04.04.2025 07:10
Aus der Grimme-Jury Information & Kultur
epd Alle Themen eines Jahres in gut 20 Fernseh-Produktionen? Unmöglich. Natürlich ist noch viel mehr passiert, natürlich passiert noch viel mehr. Die Auswahl, die der Jury Information & Kultur in diesem Jahr vorlag, deckte trotzdem vieles ab: Themen waren Flucht und Vertreibung, die gesellschaftlichen Folgen der Debatte um Migration und die Realitäten postmigrantischen Lebens.
Neben den vielen komplexen innerdeutschen politischen Diskursen wurden die Kriege um uns herum angeschaut, ebenso das Vermächtnis der deutschen Kolonialmacht in Ruanda, der chinesische Überwachungsstaat, die frauenfeindlichen Gesetze im Iran und die Flutung eines rumänischen Dorfes. Filmschaffende beschäftigten sich mit dem Fleischkonsum, mit Obdachlosigkeit und Drogenkonsum. Sie porträtierten einen Künstler - und erhöhten die dringend notwendige Sensibilität für Gender im Profisport.
Aus all diesen inhaltlich und formal extrem unterschiedlichen Filmen die "besten" auszuwählen, kostete uns wie üblich fast eine Woche Klausur in Marl - und viele Diskussionen. Zum Glück war die Jury redefreudig.
In einer zufällig ausgelosten Sichtungsreihenfolge begannen wir mit der ARD-Crime-Time-Serie "Warum starb Oury Jalloh?" (ARD/WDR/SWR/MDR/BR) von Bence Máté und Anna Herbst, die versucht, die Hintergründe des Todes des Mannes aus Sierra Leone zu erklären, der vor 20 Jahren gefesselt in einer Gewahrsamzelle in Dessau verbrannte. Der Tod des Geflüchteten befeuerte die überfällige Diskussion um strukturellen Rassismus bei der Polizei.
Dicht und präzise, wenn auch visuell begrenzt von formalen Vorgaben, rekonstruieren die Autorin und der Autor die Vorgänge und wagen ein "Whodunit" - das mit einer Lüge der Justizministerin endet. Wir schauten fassungslos auf einen trotz des Schreckens selbstsicher lächelnden Gesprächspartner von der Polizei. Die Formvorgaben der "Crime Time" schienen uns die Kraft dieser Dokumentation jedoch teilweise zu begrenzen: Vielleicht hätte nicht jeder Gesprächspartner und jede Gesprächspartnerin bedeutungsheischend im Halbschatten sitzen müssen.
Philipp Grüll und Erik Häussler haben mit "Ausgesetzt in der Wüste - Europas tödliche Flüchtlingswelle" (ARD/BR/DW/NDR) einen investigativen Dokumentarfilm über Geflüchtete vorgelegt, die durch die Zusammenarbeit der Europäischen Union mit nordafrikanischen Regierungen unmenschliche Behandlungen erleiden müssen: Sie werden verschleppt und ohne Wasser in der Wüste ausgesetzt.
Die Autoren schneiden die Originalzitate der beteiligten europäischen Regierungen und der Präsidentin der Europäischen Kommission gegen Erfahrungsberichte und beweisen (mal wieder) die Diskrepanz zwischen der Realität und dem, was über Wege, Motivationen und Erlebnisse von Geflüchteten diskutiert wird. Die Bilder sind erschreckend - und doch so wichtig, um die rechtspopulistischen Märchen zu entlarven, die die Stimmung in Deutschland dominieren.
Einen stark nachwirkenden, beunruhigenden Film hat die Filmemacherin Jialing Zhang für das ZDF aus Material gemacht, das in China gedreht wurde: "Total Trust - Was China der Welt nicht zeigt" präsentiert einerseits Bilder von Überwachungskameras, die die chinesische Gesellschaft rund um die Uhr observieren, und lässt andererseits Menschen zu Wort kommen, die dieses System mittragen - oder darunter leiden.
Die Ruhe, die der Film trotz der erschreckenden Tatsachen bewahrt, die Nähe, die von anonymen chinesischen Producern und Producerinnen hergestellt wird, die sich mit einem solchen Film selbst in Gefahr bringen, und das perfide Ineinandergreifen von Staatsintention und willigen Nachbarschafts-Spitzeln, hat uns überzeugt. Nach unserer Meinung eine preiswürdige Dokumentation.
