27.03.2026 11:32
Zum Tod von Alexander Kluge
epd Wer diese Stimme einmal gehört hat, dem blieb sie im Gedächtnis: Alexander Kluge hatte eine leise, fast raunende Stimme, aber sie war immer dringlich. Wenn er sprach, ging es ihm um etwas.
Viele seiner Sätze beendete er mit einem "Ja", das weiterdrängte, das einlud, seine Gedanken weiterzuspinnen, das besagte, dass die Geschichte hier noch nicht zu Ende war. Es ging ihm um das Erzählen, natürlich, um das Denken, das Weiterdenken, auch um die Schaffung von Gegenerzählungen. Dies aber stets in freundlichem Ton, ohne aufzutrumpfen. Als Kluge 2007 das Bundesverdienstkreuz erhielt, sagte der damalige Bundespräsident Horst Köhler zu ihm: "Sie haben die leiseste Intensität und die intensivste Sanftheit entwickelt, die ich kenne."
Der Erzähler Alexander Kluge hat Narrative geschaffen, lange bevor dieses Wort in Mode kam und in gefühlt jedem Text über Medien und Öffentlichkeit vorkam. Er setzte auf die Widerständigkeit des Erzählens, seine Bücher hat er selbst einmal als "Wagenburg der Subjektivität" bezeichnet.
Die Öffentlichkeit war sein Lebensthema. Nicht nur in seinem 1972 gemeinsam mit Oskar Negt veröffentlichten Buch "Öffentlichkeit und Erfahrung", sie beschäftigte ihn in seinen unzähligen Büchern, Artikeln, seinen Interviews, seiner Fernsehproduktion. Er sei ein "Öffentlichkeitsmacher", sagte er über sich und verglich sich mit Hemingway: "Man nennt ihn einen Dichter, aber er schreibt für die Lücke, die die Werbung lässt. Er ist auch ein Journalist und ist neugierig. Ich glaube, dass der Beruf des Journalisten oder des Öffentlichkeitsmachers einer generellen Neugierde folgt."
Öffentlichkeit und Aufklärung, das gehörte für ihn zusammen. Ende 2018 sagte er in einem Interview anlässlich des 70-jährigen Bestehens von epd medien, im Internet gebe es "im Grunde keine Öffentlichkeit". Die Öffentlichkeit sei "im Moment instabil: Keine Frage, die die Öffentlichkeit beantworten kann, wird bearbeitet. Keine Frage, die die Öffentlichkeit beurteilen soll, wird diskutiert."
Sein Rezept gegen Desinformation und die Algorithmen, die die Aufmerksamkeit im Internet lenken, beschrieb Kluge damals so: "Wo Shitstorms kommen, müssen wir Aufklärung im praktischen Sinne machen. Sie können jeder Lüge, jedem Irrtum mit einem Beweis begegnen." Man dürfe aber das Narrativ des Beweises "natürlich nicht rechthaberisch, doktrinär formulieren, sondern ebenfalls narrativ". Auch das ein typischer Kluge-Satz. Er war zwar Jurist und vertraute auf die Kraft der Rechtsprechung, schätzte jedoch den Dialog, das Gespräch, das gemeinsame Nachdenken.
Nachhaltig ist mir von meinem Besuch bei ihm in seiner Arbeitswohnung in München Schwabing im Dezember 2018 die Arriflex-Kamera in Erinnerung, die er stolz vorführte. Mit ihr nahm er damals noch immer seine Gespräche mit Hannelore Hoger oder Helge Schneider auf, in denen diese für das Kulturmagazin "10 nach 11" verschiedene Rollen übernahmen. Hoger schlüpfte dann etwa in die Rolle der Rita Ohnesorg, die seit 40 Jahren Texte vorsagte oder sie beschrieb als Diplom-Ingenieruin Barbara Dorfmann ihre Arbeit an einem Denkmal für den unbekannten Finanzsoldaten. Einige dieser Gespräche kann man sich im Archiv von dctp.tv anschauen. Sie geben Einblick in Kluges spielerische Herangehensweise an die Themen.
