Dokumentarfilmer Heise: Wenig Raum für Experimente im Fernsehen - epd medien

10.04.2026 07:46

Am Montag ist die Dokumentation "Tschernobyl 86 - Der Super-GAU" über die Folgen der Katastrophe in der Ukraine im Ersten zu sehen. Regisseur Volker Heise hat dafür ausschließlich mit Archivmaterial gearbeitet. Filme dieser Art seien heutzutage im Fernsehen ein "Wagnis", sagt er.

Volker Heise 2025 in München

Frankfurt a.M. (epd). Der Dokumentarfilmer Volker Heise sieht für dokumentarische Experimente im Fernsehen derzeit wenig Spielraum. "Im Moment setzen alle sehr auf Sicherheit", sagte Heise dem Evangelischen Pressedienst (epd). Für Experimente gebe es wenig Raum, nicht nur bei ARD und ZDF, auch bei den Streaming-Portalen. Selbst eine Dokumentation wie "Tschernobyl 86 - Der Super GAU", den das Erste am Montag ab 23.05 Uhr zeigt, sei ein "Wagnis".

In der Dokumentation zeigt Heise, wie sich die Nachricht von der Katastrophe in der Ukraine Ende April 1986 in Europa verbreitete. Er arbeitete dafür mit Archivmaterial von deutschen, sowjetischen und anderen Sendern. "Es ist das pure Material, aus sich selbst heraus erzählt", sagte Heise: "Das kann man nicht so wegkonsumieren, da klingeln die Alarmglocken." Der Film folge nicht den Erfolgsgeheimnissen anderer dokumentarischer Formate, in denen ein Protagonist oder Host die Zuschauer an die Hand nehme.

Eine Großstadt erzählen

Heise realisierte 2009 gemeinsam mit mehr als 60 anderen Regisseuren und Autorinnen für den Rundfunk Berlin-Brandenburg und Arte die 24 Stunden dauernde Dokumentation "24 Stunden Berlin", die 24 Stunden aus dem Leben der Stadt Berlin zeigte. Eine solche Dokumentation würde er heute bei einer Redaktion nicht mehr durchkriegen, sagte Heise dem epd: "Wenn ich heute sagen würde, ich will für euch einen Tag lang Programm machen und erzählen, was in einer Stadt 24 Stunden lang passiert, bei den normalen Leuten, keine Prominente, keine Influencer - die würden mich vom Hof jagen."

Bei "24 Stunden Berlin" habe er sich gefagt, wie man im Leitmedium Fernsehen eine Großstadt erzählen könne, sagte Heise: "Daraus entstand die Idee, keinen Film zu machen, sondern ein Programm über den Alltag einer Stadt, in der Form der seriellen Endloserzählung. Das Format war damals zeitgemäß, eine Verbeugung vor dem seriellen Fernsehen, bevor es seine Vormachtstellung verlor. Heute müsste man ein anderes Format finden."

Mehrfach ausgezeichneter Regisseur

Das Fernsehen bleibe für ihn als Erzählmedium dennoch interessant, sagte Heise: "Es wird auch wieder anders werden. Dieses permanente 'More of the Same' ist irgendwann genug." Er entscheide von Fall zu Fall, in welches Medium er mit welchem Stoff gehe. Ein Regisseur müsse sehen, dass er eine "offene Tür" finde.

Der 64-jährige Heise wurde 2002 durch die Geschichtsserie "Schwarzwaldhaus 1902" bekannt, in der eine Familie aus der Stadt so lebte wie Bauern im Schwarzwald zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Für "24h Berlin" erhielt er zusammen mit dem Produzenten Thomas Kufus 2010 den Bayerischen Fernsehpreis, den Deutschen Fernsehpreis und den Robert-Geisendörfer-Preis, den Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland.

infobox: "Tschernobyl 85 - Der Super-GAU", Dokumentation, Regie und Buch: Volker Heise, Produktion: Film Five GmbH (ARD-Mediathek/RBB/NDR/SWR/BR/MDR/RB/WDR, ab 13.4.26, ARD, 13.4.26, 23-05-0.35 Uhr)

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Zuerst veröffentlicht 10.04.2026 09:46 Letzte Änderung: 10.04.2026 10:55

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Katastrophen, INT, NEU

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