19.02.2026 09:53
Berlin (epd). "Wir haben nie versprochen, nicht in den Osten zu expandieren." Mit diesem Satz läutete der Verleger Holger Friedrich am 18. September 2025 das "Projekt Halle" ein, die "Osterweiterung des Berliner Verlags". Am 20. Februar soll nun die Erstausgabe erscheinen, die "Ostdeutsche Allgemeine Zeitung", eine neue Zeitung im Jahr 2026. Es soll das "erste ostdeutsche Leitmedium mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung" werden.
Verlagsangaben zufolge wird die Zeitung unter anderem "in 6.000 Zeitungsverkaufsstellen in Ostdeutschland" erscheinen. Printausgaben gibt es allerdings nur am Wochenende, unter der Woche wird die Publikation als E-Paper verbreitet.
Friedrich will eine Zeitung aus dem Osten, für den Osten. Er hat einen Punkt: Egal ob "Leipziger Volkszeitung" und "Sächsische Zeitung" (jeweils Madsack, Hannover), "Thüringer Allgemeine" (Funke, Essen) oder "Nordkurier" (Schwäbischer Verlag, Ravensburg), sie alle werden aus Westdeutschland heraus geführt. "Wo ist die Stimme für Ostdeutschland?", sagt Friedrich über seine Motivation auf der Seite des "Projekt Halle".
Holger Friedrich, 1966 in Ost-Berlin geboren, ist selbst Quereinsteiger. Als IT-Unternehmer brachte er es zu einem Vermögen, 2019 kaufte er gemeinsam mit seiner Frau die "Berliner Zeitung". Er gab sich in der Folge gerne als Kämpfer für die (Meinungs-) Freiheit, hielt es mit diesen Werten allerdings selbst nicht immer so genau. Die "Welt" deckte auf, dass Friedrich zu DDR-Zeiten als "Informeller Mitarbeiter" von 1987 bis 1989 für die Staatssicherheit spitzelte.
Auch an einem Medienforum in Aserbaidschan mit dem diktatorischen Präsidenten des vorderasiatischen Landes, Ilham Alijew, teilzunehmen, schien für ihn unproblematisch. Gastbeiträge von Egon Krenz, als SED-Politiker für den Erhalt der Diktatur und Todesschüsse an der deutsch-deutschen Grenze mitverantwortlich, gehörten wohl zur Erweiterung des Meinungskorridors. Die "Jüdische Allgemeine" schrieb kürzlich: "Mit den politischen Rändern hat der Verleger der Berliner Zeitung ohnehin wenig Probleme."
Nun startet mit der "Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung" natürlich ein neues Projekt, das wie der Berliner Verlag unter der "Ostdeutschen Medienholding GmbH" firmiert, und Friedrich ist nicht der Chefredakteur der "OAZ", wie das Blatt kurz genannt wird. Doch die fragwürdige Nähe zu autokratischen Regimen bleibt. Parlamentskorrespondent der neuen Zeitung soll Florian Warweg werden, zuletzt bei dem Blog "NachDenkSeiten" tätig, davor bei Russia Today. Der vom russischen Staat gegründete Auslands-Propagandasender wurde im März 2022 nach dem russischen Überfall auf die Ukraine verboten.
Über die redaktionelle Aufstellung der "OAZ" ist noch wenig bekannt. Eine interessante Personalie ist der neue Chefredakteur Dorian Baganz, 1993 in Duisburg geboren. Davor war er beim "Freitag" tätig, ein eher linkes, progressives Medium, unter anderem für das Nachhaltigkeitsressort "Grünes Wissen". Er versuche, morgens noch Printzeitungen zu lesen, sagt Baganz in einem Vorstellungsvideo: "Ich bin aber ganz oft enttäuscht von dem, was ich lese."
Auch er spricht dort von "Debattenräume weiten". In der "OAZ" sollen demnach Geschichten erscheinen, die woanders nicht erscheinen würden. Weil sich andere Medienhäuser aus "einer vielleicht gewissen ideologischen, moralischen Haltung nicht trauen", führt Baganz aus. Und weiter: Es sollen Menschen angesprochen werden, die "mit der Brandmauer zur AfD irgendwie fremdeln". Die AfD werde bei der "OAZ" wie jede andere Partei behandelt, erklärt Baganz.
In dem Gespräch ist sein Sparringpartner der neue Geschäftsführer, Dirk Jehmlich, der ihm beipflichtet. "Ich weiß einfach nicht, ob das, was in der Zeitung steht, jetzt vertrauenswürdig ist", erklärt Jehmlich seine Motivation für das Projekt. Jeder Leser "sollte das Recht auf handwerklich sauberen Journalismus haben."
Der Hauptsitz der neuen Zeitung soll in Dresden sein, dort ist als Leiterin Nora Domschke vorgesehen. Sie sammelte Erfahrung bei der "Sächsischen Zeitung". Auf der ursprünglichen Seite des "Projekt Halle" waren einst Lokalausgaben für jedes Ost-Bundesland angekündigt, die "Schweriner Zeitung", die "Magdeburger Zeitung", die "Dresdener Zeitung" und die "Erfurter Zeitung". Diese werden derzeit nicht mehr angekündigt. Auf den bereits gestarteten Social-Media-Kanälen wird noch um Redakteurinnen und Redakteure geworben, auch im Netz finden sich noch mehrere freie Jobstellen.
Kurz vor dem Start wurden die publizistischen Leitlinien überarbeitet: Die "OAZ" soll die "vierte Himmelsrichtung" in der deutschen publizistischen Landschaft werden. Deutlicher als in der ursprünglichen Version solle sich von "Spaltung, Ost-West-Ideologien, Ostalgie und Opfernarrativen" abgegrenzt werden. Es wird in der deutschen Medienwelt mit Spannung beobachtet werden, wie eine neue Zeitung im Jahr 2026 angenommen wird.
Zuerst veröffentlicht 19.02.2026 10:53 Letzte Änderung: 19.02.2026 11:11
Schlagworte: Medien, Zeitungen, KORR, NEU
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