Alexander Kluge mit 94 Jahren gestorben - epd medien

26.03.2026 15:32

Der Filmemacher, Autor und Medienunternehmer Alexander Kluge stirbt wenige Tage nach seinem Freund Jürgen Habermas. Kluge war einer der einflussreichsten Vertreter des Neuen Deutschen Films und als TV-Produzent ein Pionier des Privatfernsehens. "Wir werden seinesgleichen nicht mehr haben", sagt Bundespräsident Steinmeier.

Alexander Kluge im Jahr 2018

Berlin (epd). Der Filmemacher und Autor Alexander Kluge ist tot. Er starb am Mittwoch mit 94 Jahren in München, wie der Suhrkamp Verlag am Donnerstag unter Berufung auf die Familie mitteilte. Kluge wurde in den 60er und 70er Jahren als einer der einflussreichsten Vertreter des Neuen Deutschen Films bekannt, den er in Theorie und Praxis mitbegründet und weiterentwickelt hat. Der promovierte Jurist war Filmemacher, Schriftsteller, Theoretiker und Fernsehunternehmer in einer Person.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) würdigten das Schaffen Kluges. "Mit Alexander Kluge verlieren wir eine der großen intellektuellen Persönlichkeiten unseres Landes", erklärte Steinmeier. Aus Überzeugung sei dessen Arbeitsweise oft Teamwork gewesen: "Immer wieder tauschte er sich mit anderen Autoren, Künstlern und Wissenschaftlern aus oder arbeitete mit ihnen zusammen." Kluge habe stets neue Wege gesucht, um Bilder zu finden und aufzuklären. "Wir werden seinesgleichen nicht mehr haben", betonte Steinmeier.

"Unvergessen für die Fernseh- und Kinokunst"

Weimer erklärte: "Ob in Film, Literatur oder Fernsehen: Alexander Kluge hat in all diesen Medien kultur- und gesellschaftspolitische Pionierarbeit geleistet." In seinem vielfältigen Schaffen habe Kluge das Zeitgeschehen stets scharfsinnig reflektiert, immer wieder habe er die Neugier seines Publikums geweckt und die Menschen zum Weiterdenken animiert. "Alexander Kluge bleibt damit unvergessen für die gesamte deutschsprachige Fernseh- und Kinokunst", so Weimer.

Kluge kam 1932 in Halberstadt in Sachsen-Anhalt zur Welt. Dort erlebte er als Heranwachsender die Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg. Als seine Heimatstadt im letzten Kriegsjahr 1945 von den Alliierten bombardiert wurde, detonierte wenige Meter neben ihm eine Bombe. Er überlebte unverletzt.

Vertreter des Neuen Deutschen Films

Sein kritischer Blick auf die deutsche Gesellschaft der 50er Jahre mit ihrer Kombination aus Wiederaufbau und Restauration führte ihn nach einem Studium der Rechtswissenschaft, Geschichte und Kirchenmusik zur Kritischen Theorie Theodor W. Adornos und Max Horkheimers. Sie analysierte den Einfluss des Kapitalismus auf den Einzelnen und beherrschte in den 60er Jahren die Soziologie. Kluge wurde Mitarbeiter der "Frankfurter Schule".

Adorno vermittelte Kluge an den Filmregisseur Fritz Lang ("Metropolis"). In den folgenden Jahren wurde Kluge zu einem der wichtigsten Vertreter des Neuen Deutschen Films. Er war Mitinitiator des Oberhausener Manifestes, das "Papas Kino" für tot erklärte und zu einer Blüte des deutschen Autorenfilms führte. Zu seinen wichtigsten Werken zählen die Spielfilme "Abschied von gestern" (1966) und "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos" (1968).

Neben der Filmarbeit beschäftigte ihn die Frage, wie die Kritische Theorie nach dem Tod Adornos weitergeführt werden könnte. Das Ergebnis waren die Bücher "Öffentlichkeit und Erfahrung" (1972) und vor allem "Geschichte und Eigensinn" (1981) - das Werk wurde zu einem Theorieklassiker der Post-68er-Generation.

Sendefenster im Privatfernsehen

Als das Privatfernsehen aufkam, gelang Kluge ein Coup: Er wurde Ende der 80er Jahre zum Fernsehunternehmer. Mit seiner Produktionsfirma DCTP gelang es ihm, sich Sendefenster bei RTL und Sat.1 zu sichern. Kluge konterte alle Vorwürfe, mit seinen hochwertigen Kultursendungen die Zuschauer zu verschrecken, mit den Worten: "Besser ein Quotenkiller als eine Quotennutte."

In einem Interview mit dem epd betonte Kluge 2019, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland ein hohes Gut sei. Man dürfe "nicht unterschätzen, was ein intaktes öffentlich-rechtliches System vermag." Der öffentlich-rechtliche Rundfunk dürfe nicht "die Erfolge des privaten Fernsehens" nachahmen, mahnte Kluge.

Über Jahrzehnte pflegte Kluge eine Freundschaft mit dem Philosophen Jürgen Habermas, der keine zwei Wochen vor ihm starb. Der Wochenzeitung "Zeit" sagte Kluge in einem Interview nach Habermas' Tod, die Menschheit wäre gut beraten, "das Denken als Werkstatt zu begreifen. Denken ist nicht nur eine Tätigkeit des Kopfes. Es umfasst den ganzen emotionalen Haushalt des Menschen bis hin zur Haut."

kfr/sca/ema/rid



Zuerst veröffentlicht 26.03.2026 12:51 Letzte Änderung: 26.03.2026 16:32

Schlagworte: Medien, Film, Personalien, NEU

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