Mehrheit der Journalisten berichtet von persönlichen Anfeindungen - epd medien

26.03.2026 11:19

Über die Hälfte der Journalistinnen und Journalisten in Deutschland wurde in den vergangenen zwölf Monaten laut eigenen Aussagen mehrfach angefeindet. Das geht aus einer Untersuchung des Leipziger ECPMF und der Uni Bielefeld hervor.

Demonstrant bei einer Kundgebung von Rechtsextremen in Berlin

Leipzig (epd). Die Mehrheit von Journalisten in Deutschland berichtet einer Studie zufolge über mindestens eine persönliche Anfeindung in den vergangenen zwölf Monaten. Wie eine Zählung des Europäischen Zentrums für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF) und des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld ergab, betraf dies 65,4 Prozent. 53,4 Prozent wurden demnach mehrfach angefeindet.

Für den Bericht mit dem Titel "Strapazierter Journalismus" wurden 383 Journalisten und Journalistinnen zwischen November 2025 und Februar 2026 in einer Online-Studie befragt. Inhaltlich fokussierte der Fragebogen auf die Themenblöcke erlebte Anfeindungen und deren Auswirkungen sowie auf die Wahrnehmung aktueller Arbeitsbedingungen.

Am häufigsten werden Anfeindungen über digitale Kanäle verbreitet, aber viele Befragte erleben sie auch von Angesicht zu Angesicht, wie es weiter hieß. Anfeindungen zielen in den Augen der befragten Journalisten vorwiegend allgemein auf "die Medien", gefolgt von den journalistischen Inhalten und den Gruppen oder Personen, über die berichtet wird.

Politischer Hintergrund

73,3 Prozent der betroffenen Journalisten nahmen erlebte Anfeindungen als ideologisch motiviert wahr. 78,6 Prozent der Betroffenen gaben an, Anfeindungen häufig oder sehr häufig einem politisch rechten Hintergrund zuzuordnen. 10,6 Prozent ordneten Anfeindungen häufig oder sehr häufig einem linken Hintergrund zu, 7,7 Prozent gaben eine religiöse Motivation an. 33 Prozent der Befragten gaben an, dass Anfeindungen sie eher oder voll und ganz persönlich belasten.

20,5 Prozent waren der Meinung, dass ihre Haltung zum Publikum sich aufgrund von Anfeindungen eher oder voll und ganz verschlechtert habe. 15,4 Prozent gaben an, aus Sorge vor Anfeindungen bestimmte Themen bereits mindestens einmal nicht in Erwägung gezogen zu haben.

25,6 Prozent stimmten eher oder voll und ganz zu, dass die Stimmung in ihrem Team angespannter geworden sei. Lediglich eine Minderheit von 23,9 Prozent der Befragten gab an, dass Strukturen und Maßnahmen in ihrem Arbeitsumfeld eingeführt wurden, um mit Anfeindungen umzugehen. Zugleich berichten 36,3 Prozent, dass Anfeindungen die Solidarität im Team eher oder voll gestärkt hätten.

Über Berufsaustieg nachgedacht

Die Arbeitsbedingungen im Journalismus wurden von der überwiegenden Mehrheit als zunehmend belastend eingeschätzt. 82,4 Prozent waren der Meinung, dass ihre Arbeit verdichteter geworden sei, bei gleichbleibenden oder geringeren personellen Ressourcen.

56,6 Prozent gaben an, dass die Beschäftigungssicherheit abgenommen habe. Über drei Viertel (77,7 Prozent) waren zudem der Meinung, dass die Anforderungen an journalistische Arbeit sich durch das veränderte politische Klima und öffentliche Debatten erhöht hätten. 39 Prozent der Befragten geben an, bereits einmal über einen Berufsausstieg nachgedacht zu haben, wobei Journalistinnen dies signifikant häufiger berichteten als Journalisten.

37,5 Prozent stimmten zu, Themen nicht aus Angst vor Anfeindungen, sondern generell aufgrund gestiegener Arbeitsbelastung vermieden zu haben.

60,3 Prozent sahen die Pressefreiheit in Deutschland in Gefahr. Für 79,5 Prozent der Befragten gingen erlebte Anfeindungen im Vergleich zu strukturellen Veränderungen entweder überhaupt nicht oder nur in geringerem Maße mit beruflichen Einschränkungen einher.

Zusammenspiel macht Druck auf Branche

In dem Bericht heißt es abschließend, dass Anfeindungen gegenüber Journalistinnen und Journalisten selten isoliert aufträten. "Vielmehr wirken sie im Zusammenspiel mit zunehmendem ökonomischem Druck und steigenden strukturellen Herausforderungen im Journalismus. Für viele Befragte entsteht die Belastung im Berufsalltag aus der Kombination von politischen Anfeindungen und strukturellen Veränderungen journalistischer Arbeitsbedingungen."

Anlässlich der Studie rief der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) die Medienarbeitgeber auf, die Journalistinnen und Journalisten aktiver als bisher gegen Anfeindungen und Diffamierungen zu schützen.

DJV ruft zur Teilnahme am Schutzkodex auf

Der DJV-Vorsitzende Mika Beuster erinnerte in dem Zusammenhang daran, dass Anfeindungen und Diffamierungen von Medienschaffenden in Deutschland in den vergangenen Jahren stetig zugenommen hätten: "Umso wichtiger ist es, dass die Verlage und Sender ihrer Verantwortung für die Beschäftigten gerecht werden." Dazu gehöre die aktive Teilnahme der Sender und Verlage am Schutzkodex, der Übergriffe auf Medienschaffende bekämpfe.

Den Schutzkodex hatte eine Initiative aus mehreren Organisationen im April 2021 vorgestellt. Medienhäuser, die sich dem Kodex angeschlossen haben, erklären sich dazu bereit, bestimmte Standards zum Schutz ihrer Mitarbeiter umzusetzen. Dazu zählt zum Beispiel psychologische und juristische Unterstützung der Betroffenen bei Gewalterfahrungen. Zuletzt lehnten ARD, ZDF und Deutschlandradio den Beitritt zum Schutzkodex ab und verwiesen auf ein eigenes Netz an Schutzmaßnahmen.

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Zuerst veröffentlicht 26.03.2026 11:08 Letzte Änderung: 26.03.2026 12:19

Schlagworte: Medien, Journalismus, Kriminalität, NEU

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