und das Geschäft verkaufen. Die Enkel stehen vor der Frage, ob sie das Geschäft übernehmen, um die Tradition zu wahren. Eigentlich führen sie alle ein eigenes Leben: Enkelin Dana lebt in Israel, Enkel Samuel ist erfolgreicher Musikproduzent in Berlin. Was sind sie ihren Eltern und Großeltern schuldig? Und wie wirken die Traumata der Großelterngeneration bei ihnen nach?
"Die Zweiflers" ist eine außergewöhnliche Familienserie, die hinterfragt, wie nach dem Holocaust jüdisches Leben in Deutschland möglich ist. Sie zeigt Frankfurt so großstädtisch, chaotisch und heruntergekommen, wie man es selten sieht. Auf einem Hinterhof, beim Rauchen, bahnt sich die Liebe zwischen Samuel und Saba, der Köchin, an. Doch als Saba ein Kind erwartet, wird schnell klar, dass Samuels Familie will, dass das Kind nach jüdischer Tradition erzogen wird. Über Sabas Kopf hinweg wird die Beschneidung des kleinen Enkels und Urenkels geplant. Saba ergreift die Flucht, doch dann erkennt sie: "Wenn unser Sohn als Jude beschimpft werden wird, soll er auch wissen, dass er einer ist."
Auch hier spielt also die Frage nach der Identität eine entscheidende Rolle: Wo kommen wir her? Was wollen wir sein? Und wo fühlen wir uns zugehörig? Autor David Hadda ist selbst Enkel von Holocaust-Überlebenden, er hat die Trauer und die Schuldgefühle und die Suche nach Sicherheit ebenso in die Dialoge eingewebt wie Charme und Leichtigkeit.
Ein großartiges Schauspielensemble verkörpert die Familie Zweifler, in der selbstverständlich Deutsch, Englisch und Jiddisch gesprochen wird. Allen voran begeistert Sunnyi Mellies als übergriffige jiddische Mamme, die immer genau weiß, was das Beste für ihre Kinder und Enkelkinder ist. Eindeutig ein Grimme-Preis.
Zerrissenheit und die Suche nach einem Platz im Leben waren auch die großen Themen des Schriftstellers Franz Kafka - in der Literatur wie in seinem Leben. David Schalko und Daniel Kehlmann haben den Schriftsteller im Jahr seines 100. Todestags mit einer Serie geehrt, die Werk und Leben Kafkas in großartigen Miniaturen verwebt.
"Kafka" (ARD/NDR/ORF/BR/MDR/SWR/WDR/BB/HR/SR/ Radio Bremen) erzählt von Kafkas Freundschaft zu Max Brod, ohne den es den Schriftsteller Kafka wohl nie gegeben hätte, und dem es vor allem zu verdanken ist, dass Kafkas Schriften nicht - wie der es gewünscht hatte - vernichtet wurden. Die Serie erzählt von Kafkas schwierigen Beziehungen zu Frauen und vor allem von der schwierigen Beziehung zu seinem Vater. Sie zeigt aber auch das Komische an Kafka, seinen Humor und sein Talent, das Absurde einer Situation zu sehen und zu schildern.
Während einige Juroren die Verschränkung zwischen Leben und Werk von Kafka durchaus gelungen fanden, war anderen die Serie zu wenig experimentell und zu wenig kafkaesk. Die Umsetzung sei geradezu karikaturhaft, ihr fehle das Geheimnis, das die Werke Kafkas auszeichne.
Auch die Serie "Schwarze Früchte" (ARD Degeto) von Lamin Leroy Gibba und Sophia Ayissi wurde in der Jury kontrovers diskutiert. Während manche die Geschichte des schwarzen Künstlers Lalo (gespielt von Leroy Gibba), der nach dem plötzlichen Tod seines Vaters seinen Platz im Leben sucht, eher peinlich und nervig fanden, lobten andere sie als entlarvend und liebevoll.
Die Jury diskutierte lange über die Dialoge, die sehr genau der Sprechweise der jungen Generation abgelauscht waren. Die Art, wie hier in Spiralen um ein Thema herumgeredet werde, wie alles angesprochen, aber auch weggesprochen werde, sei ermüdend, aber das müsse man aushalten, sagten einige. Hier werde die "Gewalt der gewaltfreien Kommunikation" spürbar, meinte eine Jurorin.
Sehr viel besser kam die Anthologie-Serie "Uncivilized" (ZDF) von Bilal Bahadir und Cagdas Eren Yüksel in der Jury an. Das Team um Bilal Bahadir schildert in kurzen Schlaglichtern, wie Ereignisse wie "9/11" oder die Morde von Hanau auf die muslimische Community wirken. So löst die Weigerung eines Schülers, sich nach dem terroristischen Attentat vom 11. September in New York an einer Schweigeminute in der Klasse zu beteiligen, eine regelrechte Krise in der Schule aus. Der Vater wird von der Direktorin einbestellt, und die angehende Lehrerin Sahra wird wegen ihres Kopftuchs von Kolleginnen angegriffen.