Es war ein intellektuelles Vergnügen, mit Kluge eine Zeitreise zurück in die Mediengeschichte zu machen, in die frühen Jahre der Bundesrepublik. Er erinnerte sich, wie er als Schüler nach dem Krieg für den amerikanischen Soldatensender AFN schwärmte: "So ein AFN Soldier fällt aus seiner Bettkoje und fängt sofort an zu moderieren. Das ist sehr lebendig. Da war die Musik, 'Chattanooga Choo Choo …‘, dieser Rhythmus, das ging den ganzen Tag so." 1952, als Student, habe er sich kein Radio leisten können, sagte er. Aber er habe immer schon mehrere Zeitungen gelesen, den Kiosk genutzt. Das behielt er bei, bis ins hohe Alter las er jeden Tag Zeitung.
Die in den Zehner Jahren stärker und lauter werdenden Ressentiments gegen Journalisten und Medien im Osten erklärte Kluge so: Die von westlichen Verlagen nach der Wiedervereinigung übernommenen Zeitungen und der 1992 neu gegründete MDR hätten eine "Scheinöffentlichkeit" gesetzt "auf die Scheinöffentlichkeit der DDR". Die Menschen in seiner Heimatstadt Halberstadt hörten "ganz genau, was Propaganda ist", sagte Kluge: "Diese Leute fühlen sich durch keine Zeitung vertreten."
Die Kindheit in Halberstadt und der Zweite Weltkrieg haben Kluge geprägt. Immer wieder erzählte er davon, wie im April 1945 ein Bombergeschwader seine Heimatstadt angriff und in Brand setzte. "Die Ohnmacht im Keller" sei eine Grunderfahrung gewesen. Zugleich habe er das damals, als 13-Jähriger, "extrem spannend" gefunden. Er habe am nächsten Tag seinen Mitschülern davon erzählen wollen, "und die größte Enttäuschung war, dass keine Schule stattfand".
Der Arztsohn studierte Jura, Geschichte und Kirchenmusik und arbeitete nach seinem Studium zunächst am Institut für Sozialforschung, in Frankfurt am Main, das damals von Theodor W. Adorno geleitet wurde, und als Rechtsanwalt. Adorno vermittelte Kluge an den Filmregisseur Fritz Lang, der aus dem amerikanischen Exil heimgekehrt war. In den 60er Jahren wurde Kluge zu einem der wichtigsten Vertreter des Neuen Deutschen Films. Er war Mitinitiator des Oberhausener Manifests, das "Papas Kino" für tot erklärte. Für seinen Debüt-Film "Abschied von gestern" mit Schwester Alexandra Kluge erhielt er 1966 bei den Filmfestspielen in Venedig den Silbernen Löwen.
Er schreibt ungefähr jeden Tag ein Buch.
Alexander Kluge war einer der produktivsten Intellektuellen der Bundesrepublik. Er schrieb Bücher und Essays, filmte, war Autor von Hörspielen und organisierte auch Ausstellungen. Die Schauspielerin Hannelore Hoger, mit der er viel zusammengearbeitet hat und die auch zeitweise seine Lebensgefährtin war, sagte einmal über ihn: "Er schreibt ungefähr jeden Tag ein Buch. Er schreibt immer."
1987 gründete Kluge die Produktionsfirma dctp, über die er nichtkommerzielles Fernsehen in die Privatsender RTL und Sat.1 einschmuggelte. Er und andere unabhängige Filmemacher hätten "das Prinzip Autorenfilm" auf das Fernsehen übertragen wollen, sagte er, "das Prinzip Unabhängigkeit, dass man nicht nur ausführt, was der Redakteur macht". Einige SPD-Medienpolitiker in Nordrhein-Westfalen hätten dort ein Gesetz gemacht, das den Privatsendern vorschrieb, dass sie "Stockwerkseigentum an die Allgemeinheit geben" müssten. Um diese sogenannten Drittsendezeiten bewarb Kluge sich mit seiner Firma dctp, um sie nach dem "Kiosk-Prinzip" mit Sendungen wie "Spiegel TV" oder mit dem Kulturmagazin "10 vor 11" zu füllen. Für "10 vor 11" zeichnete er selbst bis 2018 verantwortlich.
Besser ein Quotenkiller als eine Quotennutte.