Der bekannte Filmemacher Pepe Danquart versuchte sich mit "Daniel Richter - Game of Colors" (Arte/RBB) an einem Porträt von Daniel Richter. Oder hat Richter das Porträt bestellt? Ganz wurde es der Jury nicht klar, den Verdacht thematisierte aber immerhin jemand spielerisch im Film. Danquart ist Fan, verzichtet auf jedwede Art von Kritik oder Zweifel, sondern lässt Richter malen und reden. Das eine ist opulent, gekonnt, zuweilen meditativ, das andere versandet etwas in der Wortmasse.
Und wie ist es angesichts der stark kommerzialisierten, strikt monetär ausgerichteten Kunstszene zu verstehen, wenn ein Künstler sagt, Geld in seine Bilder anzulegen sei ethischer, als es an die Börse zu bringen? Wer kann sich denn Daniel Richter leisten?
Die Autorinnen und Autoren von "Die große Angst - Zukunft in Ostdeutschland?" (MDR/RBB) haben sich ein wichtiges Thema vorgenommen - und die These dazu gleich im Titel genannt: Es geht bei der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung viel um Angst. David Holland, Katja Herr, Emma Mack und Jan Lorenzen sind für den MDR durch Sachsen und die Lausitz gefahren, haben ein Kulturzentrum in Bautzen besucht, mit einer Politikerin, einem Unternehmer und Politikexperten gesprochen - und die Kabarettistin Lisa Eckhart bei einem Auftritt begleitet. Die Österreicherin spielt mit Tabus, provoziert.
Wieso ihre ambivalente "Unterhaltung" allerdings gerade im Osten Deutschlands so gut ankommt, hätte man gern von den Besuchern der Veranstaltung selbst erklärt bekommen. Die journalistische Leistung des Films beeindruckte uns, seine Form nicht immer.
Daniel Harrichs Werk beobachten wir schon lange mit großem Respekt. Wie er es schafft, immer wieder in "closed circles" hineinzukommen und dort politisch fragwürdige Zusammenhänge aufzuzeigen, haben wir oft erlebt. Die erste uns vorliegende Folge der SWR-Serie "#Unsere Erde: Kampf um Rohstoffe - Am Abgrund" heißt "Korruption - Für Öl und Gas aus Aserbaidschan". Wieder schafft es Harrich, bei eigentlich geheimen Treffen dabei zu sein, die die geopolitische Zukunft der Erde mitbestimmen sollen.
Über seinen engagierten Protagonisten, den SPD-Politiker Frank Schwabe, macht der Autor ein Netzwerk in Aserbaidschan sichtbar, durch das Menschenrechtsverletzungen mit Geschenken zugunsten von Rohstoffhandel unter den Tisch gekehrt werden. Der Erkenntnisgewinn ist groß - die inszenatorische Dramatik allerdings auch: Der Film lenkt mit Musikgewitter, Thriller-Typografie und sensationsheischenden Formulierungen zu sehr vom Inhalt ab. Das alles wäre nicht nötig gewesen, um seine Relevanz zu stärken.
Aus dieser Region hören wir selten Geschichten: Der Regisseur Matthias Wörle hat seinen Abschlussfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film München im rumänischen Apuseni-Gebirge gedreht. In der BR-Produktoin "Where we used to sleep" erzählt er von den Folgen der Flutung des Dorfes Geamána durch ein Kupferbergwerk, dessen giftige Schlammmassen den Wasserspiegel des Dorfsees ansteigen ließen.
Die Bilder sind so betörend wie dystopisch, so malerisch wie erschreckend. Wörle porträtiert die letzte Bewohnerin, eine ehemalige Verkäuferin und ihren Hund mit dem bezeichnenden Namen Duracell, sowie ihre Kuh. Atmosphärisch ist der Film stark - dennoch stellten einige von uns bei der Diskussion die Frage nach einer möglichen Romantisierung, die auch ein nicht besonders gemütlich wirkendes Dorffest mit aller inszenatorischen Kraft zu einem folkloristischen Paradies ummodelt.