Die gut beobachteten Alltagsszenen überzeugten die Jury vor allem durch ihre Ambivalenz. Ressentiments und latenter Rassismus sind stets präsent. Die jungen Männer und Frauen sind als Charaktere überzeugend, die Serie gibt Einblicke in ihre Gefühle, zeigt sie in ihrer Impulsivität, behauptet dabei aber nicht, dass sie "die Guten" seien.
"Uncivilized" überzeugte die Jury als politische Serie, die moralische Geschichten erzählt, ohne didaktisch zu sein. Überragend ist die Besetzung mit jungen migrantischen Schauspielern. Hier wird aus der muslimischen Community über die Community erzählt. Solche Geschichten gibt es immer noch viel zu selten im deutschen Fernsehen.
Nominiert waren diesmal nur drei Einzelstücke: Zwei der drei Filme waren Kino-Produktionen, die von TV-Sendern koproduziert worden waren. In "Shahid" erzählt die Filmemacherin Narges Kalhor davon, wie sie versucht, den Nachnamen "Shahid" loszuwerden, denn "Shahid" bedeutet Märtyrer.
Der Film, der auf mehreren Festivals ausgezeichnet wurde, erzählt mit viel Phantasie von der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der eigenen Familie und der Suche nach Identität im Clash der Kulturen. Einige Juroren lobten die Bildsprache, der Film schlage eine Brücke zwischen Orient und Okzident. Andere bemängelten, der Film reflektiere seine Mittel nicht. Die Mehrheit der Juroren befand, es sei ein Kinofilm, kein innovatives Fernsehen.
Ähnliches galt für "Der Russe ist einer, der Birken liebt" (ZDF) von Pola Beck nach dem Roman von Olga Grjasnowa, der als Kleines Fernsehspiel für das Kino produziert wurde. Auch hier konnte die Jury wenig Innovatives erkennen.
Einziger klassischer Fernsehfilm war "Ein Mann seiner Klasse" (ARD/SWR/BR) von Marc Brummund und Nicole Armbruster. Der Film nach dem Buch "Ein Mann seiner Klasse" von Christian Baron erzählt von Christian, der in Kaiserslautern in armen Verhältnissen aufwächst. Herzzerreißend ist es, wie der junge Christian seinen hart arbeitenden Vater (gespielt von Leonard Kunz) bewundert, wenn der gut drauf ist. Doch der Vater prügelt die Mutter und die Kinder, wenn er getrunken hat, und lieber lässt er seine Kinder verhungern, als von der Verwandtschaft Almosen anzunehmen.
Der Film erzählt von Klassismus und von einem Milieu, das sonst selten im Fernsehen zu sehen ist, er spielt in der weißen Unterschicht in den 90er Jahren. Er nimmt die Perspektive des Jungen ein, zeigt den Vater in seinen Widersprüchen. Beeindruckend waren die Leistungen von Leonard Kunz und Camille Loup Moltzen, der den 10-jährigen Christian spielt. Die Mehrheit der Jury war jedoch der Meinung, der Film sei zu sehr "klassisches Fernsehen".
Auch die Nominierungen für die Spezial-Preise konnten die Jury im Vergleich zu den anderen Produktionen nicht überzeugen. So gab es am Ende fünf Preise für fünf Serien und zum ersten Mal keinen Preis für einen klassischen Fernsehfilm.
Muss man deshalb von einer Krise des Fernsehfilms sprechen? Zumindest scheint der kompakte 90-Minüter in den Sendern derzeit eher stiefmütterlich behandelt zu werden. Viele mittelmäßige Reihenfilme von der Stange dominieren das Programm, selbst Produktionen für den "Tatort" oder "Polizeiruf" ragen nur noch selten heraus. Offenbar konzentrieren sich Redaktionen und Produktionsfirmen derzeit zu sehr auf mediathekentaugliche Serien. Das fiktionale Fernsehen hat durch die Streaming-Plattformen und Mediatheken viele neue Impulse bekommen, es wird vieles ausprobiert. Aber die wirklich guten Produktionen haben es in der schieren Masse der mittelmäßigen Filme und Serien umso schwerer, überhaupt gesehen zu werden.
Copyright: epd-bild/Heike Lyding
Darstellung: Autorenbox
Text: Diemut Roether ist Verantwortliche Redakteurin von epd medien. Sie war Mitglied der Jury Fiktion.
Zuerst veröffentlicht 03.04.2025 08:50 Letzte Änderung: 03.04.2025 10:26
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Auszeichnungen, Preise, Grimme-Preis, Jury-Bericht, Fiktion, Roether, NEU
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