Lange Jahre galt Kluge mit seiner Firma dctp als "Herr der Drittsendezeiten". Der Schweizer Medienmanager Roger Schawinski, der von 2003 bis 2006 Geschäftsführer von Sat.1 war, warf ihm vor, er habe mit dem Zuschlag für die Drittsendezeiten eine Lizenz zum Gelddrucken erworben, aber bei seinen Sendungen tendierten die Quoten gegen Null. Kluge konterte mit dem Satz: "Besser ein Quotenkiller als eine Quotennutte."
2010 erhielt der Fernsehmacher Kluge die Besondere Ehrung des Volkshochschulverbandes beim Grimme-Preis. In der Begründung hieß es: "Mit seinem tiefgehenden und facettenreichen Verständnis eines lebenslangen - und lustvollen - Lernens wertet Alexander Kluge das von laufender Selbstentwertung bedrohte Alltagsmedium Fernsehen in überraschender und beglückender Weise auf."
Die Neugier im besten Sinne und der Versuch, all das Neue einzuordnen, zeichnete Kluge sein Leben lang aus. Der Beruf des Journalisten oder Öffentlichkeitsmachers folge einer "generellen Neugierde, die übrigens in meiner Heimatstadt Halberstadt endemisch ist", sagte er: "Die sind alle so: Wenn sie was erleben, wollen sie es anschließend erzählen."
Ein wahnsinnig schneller, wacher Geist.
Der Regisseur Volker Schlöndorff sagte über ihn: "Alexander Kluge wird für mich immer der junge Mann bleiben, der er 1965 war, als ich ihn kennengelernt habe. Sehr jungenhaft, immer erinnernd an das Kind, das er mal gewesen ist. Ein wahnsinnig schneller, wacher Geist, der das Gegenüber sofort in ein Gespräch einbezieht."
Zehn Tage vor Alexander Kluge starb der Philosoph Jürgen Habermas, die beiden waren seit ihrer gemeinsamen Zeit am Frankfurter Institut für Sozialforschung befreundet. In einem Nachruf in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" schrieb Kluge, der Tod seines Freundes treffe ihn "in einer Zeit, in der wir ihn mehr als je bräuchten": "Seine Formel 'die Unheimlichkeit der Zeit' war nie so deutlich lesbar wie in unserem Jahr. Wir leben in einer zerrissenen Welt. Unter dem Namen Dark Enlightenment sammelt sich im Osten der USA dunkle Spiritualität. Habermas hat immer gesagt, das müssen wir beantworten." Auch Kluge hat immer danach gestrebt, das Antiaufklärerische zu beantworten. Wir bräuchten ihn jetzt mehr denn je.
infobox: Auch die Akademie der Künste trauert um ihr Mitglied Alexander Kluge. Er gehörte dort der Sektion Literatur an. Zu seinem literarischen Hauptwerk gehören "Lebensläufe" (1962), "Schlachtbeschreibung" (1964) und "Chronik der Gefühle" (2000) Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Unter anderem erhielt er 1968 den Goldenen Löwen von San Marco und gleich mehrfach den Adolf-Grimme-Preis. Für sein literarisches Schaffen bekam er den Fontane-Preis (Großer Kunstpreis) (1979), den Kleist-Preis (1985), den Bremer Literaturpreis (2001) sowie den renommierten Georg-Büchner-Preis (2003). Die Autorin Katrin Röggla sagte über ihn: "Kluge wusste wie kaum ein anderer Schriftsteller seiner Generation, dass man nie alleine schreibt. Er war ein passionierter Gesprächspartner, am Telefon und vor der Kamera, mit erstaunlicher Konzentrations- und Vorstellungskraft, der nie in seiner eigenen Zeit verloren ging." Ein kleiner Trost: Wir können Alexander Kluges raunende, dringliche Stimme weiter hören: In den Hörspielen, die der BR mit ihm und nach seinen Texten produziert hat und in den vielen Filmen, die Kluge, der auch ein großer Archivar war, auf der Website seiner Firma dctp veröffentlicht hat.
Copyright: epd-bild/Heike Lyding
Darstellung: Autorenbox
Text: Diemut Roether ist Verantwortliche Redakteurin von epd medien
Zuerst veröffentlicht 27.03.2026 12:32 Letzte Änderung: 27.03.2026 12:39
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Personen, Kluge, Roether, NEU
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