Nachdem die Grimme-Jury mit dem Film "SeaWatch 3" 2020 schon einmal einen eindringlichen Film über die Seenotrettung von Geflüchteten inklusive Retter-Perspektive ausgezeichnet hatte, sind wir vom Konzept "Einhundertvier" (ARD/MDR) dennoch enorm überrascht. Denn in den ersten 85 der 90 Minuten von Jonathan Schörnigs Film entdecken wir in Echtzeit und über multiple Kameraperspektiven selbst, was bei der späteren Berichterstattung oft übergangen wird: Wie gefährlich jede einzelne dieser Rettungen ist.
Schörnig lässt seine Protagonistinnen und Protagonisten sich durch ihre Handlungen selbst vorstellen. Der Mut der beteiligten Crew wird so genauso verdeutlicht wie die Verzweiflung der Geflüchteten, die Relevanz dieser Rettungsaktionen genauso wie die unfassbare Ungerechtigkeit hinter ihrer Notwendigkeit. Wir schauen fassungslos und fasziniert zu - und erkennen die Aufforderung an, alles, was (politisch, persönlich, gesellschaftlich) folgen muss, selbst in die Wege zu leiten. Der Grimme-Preis verhilft dem Film hoffentlich zu weiterer Sichtbarkeit.
Eine aufwendige, sechsteilige Produktion ist "Die Spaltung der Welt" von Jan Peter, Jasmin Wind und Eva-Maria Fahmüller. Sehr interessiert betrachten wir die dokumentarischen Anteile dieser hybriden Erzählung. Vor allem finden wir die Auswahl von Protagonisten wie dem Schwarzen Psychiater Frantz Fanon oder der Physikerin Joan Hinton großartig.
Weniger begeistern uns die dagegen etwas zu artifiziellen Spiel-Anteile: Wieso ist es wichtig, Wernher von Braun ausgiebig als Frauenheld darzustellen? Und wieso werden die ausgezeichneten, internationalen Schauspieler dieser internationalen Produktion bei der Arte-Ausstrahlung Deutsch synchronisiert? Ging es beim Casting nicht genau darum, die Internationalität der Geschichte mit einer ebensolchen Besetzung zu verdeutlichen? Viele der thematisierten Konflikte gehen durch die Synchronisation verloren - und beweisen uns einmal mehr, dass die Angst des öffentlich-rechtlichen linearen Fernsehens, dem Publikum bloß keine Untertitel zuzumuten, so überflüssig wie ärgerlich ist.
Auch Julia Fuhr Manns Essay "Queer gewinnt - Eine Sport-Utopie" (3sat/ZDF), die sich mit Gender, Trans- und Intersexualität und Queerness im Sport beschäftigt, ist sehr interessant. Die Idee, eine Verbindung verschiedener Zeiten und Orte durch die Bewegung im Sinne einer kollektiven Körpererfahrung herzustellen, überzeugt uns. In der Diskussion gehen die Meinungen über die eingestreuten, inszeniert wirkenden Gespräche von queeren Ex-Sportler:innen allerdings auseinander.
Schwer anzuschauen, aber umso notwendiger ist Marcel Mettelsiefens Produktion "Aufwachsen im Westjordanland - Gefangen im Zorn" (Arte/ZDF), die verstörend authentisch den Alltag zweier Mädchen im Westjordanland und in Nablus schildert. Wie selbstverständlich sprechen die Kinder von Hass auf die Gegenseite - und man fragt sich verzweifelt, was das alles für die Zukunft im Nahen Osten bedeutet, selbst wenn der Krieg endlich vorbei ist.
Für "Exile never ends" (ZDF) hat die aus der Türkei stammende Filmemacherin Bahar Bektas ihre eigene Familie und damit auch sich selbst vor die Kamera geholt: In dem alles andere als journalistisch distanzierten, leisen, eindrücklichen und essayistisch anmutenden Film illustriert sie innerfamiliäres Weitergeben von Traumata, in diesem Fall Erfahrungen von Gewalt und Diskriminierung. Bektas' alevitisch-kurdische Familie war in der Türkei Verfolgungen ausgesetzt. Nachdem sie nach Europa geflüchtet war, wiederholten sich Abgrenzungserlebnisse. Dass und warum Bektas' Bruder im Gefängnis sitzt, wird nicht zum Inhalt des beeindruckenden Films, sondern zu einem der Beispiele für strukturelle Benachteiligung. Für uns gehörte er zu den besten Filmen unserer Auswahl - und erhielt demzufolge einen Preis.
"Für Immer" (NDR/SWR) von Pia Lenz erzählt von der jahrzehntelang währenden Liebe des Paares Eva und Dieter, vom Haus, in dem beide wohnen, und irgendwie auch davon, dass es gar nicht immer Liebe war. Getragen von den nahen Beobachtungen und den Tagebuchaufzeichnungen Evas, beschert uns der Film einen der bleibenden Sprüche des Kontingents. Angesichts eines Klärungsgesprächs zwischen den Eheleuten, in dem Eva Dieter seine Untreue vorhält, notiert sie lakonisch: "Er hat sich mehrfach erbrochen, dann haben wir uns wieder beruhigt."
Trotz der Stärken bleibt die Frage, worin die - selbstgewählte? - Isolation des Paares, seine Konzentration auf die Beziehung begründet liegt: Hat die Regisseurin sie inszeniert?
Steffi Niederzolls vielfach ausgezeichneter, berührender Dokumentarfilm "Sieben Winter in Teheran" (WDR) rollt einen unfassbaren Fall auf: Nach sieben Jahren Gefängnis wurde 2014 eine Studentin in Teheran wegen Mordes gehängt. Sie hatte sich nach eigener Aussage in Notwehr gegen einen Vergewaltiger verteidigt. Für eine Begnadigung hätte sie die Aussage zurücknehmen müssen. Das tat sie nicht.
In David Spaeths SWR/BR-Produktion "Wir und das Tier" erleben wir Schlachthöfe, professionelle und Hobby-Schlachter - der Film lässt uns aber zu viel aus.
Dagegen sind wir von der Nachnominierung "Hausnummer Null" im Kleinen Fernsehspiel des ZDF begeistert: Wie empathisch, respektvoll und vorsichtig Lilith Kugler in das Leben eines Berliner "Nachbarn" schaut, nämlich das des drogenabhängigen, wohnungslosen Chris, ist erstaunlich. Dass Chris dieses Publikum zulässt, ist die große Stärke des Films.
In konzentrierten 44 Minuten schafft es die Dokumentation "Deutschland am Limit? Abschiebung, Abschottung, Asyl" (ARD/WDR) von Isabel Schayani und Mareike Wilms, das komplexe Thema besser zu durchdringen, als manche längeren Produktionen - und dabei auch noch hoch investigativ und informativ zu sein. Wir sind überzeugt - und möchten die Wirkkraft mit einem Preis unterstützen.
Matthias Frickels DW-Produktion "Reclaiming History - Deutschland und der Völkermord in Ruanda" ist thematisch dringend notwendig. Und der Regisseur hat mit Samuel Ishimwe einen Protagonisten, der seine persönliche Geschichte einbringen kann. Formal scheint das Thema den Film ein wenig zu überwältigen - vielleicht ist das der Grund, dass sogar im Nachspann noch O-Töne zu hören sind.
Dann schauen wir ein weiteres Mal auf die Folgen eines immer noch währenden Krieges: Mit unmittelbaren, bedrückenden Aufnahmen der Helmkamera eines Polizisten zeigt Arndt Ginzel im ZDF-Film "White Angel - Das Ende von Marika" sowohl das Ausmaß der Zerstörung als auch die Konsequenzen für die Menschen in der Stadt Marika.
Am Ende vergeben wir noch eine Auszeichnung in der Kategorie "Spezial" an die Strg F-Autorinnen Isabell Beer und Isabel Ströh für herausragende, nachhaltige Recherchen über sexualisierte Gewalt. Ausgeezeichnet wird die Hartnäckigkeit, Akribie und Professionalität, aber auch die Sensibilität, mit der die beiden Journalistinnen und ihr Team in digitale und menschliche Abgründe eintauchen.
Und wie immer hoffen wir, dass die Filme, die im Kontingent waren, vielfach gestreamt angeguckt werden - egal, ob mit Preis oder ohne.
Copyright: Foto: fotostudioneukoelln.de
Darstellung: Autorenbox
Text: Jenni Zylka war Mitglied der Jury Information & Kultur.
Zuerst veröffentlicht 04.04.2025 09:10
Schlagworte: Medien, Auszeichnungen, Fernsehen, Preise, Grimme-Preis, Jury-Bericht, Information & Kultur, Zylka
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